Qatargate in Brüssel erscheint langsam in einem neuen Licht

Bei jeder politischen Skandal-Inszenierung gibt es eine “hidden agenda”. Es ist eine journalistische Königsdisziplin, das sichtbar zu machen. Nur in einer Minderheit der Fälle gelingt es. Schwierig ist das bspw. in Staaten, deren Verfassung eine Gewaltenteilung, also eine Unabhängigkeit der Justiz vorschreibt – während ja die Polizei ein klarer Bestandteil staatlicher Exekutive ist. Dass sie gar nicht unabhängig ist, lässt sich die Justiz zwangsläufig nicht so gerne nachweisen. Und nur wenige sind so schmerzfrei, wie Despoten der Marke Erdogan, Putin oder Trump, beim Missbrauch ebendieser Justiz und anderer Staatsorgane.

In welche Kategorie mag der marokkanische König Mohammed VI. wohl gehören? Wikipedia meint zu dem System, dem er vorsteht: “Marokko ist seit 1956 wieder unabhängig und gemäß Verfassung von 1992 eine konstitutionelle Monarchie. Der König beherrscht das Land teilweise autoritär, vor allem die Meinungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Frauen werden in Marokko unterdrückt.” Dä.

Was sagt das also über gewählte EU-Politiker*innen, die sich davon aushalten lassen? Ich bin mit meiner Meinungsbildung dazu noch nicht fertig.

Qatargate ist Marokkogate – oder umgekehrt

Was ich hier schreibe, und noch mehr der Kollege Ralf Streck bei telepolis herausgearbeitet hat, wird quasi in Echtzeit während des WM-Finales öffentlich gemacht. Dort schreiben die Mafiaorganisation Fifa und der qatarische Emiratsclan der Al-Thanis das Drehbuch. In diesem Drehbuch hat Marokko eine Hauptrolle gespielt, die sympathischste von allen. Und soll gleichzeitig politisch so fies sein? Wer wird das glauben?

Der dramaturgisch für die zahlenden Medien geradezu fantastisch (!) optimale Verlauf des WM-Finales mit der bis zur letzten Sekunde ungewissen sportlichen Krönung des von allen geliebten – auch von mir – Multimillionärs (ein “armer Tropf” gegenüber den beteiligten Staaten-, Medien- und Mafia-Lenkern) Lionel Messi … selten hatte ich so ein Gefühl von Inszenierung.

Aber was kann die “hidden agenda” sein?

Wenn ich Mohammed VI. wäre, wäre ich a.o. ungehalten darüber, wie mein Freund im Geiste Recep Tayyip Erdoğan mit EU-Milliarden und politischer Narrenfreiheit zugeschissen wird, während “ich” die gleiche, bisweilen noch brutalere, Drecksarbeit gegen Flüchtlinge leisten lasse, und den blonden Europäern die minderwertigen Massen von Schwarzen vom Hals halte. Glauben die bei der EU etwa, rassistischer Sadismus mache meinen Soldaten und Polizisten Spass? Nur weil Neger keine Araber sind?

Oder was meinen Sie, warum der EU-Politiker*innen kauft? Nunja, vorerst nur billige, also Sozialdemokrat*inn*en. Die sind mit wenig zufrieden. Wenn sie sich nur nicht so unprofessionell anstellen würden …

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net