Deutsche Medien kriegen (mehrheitlich) nichts mehr mit

Sie drehen missionarisch frei, “wertegeleitet”. Erst eine “verbotene” Armbinde für ein ehemaliges Schalker Fussballtalent. Der Kerl war sogar auf der gleichen Schule in Gladbeck wie ich, und soll nun, zusammen mit einer Nase aus dem Fussballverband Mittelrhein, der lange in der Ermekeilstrasse direkt neben dem “Südbahnhof” (eine berüchtigte Kneipe) residierte, globale Weltpolitik machen? Hamses nich noch ‘ne Nummer grösser?

Und jetzt  die zweistündige Ausserbetriebsetzung eines mittelwichtigen Flughafens, der, seit er existiert, viele Jahre länger still vor sich hindämmerte (“im Bau”), als er überhaupt in Betrieb war.

Das meiste, was wichtig ist, wird übersehen. Keine Zeit. Keine Ahnung. Das gilt zum Glück nicht für alle, sonst hätte ich im Folgenden keinen Stoff für meine Hinweise. Aber 95% kriegen nichts mit. Ist das Absicht? Derer da oben? Des Systems? Das müssen Sie selbst entscheiden.

Michael Maier, immerhin der Herausgeber seines Blattes Berliner Zeitung, berichtet hinten im Ressort “Wirtschaft” über schwerwiegende Interessen- und Strategiegegensätze zwischen der Bundesregierung und der Frankreichs. Auch Philipp Fess/telepolis hat darauf vor wenigen Tagen aufmerksam gemacht. Mit beiden Texten dringen wir schnell zum Kern vor. Hier finden Sie das Interesse der USA am Ukrainekrieg. Hier finden Sie die hohe strategische Relevanz von Atomwaffen. Hier ist zu erkennen, dass die besonders Mächtigen im Konfliktfall am besten gleich auf beiden Seiten sitzen – die USA haben auch “ihre Leute” in der – zum Kummer von Olaf Scholz u.a. – aufgeblähten EU.

Maiers Analyse wird heute in einem FAZ-Interview (Paywall) mit der Grünen-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Katharina Dröge (aus Köln stammend) bestätigt. Sie vertritt die bemerkenswerte Einschätzung, das TTIP-Abkommen mit den USA sei nicht am stark mobilisierten Widerstand von sozialen Bewegungen gescheitert, “sondern an wirtschaft­lichen Differenzen zwischen den USA und der EU, die noch weiter bestehen. … Eine Neuauflage von TTIP wird es nicht geben.” Dä.

Auf beiden Seiten sitzen

Wie das geht, analysiert der fachkundige Andreas Rüttenauer/taz (“lebenslänglich Bayer”):One Love für das große Geschäft – Das gute Europa gegen die böse Fifa? Es tobt eine moralische Schlacht. Doch die eigentliche Kampflinie verläuft woanders. Es geht ums Geld.”

Er verschweigt auch nicht, obwohl er diese Pointe lange zurückhält, dass die Qataris und die anderen feudalen Emirate im Konflikt zwischen Fifa und Uefa (bei Letzterer wie bei der EU s.o.) auf beiden Seiten sitzen und Kontrolle ausüben. Sie wissen: Fussballfunktionäre sind noch günstiger zu kaufen als Politiker*innen.

Wichtig und vernachlässigt: Iran

Mal wieder nicht online transkribiert, also ein bisschen nebensächlich beim Deutschlandfunk: Lage im Iran: SWP-Expertin Azadeh Zamirirad sieht steigende Gefahr für einen Bürgerkrieg – Sollten ausländische Akteure ethnische Minderheiten im Iran bewaffnen, könnte die Bürgerkriegsgefahr im Land steigen, so Azadeh Zamirirad von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) im Dlf. Das könnte syrische oder libysche Verhältnisse bedeuten.” (Audio 12 min)

Gut erklärt von Frau Zamirirad, dass “Sanktionen” auch kontraproduktiv funktionieren, das mörderische Mullahregime sogar stärken und die Oppositionsbewegung (die im Inland, und das ist die Entscheidende) schwächen, wenn sie so bescheuert angelegt sind, wie sie derzeit sind.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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