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Muss man Simon Lissner erschießen?

Der Zwischenfall, über den im Folgenden zu berichten ist, ereignete sich auf dem Parteitag der Grünen vom 14. – 16. Oktober in Bonn. Während die Delegierten im Saal des World Conference Center am Freitagabend in den gewohnten Marathon von Reden und Beschlussfassungen einstiegen, gönnte sich Simon Lissner, Mitglied im hessischen Kreisverband Limburg-Weilburg, eine kleine Pause im Servicebereich der Halle. Als der Abgeordnete Anton Hofreiter, früherer Co-Vorsitzender der grünen Bundestagsfraktion und seit Ende 2021 Vorsitzender des parlamentarischen Europaausschusses, vorbeilief, machte Lissner spontan einen unbotmäßigen Spruch: “Moin Toni, was ist denn mit dir los? Ich dachte, du läufts hier im Tarnanzug auf.”

Lissner erinnert sich, eine gewisse Belustigung bei seinen Tischnachbarn erkannt zu haben, doch Hofreiter war um eine Antwort nicht verlegen: “Ich kann auch gleich mein Gewehr holen und dir die Birne wegschießen”. Die vorübergehende Heiterkeit im Servicebereich endete abrupt. Lissner liess sich Zeit, um zu überlegen, ob er auf dieses Verhalten reagieren sollte oder ob es ohnehin sinnlos wäre. Dann entschied er, dass es sich nicht um eine Bagatelle handelte. Er schrieb Hofreiter an, forderte eine Stellungnahme von ihm und setzte den Bundesvorstand seiner Partei davon in Kenntnis. Als seine E-Mail unbeantwortet blieb, gab er sie einem Freundes- und Bekanntenkreis zur Kenntnis.

Zwei der Angeschriebenen, die der Szene beigewohnt hatten, erklärten sich bereit, Lissners Darstellung zu bezeugen. Hingegen gab ihm eine andere Parteifreundin, die ebenfalls am Tisch gesessen hatte, einen Korb. Sie komme als Zeugin nicht infrage, schrieb sie an den lieben Simon, weil sie den Vorfall nicht miterlebt habe. Gleichwohl wolle sie sich dazu äußern. Lissner selbst habe die Eskalation durch eine unangemessene Bemerkung herbeigeführt. Seine Anmache habe einen wertschätzenden Umgang miteinander vermissen lassen, da dürfe er sich nicht wundern, wenn “Politiker*innen in Funktionen, wie Toni sie innehatte und hat”, auch mal “die Hutschnur reißt”

Dieses Statement fand Hofreiter wiederum so gelungen, dass er es flugs als eigene Antwort an Lissner benutzte: “Ich schließe mich ihrer Antwort komplett an und habe dem nichts hinzuzufügen”, schrieb er nun, ebenfalls den lieben Simon adressierend. Der Abgeordnete hält eine Entschuldigung für überflüssig. Er dementiert seine Wortwahl ausdrücklich nicht, und die dem linken Parteiflügel zuzurechnende Parteifreundin, deren Kommentar er dankbar entgegennimmt, zweifelt ebenfalls nicht daran, weil sie eigentlich kein Problem darin sieht.

“Die Birne wegschießen”: Man kann Lissner schon darin folgen, dass er einen Widerspruch zwischen dieser Äußerung und den ehemals geltenden grünen Grundsätzen wahrnimmt. Es geht hier ja nicht einfach um Grobheiten im zwischenmenschlichen Umgang, sondern um eine scherzhaft offenbarte Gewaltphantasie. Immerhin haben nicht wenige Politiker wegen plumper Herrenwitze ihre Ämter oder Funktionen aufgeben müssen, und der Toni, ja, der behauptet immer zu bedenken, was er sagt.

Der Politiker betreibt einen schönen persönlichen Webauftritt, in welchem er auf der Seite “Über mich” seine Liebe zur Natur (mein Antrieb) und ganz besonders zu den Bergen (in der Natur Daheim) ästhetisch ansprechend zur Schau stellt. Unter der Rubrik politische Arbeit erklärt Hofreiter, wie Politiker*innen zu einer Position kommen: “In den letzten Wochen habe ich einen Standpunkt vertreten, der viele überrascht hat: schwere Waffen an die Ukraine liefern”. Dabei habe er seine Meinungsfindung sehr ernst genommen, wie er überhaupt verantwortungsvoll und sorgfältig mit eigenen Äußerungen in der Öffentlichkeit umgehe. Unüberlegte Einwürfe seien seine Sache nicht. Manchmal aber doch?

Natürlich bezog sich das Wort “Tarnanzug” auf Hofreiters Outing als Panzerexperte und vehementer Befürworter deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine. Wie viele Mitglieder und Wähler*innen der Grünen war Lissner aus allen Wolken gefallen, als Hofreiter im April nach einem Besuch in Kiew gemeinsam mit der FDP-Politikerin Agnes Strack-Zimmermann und dem Sozialdemokraten Michael Roth eine Serie von Erklärungen abgab, wonach die Bundesrepublik sofort schwere Artillerie zu liefern habe, immer mehr, immer schwerer und immer schneller. Während Roth noch öffentlichkeitswirksam mit angeblichen Gewissensbissen rang, betätigten sich Strack-Zimmermann und Hofreiter als Vorreiter, die den Oppositionsführer im Bundestag, Friedrich Merz, blass aussehen liessen.

Demnach kann Lissner das Recht der Satire für sich in Anspruch nehmen. Er hat einen realen Sachverhalt zugespitzt, um ihn in Erinnerung zu rufen. Appelle an Empathie mit einem Scharfmacher sind in diesem Kontext fehl am Platz. Hofreiter hingegen darf behaupten, dem breiten Angebot des deutschen Humors – häufig aggressiv und manchmal eben auch exekutiv – ein grünes Exempel hinzugefügt zu haben.

Über den/die Autor*in: Detlef zum Winkel / Gastautor

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

Ein Kommentar

  1. Rudolf Winzen

    Viel Lärm um nichts. Haben wir wirklich keine anderen Probleme?

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