‘Sine lingua nulla est cultura’ würde der Lateiner sagen. Man kann es auch noch weiter fassen: Ohne Sprachen und sprachliche Verständigung hätte es keine Völker, keine Staaten und keine Zivilisation gegeben, erst recht keine Völkerverständigung. Sprache ist die Grundlage der Kommunikation und des Aufbaus komplexer Gesellschaften. Sprache ermöglicht es, Ideen, Erfahrungen und Wissen über Generationen hinweg weiterzugeben. Sprache prägt die Werte, Normen und Weltanschauungen einer Gesellschaft. Sie ermöglicht das Entstehen von Technik und Wissenschaft und die Verwaltung von Wirtschaft und sozialer Struktur.
Deshalb ist es nachvollziehbar, dass es seit 2001 einen ‘Europäischen Tag der Sprachen‘ gibt. Damals entschied der Europarat, diesen Anlass am 26. September eines jeden Jahres zu würdigen. Institutionen, Initiativen und Millionen Menschen organisieren dann Veranstaltungen zur Sprachenvielfalt und zur Fähigkeit und Bereitschaft, Sprachen zu lernen. Konferenzen befassen sich mit Sprachenpolitik und -praxis und mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz beim Sprachenlernen. Es gibt Schnupperkurse, Filmvorführungen, Sing- und Tanzwettbewerbe, Quizspiele, Theaterstücke und sogar Märchenstunden in fremden Sprachen. 2023 gab es rund 1400 Veranstaltungen, u.a. Auftritte von Künstlern, ein Sprachengewinnspiel und einen Plakatwettbewerb. Rund 50 europäische Staaten beteiligten sich an diesem Programm.
2024 lautete das Motto des Europäischen Sprachentags „Sprachen für den Frieden“. Dabei wurde verdeutlicht, wie Sprachen einen Beitrag zum Frieden zwischen künftigen Generationen leisten können, indem sie Barrieren abbauen und Dialoge fördern. Eine Broschüre vermittelte Kenntnisse über Regional- und Minderheitensprachen. Ein Poster informierte über „20 Dinge, die du vielleicht noch nicht über die Welt der Sprachen wusstest:“ Und für Genießer gab es ein von Sprachen inspiriertes Brettspiel mit Kochideen.
Gleichzeitig wird auf die reiche sprachliche Vielfalt Europas aufmerksam gemacht, die es zu erhalten gilt. Mehrsprachigkeit soll unterstützt werden. Sprachen verbessern die kognitive und persönliche Weiterentwicklung und fördern Bildung, sozialen Frieden und Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen. Übersetzungsprogramme steigern die Verwendung fremder Sprachen, verbesserte Technologien erleichtern das Erlernen und wecken Interesse.
Das Datum wird auch dazu genutzt, auf den in Europa bestehenden Reichtum an Sprachen hinzuweisen. Über 225 Sprachen sind in Europa heimisch, wobei jene Sprachen, die durch Migration auf den Kontinent gelangt sind, noch nicht einmal mitgezählt werden. Deshalb ruft der Europarat zum Erlernen von Sprachen bzw. zur Auffrischung vorhandener Sprachkenntnisse auf. Er sieht darin einen Schritt zu Offenheit und Respekt gegenüber anderen Kulturen.
Die Vielzahl der Sprachen lässt sich gut an der Entwicklung der Europäischen Union erkennen: Begonnen hat es 1957 mit sechs Staaten und vier Amtssprachen (Französisch, Deutsch, Italienisch, Niederländisch). In den Folgejahren stieg die Zahl der Mitgliedstaaten auf 28 und die der Amtssprachen auf 24: Dänisch und Englisch (1973), Griechisch (1981), Portugiesisch und Spanisch (1986), Finnisch und Schwedisch (1995), Estnisch, Lettisch, Litauisch, Maltesisch, Polnisch, Slowenisch, Tschechisch und Ungarisch (2004), Bulgarisch, Irisch, Rumänisch (2007), Kroatisch (2013).
Außerdem gibt es in der Europäischen Union vier halbamtliche (Baskisch, Galicisch, Katalanisch, Luxemburgisch) und mehr als elf Sprachen, die nicht als (halb)amtlich anerkannt sind. Dazu gehören Bretonisch, Friaulisch, Friesisch, Kaschubisch, Korsisch, Ladinisch, Niederdeutsch, Okzitanisch, Samisch, Sardisch und Sorbisch.
Weiterhin kennt Europa noch 20 Sprachen, die in ihren jeweiligen Staaten, die keine EU-Mitglieder sind, als Amtssprachen gelten: Albanisch, Baschkirisch, Belarussisch, Bosnisch, Faröisch, Gagausisch, Isländisch, Katalanisch (in Andorra), Komi, Mazedonisch, Norwegisch (zwei Formen), Rätoromanisch, Russisch, Schottisch, Serbisch, Tatarisch, Türkisch, Ukrainisch und Walisisch.
Weltweit gibt es schätzungsweise 6.000 bis 7.000 Sprachen. Manche Sprachen werden von Millionen Menschen gesprochen, bei den meisten sind es nur eine kleine Gruppe oder nur ein paar tausend. Tatsächlich werden 96% der Sprachen der Welt nur von 4% der Menschen gesprochen. Nach Angaben der UNESCO sind daher mindestens 43% der heute noch genutzten Sprachen vom Aussterben bedroht.
Zwar wird Einsprachigkeit als Norm angesehen, doch sind die Hälfte bis zwei Drittel der Weltbevölkerung zweisprachig – ggf. mit Einschränkungen. In erster Linie rührt dies aus der Kolonialzeit her, als Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch Völkern mit eigener Sprache zwangsweise vorgegeben wurde. Offiziellen Angaben zufolge gibt es 380 Mio. Menschen, die Englisch als Muttersprache verwenden, und rund eine Milliarde, für die es eine Zweitsprache ist. Spanisch ist gleichfalls weit verbreitet und wird von fast 560 Mio. Personen verwendet. Französisch weist 320 Mio. Nutzer/innen auf, darunter 80 Mio. Muttersprachler. Bei Portugal sind es insgesamt 260 Mio. Menschen.
Eine gleichfalls weit verbreitete Sprache ist Russisch. Es wird von rund 250 Mio. Personen gesprochen, davon 150 Mio. Muttersprachlern. Zudem gibt es in Russland etwa 100 weitere Sprachgruppen. Manche dieser Sprachen sind als Amtsprachen anerkannt oder werden an Schulen gelehrt. Die Expansion der russischen Sprache ist eng mit der historischen territorialen Expansion des Russischen Reiches verbunden
Am meisten verbreitet ist Chinesisch. Für 1,3 Mio. Menschen ist es Muttersprache. Allerdings gibt es acht anerkannte Ausformungen dieser Sprache und eine Vielzahl von Dialekten – mit denen man sich vielfach untereinander gar nicht verständigen kann. Die offizielle Sprache heißt Mandarin und wird von rund 800 Mio. Menschen als Erstsprache verwendet.
Manche Sprachen sind miteinander verwandt und haben eine gemeinsamen Ursprung, sie bilden sogenannte Sprachfamilien. Allerdings bedeutet das nur in wenigen Fällen, dass man sich innerhalb der Gattung verständigen kann. Sprachfamilien werden identifiziert und beschrieben, wenn Analysen zu dem Ergebnis kommen, dass sie bestimmte Merkmale und Wörter teilen, die auf eine gemeinsame Herkunft schließen lassen. Fünf Sprachfamilien wurden bislang auf diese Weise ermittelt:
# Indoeuropäische Sprachfamilie: germanische, romanische, slawische und indoarische Sprachen, Griechisch, Albanisch und Armenisch
# Sinotibetische Sprachfamilie: eine der größten Sprachfamilien, zu der u.a. Chinesisch gehört
# Uralische Sprachfamilie: Finnisch, Ungarisch, Estnisch
# Dravidische Sprachfamilie: gesprochen in Südindien und auf Sri Lanka
# Afroasiatische Sprachfamilie: Sprachen aus Nord- und Ostafrika sowie der arabischen Halbinsel
Über die Entstehung der Sprache oder Sprachen ist sich die Wissenschaft nicht einig. Die Frühgeschichte des modernen Menschen beginnt vor etwa 100.000 Jahren, doch ist unklar, wann die Sprache aufkam. Funde aus der Steinzeit sind selten und geben nur unzureichenden Aufschluss. Fossilien von gesprochenen Worten gibt es nicht, zuverlässige Forschungsergebnisse liegen nicht vor. Die Schriftsprache entstand erst sehr viel später. Deshalb gibt es auch unterschiedliche Theorien über die Entstehung und Entwicklung von Sprachen und über die Sprachwurzeln, also die Voraussetzungen dafür.
# Die Gestentheorie besagt, dass Sprache aus Hand- und Körperbewegungen entstand, die zur einfachen Kommunikation genutzt wurden. Zur Begründung wird darauf verwiesen, dass Gestik und Sprache auf den gleichen neuronalen Systemen basieren.
# Die Theorie der Lautmalerei vertritt die Auffassung, dass Laute aus der Natur oder Alltagsgeräusche (z.B. Tierlaute oder menschliche Schmerzschreie) als Ursprung der Wörter dienten.
# Die Ursprachentheorie geht davon aus, dass alle heutigen Sprachen aus einer einzigen Ursprache entstanden sind. Als ältester Sprachtyp wird die afrikanische Khoisan-Sprache genannt.
Auch hinsichtlich der Sprachwurzeln gibt es unterschiedliche Theorien. Weitgehend unstrittig ist, dass erst der aufrechte Gang und Veränderungen im Kehlkopf und im Rachenraum artikulierte Laute ermöglichten. Entscheidend für die Fähigkeit, Sprache zu steuern und zu verarbeiten, war jedoch wohl die Entwicklung des Gehirns. Die Notwendigkeit, Sprache zu entwickeln und zu nutzen, ergab sich wahrschenlich aus sozialen Interaktionen wie Jagd, Werkzeugherstellung und Strukturierung von Gruppen. Kommunikativer Austausch ohen Sprache ist kaum denkbar. Vereinzelt wird die Auffassung vertreten, dass eine genetische Mutation die Fähigkeit zur Sprache ermöglichte.
Unstrittig ist wohl, dass erst das Zusammenspiel von biologischer und kultureller Evolution die Sprachentwicklung bewirkte und dass die Fähigkeit, zu sprechen, Ergebnis eines langen Prozesses ist. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass der Mensch (homo sapiens) vor etwa 150.000 Jahren die Fähigkeit zu sprachlicher Artikulation erwarb. Direkte Beweise gibt es indes nicht. Vielfach wird angenommen, dass der Mensch dort, wo er gelebt hat, Worte und Sprache genutzt hat, und dass dann, wenn er weiterzog, Dialekte und neue Sprachen entstanden.
Bedeutsam für die Geschichte der Sprache ist die Erkenntnis von Sprachforschern, dass es eine Analogie zwischen der biologischen Evolution und der kulturellen Sprachentwicklung gibt. Beide Arten verlaufen in vielen kleinen Schritten, gelegentlich aber auch in größeren Änderungen (z.B. Lautverschiebungen). Kombiniert lassen diese beiden Entwicklungen die Rekonstruktion früherer Arten von Urmenschen und von Sprachen und ihre Klassifikation zu.
Sprachwissenschaftler halten ein Faktum für unstrittig: Erst als die Steinzeitmenshen anfingen, sich in ihren Köpfen Dinge vorzustellen – auch wenn diese gar nicht da waren – konnten sie darüber sprechen und diese erwähnen. Hörte der Mensch das Wort ‘Banane’, so wusste er, was das ist; egal ob eine Banane vor ihm lag oder nicht. Tiere können das nicht. Hätten die Menschen diese Vorstellungskraft nicht gehabt, hätten sie auch keine Worte dafür erfinden können. In den nächsten Entwicklungsstufen wurden dann Begriffe variantenreich und kreativ kombiniert. Vor etwa 50.000 Jahren seien Syntaktik und Grammatik der Sprache ausgebildet gewesen.
Angesichts dieser Unwägbarkeiten bei der Entwicklung von Sprachen ist die Frage nach deren Alter und erst recht nach den ältesten Sprachen nicht zu beantworten. Nur wenn nach der ältesten bekannten Schriftsprache gefragt wird, liegen Erkenntnisse vor. Das Sumerische (ca. 3300 v.Chr.) und das Altägyptische (ca. 2700 v.Chr.) gelten als die frühesten. Das Sumerische war die erste Sprache, für die eine Schrift entwickelt wurde.
Die Verbreitung mancher Sprachen hat sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich verändert. Wichtige Regionalsprachen wurden in der Antike und der früheren Neuzeit aufgrund veränderter Machtverhältnisse, Konflikte und Migration verdrängt. Und die Bedeutung einzelner Sprachen ist gesunken bzw. gewachsen, wie sich zum Beispiel am Englischen gegenüber dem Deutschen zeigt.

Mir fehlen da doch arg Ethnien mit eigenen Sprachen, die über mehrere Staaten verstreut sind: neben anderen Roma, Pomaken, Jenische etc.