Wundersame Bahn CCX
Die Bahnhofshalle in Beuel, wo noch vor wenigen Monaten sogar ein bemanntes Reisezentrum existierte, ist geschlossen. Draußen ist Baustelle. Und weil das so ist, gibt es eigentlich an den beiden Bahngleisen jeweils vier recht ungemütliche Holzverschläge, die aber immerhin vor Regen schützen und in denen man sitzen kann. Doch Gleis 2 ist Baustelle und des bedeutet, dass auch diese provisorischen Wartehütten nicht wirklich immer zugänglich sind. Derzeit sind zwar zwei der Holzhütten erreichbar, sie stehen aber so weit vom Haltebereich der derzeit verkehrenden Nahverkehrszüge entfernt, dass es keinen Sinn ergibt, sich darin aufzuhalten. Warum das Reisezentrum mit seiner großen Wartehalle geschlossen ist, das wollte ich in Erfahrung bringen und auch wer für die Schließung verantwortlich ist.
Verwirrendes von VCD und Trans Regio
Warum die Bahnhofshalle geschlossen ist, erklärte der Sprecher des Bonner VCD in einem Artikel in der Bonner Umweltzeitung. Dort stand zu lesen: “Das Reisezentrum im Beueler Bahnhof wurde geschlossen, weil die DB Vertrieb GmbH eine Ausschreibung verloren und der Gewinner der Ausschreibung, die Transdev, ein französisches Unternehmen, kein Interesse an diesem Reisezentrum hat.” Was hat die Ausschreibung einer bestimmten Strecke mit dem Reisezentrum der Deutschen Bahn zu tun?
Das fand ich eher seltsam und begann mit einer kleinen Recherche. Die genannte Gesellschaft, Transdev, leitete meine Fragen an ihre Tochtergesellschaft, die Trans Regio Deutsche Regionalbahn GmbH. Deren Pressestelle erklärte: “Das Reisezentrum in Bonn-Beuel wurde von der Deutschen Bahn betrieben. Beauftragt wurde die Deutsche Bahn mit dem Betrieb des Reisezentrums bis Juni 2024 vom Aufgabenträger go.Rheinland. Der Betrieb des Reisezentrums liegt nicht in unserem Verantwortungsbereich und ist auch nicht Teil unseres Auftrags, weshalb wir Ihnen hierzu leider keine Begründung liefern können.” Demnach besteht also kein Zusammenhang zwischen der Ausschreibung einer Strecke und dem Betrieb des Reisezentrums.
Digitaliserung und Reisezentren
Also fragte ich “GoRheinland” und erhielt eine Antwort vom Pressesprecher des VRS: “Go.Rheinland, der Aufgabenträger für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) in der Region Köln – Bonn – Aachen, hat die DB Vertrieb GmbH mit dem personenbedienten Verkauf im Nahverkehr beauftragt. Im Rahmen einer aktuellen Betrachtung wurde nach eingehender Prüfung entschieden, den Standort Bonn-Beuel zum 30.06.2024 abzubestellen. Der anhaltende Trend zu digitalen Vertriebsplattformen hat im Laufe der letzten Jahre dazu geführt, dass immer weniger Kund*innen das Reisezentrum für den Fahrscheinkauf oder Auskünfte in Anspruch genommen haben. Auch weitere Serviceleistungen, wie z.B. das Geltendmachen von Fahrgastrechten, erledigen Fahrgäste zunehmend digital. Dieser Trend gilt sowohl für den Nah- und Fernverkehr gleichermaßen. Angesichts dieser spürbaren Trends in Richtung des digitalen Vertriebs können die Reisezentren in Leverkusen Mitte und Bonn-Beuel nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden und go.Rheinland bleibt nichts anderes übrig, als die Reisezentren aus Kostengründen zu schließen. Fahrgäste, die in Bonn-Beuel in den Nahverkehr einsteigen und nicht bereits digitale Tickets nutzen oder mit einem Abo/Deutschlandticket flexibel unterwegs sind, haben weiterhin die Möglichkeit, ihre Fahrkarten an den Ticketautomaten an den dortigen Bahnsteigen zu kaufen. Die nächstgelegenen personenbesetzten Verkaufsstellen für den Standort Bonn-Beuel ist im Bonner Hauptbahnhof sowie an der Haltestelle Bonn-Bad Godesberg. Dort finden auch weiterhin persönliche Beratung sowie der Verkauf von Fahrkarten am Schalter statt. Wenn die Bauarbeiten am Bahnhof Bonn-Beuel beendet sind, könnte es eine Neubewertung der Situation des Reisezentrums geben. Das steht aber aktuell noch nicht fest. Derzeit ist davon auszugehen, dass das Reisezentrum nicht weiter betrieben wird.”
Auf Nachfrage erklärte der VRS-Sprecher, der Bahnhof Bonn-Beuel werde derzeit nach neusten Standards ausgebaut. “Inhalt des Ausbaus ist auch eine großzügige Überdachung der Bahnsteige insbesondere des Hausbahnsteiges. Dass es während der Bauphase zu Einschränkungen bei der Nutzung kommt, lässt sich leider nicht verhindern. Um diese so gering wie möglich zu halten, hat die Deutsche Bahn beispielsweise Aufzüge an die provisorische Behelfsbrücke angebracht. Die Fertigstellung ist für das zweite Halbjahr 2026 geplant.”
Also bis 2026 insbesondere an Gleis 2 warten bei Wind und Wetter auf Züge, die manchmal sogar kommen?Und was ist mit Menschen, die ihren Fahrschein weiterhin gerne am schalter kaufen, auch weil sie vielleicht noch paar Fragen zu ihrer Reise haben? Sollen die auch versuchen, mit dem Automaten zu sprechen oder müssen sie erst nach Bonn fahren, um sich dort in der meist recht langen Schlange anzustellen.?
GoRheinland stellt eine Zweckgemeinschaft dar, die von den regioneln Verkehrsverbünden gegründet wurde. Deshalb auch die Antwort vom VRS-Sprecher. Der VRS wiederum wird politisch kontrolliert und um die Belange der Bürger in Beuel wird sich ganz sicher die Bezirksvertretung kümmern. So dachte ich. Also richtete sich meine nächste Anfrage auch an Mitglieder dieses Gremiums.
Von der Grünen in diesem Gremium kam eine, für Bonn typische Antwort: Sind wir nicht für zuständig. Friederike Dietsch war gerade 19 Jahre alt als sie zur Stadtverordneten gewählt wurde. Nun ist sie auch Fraktionssprecherin in der Bezirksvertretung und teilte mir mit: “Die Schließung der Beueler Bahnhofshalle ist – wie andere Angelegenheiten der DB ebenfalls – nicht Teil der Beschlusskompetenz des Stadtrates. Wir Grüne setzen uns überall für eine gute Anbindung an den Nah- und Fernverkehr ein. Bei letzterem können wir auf kommunaler Ebene allerdings nur über Briefe und Resolutionen tätig werden, was wir selbstverständlich auch tun.”
Diese Auskunft verwunderte mich und ich fragte die junge Politikerin: “Wer – wenn nicht die Rats- und Bezirksvertreter sollen denn für die Bevölkerung gegenüber der Bahn AG auftreten? Abgesehen davon stimmt es so nicht, was Sie da schreiben. Für den VRS gibt es Gremien, sicherlich auch für Go Rheinland. Im VRS-Gremium sitzen aus Bonn u.a. Rolf Beu und Katja Dörner.” Nun konnte sich die junge Poltikerin doch an Mitglieder ihrer Fraktion im Kontrollgremiums des VRS erinnern, aber selbst tun, möchte sie weiterhin nichts: “Es ist richtig, dass Herr Beu uns im VRS Gremium vertritt. Daher können Sie sich gerne an ihn (in cc) für konkrete Fragen wenden. Die Entscheidung zum Beueler Bahnhof wurde allerdings in einem anderen Gremium gefällt. Selbstverständlich machen wir als Vertreter*innen der Stadt Bonn und auch des Bezirks Beuel immer wieder gegenüber der Deutschen Bahn AG unsere Standpunkte deutlich. Die Entscheidungskompetenz obliegt uns allerdings nicht.”
Kein Wort darüber, wie sie sich verhalten wird, ob die Grünen sich für die Wiederöffnung der Bahnhofshalle einsetzen. Auch erfahre ich von ihr nicht, welches “andere Gremium” die Entscheidung zum Beueler Bahnhof gefällt hat. Das wäre ja noch schöner, wenn Stadtverordnete ihr Wissen an die Bürger weitergäben …
Wie schon eine so junge Kommunalpolitikerin Anfragen abwimmelt, finde ich erstaunlich und erschreckend zugleich. Frederike Dietsch sitzt – ausweislich Ihres Eintrags auf der Internetsetie der Grünen Fraktion selbst im Aufsichtsrat der Stadtwerke Bonn Verkehrs-GmbH als Ersatzmitglied und im Ausschuss für Verkehr und Mobilität ist sie sogar die Vorsitzende.
Da bekommst Du mal eine zwar unvollkommene aber ehrliche Stellungnahme, und dann bist Du auch wieder nicht zufrieden 😉
Aber im Ernst: das Strukturproblem ist, dass die Kommunalpolitiker*innen in den Aufsichtsgremien, in diesem Fall des VRS, Amateur*inn*e*n sind.
https://extradienst.net/2017/07/20/das-verdienen-kommunalpolitikerinnen/
Das führt dazu, dass sie von den Bürokratien mit Schmeicheleien und Bauchpinseleien inkorporiert werden (“Politiker*innen kommen und gehen, die Verwaltung bleibt bestehen”), statt sie ernsthaft kontrollieren oder gar strategisch gestalten zu können. Im VRS wäre das nur zu beheben, wenn es dort eine gemeinsame strategische Steuerung, in diesem Fall der Grünen, aus den diversen Städten und Gemeinden gäbe. Über eine solche ist mir nichts bekannt. Schön wärs.
Eine Fraktionsvorsitzende einer Mehrheitsfraktion in einer Grossstadt hat so wenig wie eine Oberbürgermeisterin überhaupt nur die Zeit oder den Kopf, sich darum persönlich zu kümmern. Der Berg der Probleme, mit denen sie sich befassen muss, ist zu gross. Umso respektabler, dass sie Dir persönlich geantwortet hat. Die Kunst des Delegierens und der Arbeitsteilung ist hier gefragt. Mir fällt spontan keine Stadt ein, in deren Kommunalpolitik das wirklich gelingt.
Und richtig ist: dem Beueler Bahnhof ist damit auch nicht geholfen.
Die schaffen ja noch nicht mal, eine von der CDU beseitigte Fussgängerampel wiederherzustellen. Merke: wer Politik gegen Fussgänger*innen macht, wird in Zukunft keine Wahl mehr gewinnen. Hinter mir folgen noch sieben Jahrgänge mit noch mehr Wähler*inne*n. Wenn die alle im Rollatoralter sind, hört der Spass mit dem Gehwegparken auf. Oder Abwahl, von wem auch immer.
Ich vergass zu erwähnen: ich war Stammkunde am Beueler Fahrkartenschalter und irgendwann mit dem netten Kollegen dort persönlich gut bekannt. Das änderte sich mit dem Digitalzwang für die Bahncard50. Die habe ich abbestellt, und mache also keinen Fernverkehrsumsatz mehr.
Frederike Dietsch ist Fraktionsvorsitzende der Ratsfraktion der Grünen. Ihr Alter ist irrelevant. Es ist gut, dass auch junge Menschen Verantwortung übernehmen. Und natürlich haben weder die Stadt Bonn noch die Kommunalpolitik einen konkreten Einfluss auf Entscheidungen der Deutschen Bahn AG.
Selbstverständlich ist es aus Sicht des Gemeinwohls fatal, dass das Reisezentrum geschlossen wurde. Innerhalb des DB-Konzerns gibt es aber leider bisher nur einen Bereich, der dem Gemeinwohl zu dienen hat. Und die DB Vertrieb GmbH gehört nicht dazu. Wenn man das ändern möchte, muss man die Systemfrage stellen. Dazu bin ich gerne bereit.
Lieber Rainer, ich stimme Dir zu. Allerdings geht aus Helmuts Recherche zutreffend hervor, das hat mir auch der am Fahrkartenschalter langjährig beschäftigte nette Kollege bestätigt, dass der Auftraggeber/Besteller des mit einem echten Menschen besetzten Fahrkartenschalters – er war der letzte Mensch im Bhf. Beuel – die VRS-Unterbürokratie (oder Über-?, wer blickt da durch? das sind ja Konstruktionen wie bei Benko) “GoRheinland” war. Und die hat den Auftrag/die Bestellung nicht mehr verlängert. Auf diese Strategien des VRS hätte die Kommunalpolitik durchaus Einfluss. Theoretisch. Wenn sie den Ehrgeiz entwickeln würde, Politik zu machen. Wofür ich zumindest sie auch gewählt habe.
Lieber Rainer,
ich wundere mich über Deine Darstellungen. Die im Artikel in der BUZ war schon nicht ganz korrekt. Was Du jetzt hier behauptest wird von der Antwort des VRS bereits widerlegt: Ich habe gechrieben: “Also fragte ich “GoRheinland” und erhielt eine Antwort vom Pressesprecher des VRS: “Go.Rheinland, der Aufgabenträger für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) in der Region Köln – Bonn – Aachen, hat die DB Vertrieb GmbH mit dem personenbedienten Verkauf im Nahverkehr beauftragt. Im Rahmen einer aktuellen Betrachtung wurde nach eingehender Prüfung entschieden, den Standort Bonn-Beuel zum 30.06.2024 abzubestellen.
Der VRS macht nichts, was nicht politisch beschlossen ist und Go Rheinland auch nicht. Das weißt Du auch. Du warst doch selbst bei der Bahn tätig. Ich bin erstaunt über Deine Behauptungen..
Es geht nicht nur um Zuständigkeiten. Es geht auch um Gespräche, die mit den Zuständigen geführt werden sollten und könnten. Und da sind Oberbürgermeisterin und Fraktionsvorsitzende in der Pflicht. Das sollten sie auch öffentlich sagen. Ob es solche Gespräche gibt, war den zitierten Äußerungen von F. Dietsch nicht zu entnehmen. Ferner wäre es hilfreich, wenn sich Mandatsträger:innen einer Partei miteinander verständigen und nicht darauf verweisen, dass ein:e andere:r Mandatsträger:in in einem anderen Gremium zuständig wäre. Warum initiiert man nicht gemeinsam eine Initiative zu einer Nutzung des Bahnhofs Beuel? Der könnte doch auch als Begegnungszentrum, auch für die Beratung von Bürger:innen in allen möglichen Fragen, genutzt werden und vielleicht ist auch jemand dabei, der Fahrkarten verkauft so wie zahlreiche Zeitschriftenläden Fahrkarten für die SWB oder Briefmarken verkaufen? Abgesehen davon: das Problem des Bahnhofs Beuel besteht nicht erst seit gestern. Gastlich war der schon lange nicht mehr, auch nicht geeignet als Aufenthaltsort bei schlechtem Wetter, um verspätete Züge abzuwarten. Es ist ein Problem vieler Bahnhöfe, vor allem der kleinen Bahnhöfe und nicht zuletzt auch anderer öffentlicher Gebäude (Geschäftszentren, Malls wie die Kaiserpassage). Was wir brauchen, ist ein Konzept für den öffentlichen Raum, der diesen attraktiv macht. Da wären OB’ und Ratsfraktionen doch gefordert. Meine Frage wäre nur, warum scheint sie das nicht zu interessieren?