Meine persönliche, mich schon lange quälende These ist, dass die neoliberale Individualisierungs-Ideologie in den Reihen der gesellschaftlichen Linken die meisten Verheerungen geschafft hat – quasi ein strategisches Optimum. In einem kleinen Guckloch des digital sorgfältig eingemauerten Freitag finde ich eine entsprechende Diagnose über die Partei dieses Namens: Karsten Krampitz/Freitag: Die fünf Sterbephasen der Linkspartei nach Elisabeth Kübler-Ross – Erinnert sich noch jemand, welch schillernde Truppe die PDS in den 1990ern war? Was ist passiert in der Zeit bis zur jüngsten Wahl Heidi Reichinneks und Sören Pellmanns im Bundestag?” Der muss es ja wissen.

Seine Diagnose “Wobei im Rückblick von ‘Strömungen’ nicht gesprochen werden kann, eher von Netzwerken, die die eigene Stellung im Politbetrieb sichern und verbessern sollten. Seilschaften, die sich wie ein Krebsgeschwür in den Landesverbänden breitgemacht und die Handlungslogik linker Mandatsträger bestimmt haben. … Inhalte sind weitgehend überwunden.” kann ich persönlich bestätigen – für eine andere, etwas grössere Partei. Meine These: so ähnlich ist es heute in jeder demokratischen Partei, weil s.o. Neoliberalismus.

Das ist auch der tiefere Grund für die global zu beobachtende Stärkung der Rechten. Für die Herrschenden der kapitalistischen Ökonomien wachsen sie als realistische Herrschaftsoption heran. Weil die Linke als Alternative sich selbst zerlegt, auflöst, als Wahlgewinnerin gar nicht erst infrage kommen will. Dass das nicht zwangsläufig so sein muss, wurde jüngst auf besonders schwierigem Terrain nachgewiesen: in Italien. Michael Braun/taz: Schlappe für Meloni – Bei den Wahlen auf Sardinien gewinnt die Kandidatin des Linksbündnisses – trotz interner Konflikte. Das verdankt sie auch der Zerrissenheit der Rechten.” Offenbar haben die bösen Parteiführungen die regionalen Streithähne zur Zusammenarbeit genötigt – und pardauz gewinnen die auch noch die Wahl. Unsere Oberbürgermeisterin gewann ihre Wahl vor 2 1/2 Jahren in ganz ähnlicher politischer Konstellation. Noch lange kein Grund für die beteiligten Parteien und Fraktionen, daraus zu lernen (der Dezernent wurde mittlerweile im zweiten Anlauf gewählt).

In keinem deutschen Kabarett fehlt mittlerweile eine Nummer mit einer eigenen Partei. Meine hiesse dann BMB, da liesse sich logotechnisch doch einiges draus machen, und harmoniert prächtig mit meinem Lieblingsverein BMG.

Was mit Medien

Die grossen Medien wracken ab. Schon lange. Es wird noch etwas dauern, aber die lange Linie lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Ralf Heimann/MDR-Altpapier, ein wirklich erfahrener und praxisgestählter Lokaljournalist berichtet von europaweiten Forschungen zu “Nachrichtenwüsten”. Sicher – wenn die Welt untergeht, geht sie in Bonn 10 Jahre später unter …

Und was machen die sich selbst so verstehenden linken “Alternativen”? Sie ärgern und malträtieren sich gegenseitig. Über Rötzer und telepolis habe ich selbst kürzlich berichtet. Glauben Sie nicht, dass damit irgendwas erledigt sei, und weitergearbeitet wird. Einige scheiden in Ärger und Streit, nicht ohne Nachtreten gegen Kollegen. Andere irren weiter zum nächsten Medium, weil sie sich unter prekären Arbeitsbedingungen nicht mehr genügend wertgeschätzt fühlen. Andere lassen Chefallüren raushängen (eigene Diskussionsbeiträge nennen sie “Leitartikel”, pffft). Als Leser lese ich kopfschüttelnd von den Streitereien: macht doch einfach weiter Eure Arbeit. Mann nennt es Journalismus. Und gegen mangelnde Wertschätzung gibt es Medizin: sie heisst gewerkschaftliche Gegenmacht.

Der neoliberale Klassengegner und sein faschistisches Instrument – die lachen darüber. Wenn es sie überhaupt kümmert.

Zurück zum “Mainstream”

In dem versucht Albrecht von Lucke/Blätter seine Intelligenz zu verbreiten. Das meine ich nicht ironisch. “Europa ohne Schutzmacht: Angriff von Putin und Trump”. Der Gute hat Recht. Aber er hat einen blinden Fleck. Was ist sein “Europa”? Wo ist das gemeinsame Interesse und der politische Wille? Braucht es noch mehr Deutlichkeit und Lärm um das deutsch-französische Zerwürfnis? Und interessiert noch irgendjemanden, was die europäischen Wahlberechtigten denken? Eine Analyse dieser Umfrageergebnisse auch hier bei Petra Erler. Folgen in der herrschenden EU-Politik sind nicht erkennbar. Diese sehr grosse Zahl der Andersdenkenden wird sich am 9.6. rächen, die meisten durch fernbleiben.

Üble historische Parallele

Krampitz/Freitag erwähnt in seiner Psycho-Diagnose eine Parallele in der KPD aus dem Jahr 1924. Ob er es selbst gemerkt hat? Es sollte nur noch 9 Jahre bis zur faschistischen Machtergreifung dauern. Dann wäre ich 76 – das wäre mir echt zu früh, um der Katastrophe noch biologisch zu entgehen.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net