Zu den WM-Qualifikationsrunden in Lateinamerika und der Karibik

Durch die Aufstockung der Fußball-WM der Männer auf 48 Teams werden 2026 so viele Mannschaften wie nie zuvor aus Lateinamerika und der Karibik an einem WM-Turnier teilnehmen. Während es bei der letzten WM 2022 sechs Team aus Lateinamerika waren, werden es im Juni/Juli 2026 mindestens acht sein. Hinzu kommen außerdem noch zwei Mannschaften aus der Karibik, die um den WM-Titel spielen. Zudem haben Bolivien, Jamaika und Suriname bei einem internationalen Play-off-Turnier im März in Mexiko noch die Chance, sich für die letzten beiden Startplätze zu qualifizieren.

Willemstad, die 125.000 Einwohner*innen zählende Hauptstadt der Karibikinsel Curaçao, gilt nicht gerade als Hotspot des Weltfußballs. Doch genau das war sie am 18. November, als dort die beiden größten Überraschungsteams der WM-Qualifikation gefeiert wurden, eins in den Straßen von Willemstad, das andere im dortigen Ergilio-Hato-Stadion.

Aber der Reihe nach. Während es in den anderen Kontinenten und in Ozeanien jeweils nur einen regionalen Fußballdachverband gibt, sind es in Amerika zwei: CONMEBOL, dem zehn südamerikanische Staaten angehören, und CONCACAF, der insgesamt 32 Mitgliedsverbände aus Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik zählt. Beiden Verbänden stehen jeweils sechs Startplätze bei der WM zu. Da die drei CONCACAF-Mitglieder Kanada, Mexiko und USA als Gastgeberländer automatisch qualifiziert sind, wurden in Südamerika alle sechs Plätze ausgespielt, in Mittelamerika und der Karibik drei.

Bei früheren WM-Qualifkationen setzte sich in der CONCACAF immer Mexiko durch, in den letzten Jahrzehnten daneben auch die USA, deren Soccer-Kultur durch die zahlreichen Eingewanderten aus Lateinamerika einen großen Aufschwung erlebt hat. Für die übrigen Länder blieben nur ein oder zwei Startplätze, die in den letzten Jahrzehnten meistens an Costa Rica oder Honduras gingen. Andere Länder konnten sich jeweils nur einmal für ein WM-Turnier qualifizieren, so etwa El Salvador (1970), Haiti (1974), Jamaika (1998), Trinidad & Tobago (2006) sowie Panama (2018).

Anders als in Südamerika, wo Fußball, mit Ausnahme von Venezuela, die beliebteste Sportart ist und die meisten Hinchas (Fans) mobilisiert, gibt es in Mittelamerika und der Karibik Länder, in denen Béisbol oder Cricket populärer sind. Béisbol (im Deutschen verwendet man das englische Wort Baseball) ist vor allem dort populär, wo es eine längere Präsenz von US-Truppen gab, wie in Kuba, Puerto Rico, Panama, der Dominikanischen Republik oder Nicaragua. Einzig die haitianischen Männer konnten sich während der fast 20-jährigen US-Besatzung (1915-1934) nicht für den Lieblingssport der US-Marines begeistern. Cricket erfreut sich in einigen ehemaligen britischen Kolonien in der Karibik, vor allem in Trinidad & Tobago, großer Beliebtheit.

Souveräne Staaten und Kolonien

Gemäß dem Reglement des Weltfußballverbands FIFA können nicht nur souveräne Staaten Mitglieder werden und damit Nationalteams stellen, sondern auch kolonisierte Territorien wie Gibraltar in Europa, Palästina in Asien oder Neukaledonien und Tahiti in Ozeanien. In der Karibik gibt es noch immer zahlreiche Kolonien: Puerto Rico, Aruba, Curaçao, Bermuda, Montserrat, die Cayman-Inseln, die Turks- und Caicosinseln sowie die Britischen und Amerikanischen Jungferninseln. Sie alle nahmen an der WM-Qualifikation teil. Nur Frankreichs „Überseedepartements“ Guadeloupe, Martinique und Guyane waren nicht dabei, da sie, anders als die französischen „Überseegebiete“ in Ozeanien, keine FIFA-Mitglieder sind.

Die CONCACAF-Qualifikation wurde in drei Durchgängen ausgetragen. Für die Schlussrunde hatten sich zwölf Teams qualifiziert, die in drei Vierergruppen spielten. In Gruppe 1 spielten Panama, Suriname, Guatemala und El Salvador, in Gruppe 2 Jamaika, Curaçao, Trinidad & Tobago sowie Bermuda und in Gruppe 3 Honduras, Costa Rica, Nicaragua und Haiti. Die Gruppensieger sind im Juni/Juli 2026 bei der WM dabei.

Auf dem Papier waren die Favoriten relativ klar. In der ersten Gruppe war es Panama, das Land mit der finanziell am besten ausgestatteten Fußballlandschaft (die Profiteams werden von den zahlreichen internationalen Großbanken und Unternehmen unterhalten). In der zweiten Gruppe war es Jamaika, wo viele Spieler in der britischen Premier League unter Vertrag stehen, die derzeit sportlich und finanziell stärkste Fußballliga der Welt. In der dritten Gruppe waren es Costa Rica oder Honduras.

Die Außenseiter trumpften auf

Doch vor dem letzten, entscheidenden Spieltag am 18. November hatten nicht nur die Favoriten, sondern auch Suriname, Curaçao und Haiti Chancen auf einen Gruppensieg. In der ersten Gruppe musste Tabellenführer Suriname in Guatemala antreten, während der Tabellenzweite Panama vor heimischem Publikum gegen El Salvador spielte. Suriname verlor mit 1:3, Panama konnte hingegen einen 3:0-Sieg einfahren und sich damit das WM-Ticket sichern.

In der zweiten Gruppe standen sich Jamaika und Außenseiter Curaçao in Kingston direkt gegenüber. Doch die Stars aus der britischen Premier League kamen über ein 0:0-Unentschieden nicht hinaus. Dank des besseren Torverhältnisses wurde Curaçao Gruppensieger. Mit knapp 160.000 Einwohner*innen ist der autonome Teilstaat des Königreichs der Niederlande das kleinste Land, das jemals ein Team zu einer WM geschickt haben wird. Viele Nationalspieler Curaçaos wurden in den Niederlanden geboren und spielen dort für Vereine der ersten und zweiten Liga. Trainer und einer der Väter des „Fußballwunders“ ist der inzwischen 78-jährige Niederländer Dirk Nicolaas „Dick“ Advocaat, der bei vielen Teams international tätig war, so etwa 2004/05 bei Borussia Mönchengladbach.

Als beste Gruppenzweite sind Suriname und Jamaika für das internationale Play-off-Turnier im März qualifiziert. Suriname trifft dort im ersten Spiel auf Bolivien, der Sieger tritt dann im entscheidenden Duell gegen den Irak an. Jamaika spielt zunächst gegen Neukaledonien. Bei einem Sieg wäre die Demokratische Republik Kongo der Finalgegner.

In der dritten Gruppe hatte Haiti ein „Heimspiel“ gegen Nicaragua, während Honduras in Costa Rica antreten musste. Haiti gewann 2:0, Honduras kam in San José hingegen nicht über ein 0:0 hinaus. Damit war Haiti Gruppensieger und sorgte für die größte Sensation dieser WM-Qualifikation. Denn in Haiti herrscht seit Jahren Krieg. Unter den gewalttätigen Konflikten zwischen den rivalisierenden Machtgruppen leidet auch der Fußball. Die Spielrunden der „Ligue Haïtienne“ mussten in den letzten Jahren mehrfach unterbrochen werden oder konnten überhaupt nicht stattfinden. Das Nationalstadion „Sylvio Cator“ in Port-au-Prince ist seit 2024 von bewaffneten Akteuren okkupiert. So musste die „Fédération Haïtienne de Football“ ein Ausweichquartier für die „Heimspiele“ ihres Teams suchen. Gefunden wurde schließlich das eingangs erwähnte Ergilio-Hato-Stadion im Willemstad. Dort feierten die Einheimischen am 18. November den Erfolg Curaçaos in Kingston, während Haitis Spieler und haitia-nische Migrant*innen die Qualifikation ihres Landes bejubelten. Auch in Haiti selbst gab es spontane Feiern. Für die geschundene Bevölkerung war dies endlich einmal eine positive Nachricht. Natürlich ändert dies nichts an an ihrer prekären Lage, fördert aber vielleicht das Bewusstsein, dass Haiti es trotz aller Widrigkeiten schaffen kann, sich aus der Misere zu befreien.

Einer der haitianischen Nationaltorhüter ist Josué Duverger, der bei Cosmos Koblenz in der fünftklassigen Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar unter Vertrag steht. Als der überwiegend von kosovarischen Migranten geprägte Verein 2024 seine Verpflichtung bekannt gab, wurde er als Kanadier mit haitianischen Wurzeln vorgestellt. Tatsächlich stammt er aus Montreal, dem wichtigsten Zentrum der haitianischen Migration. Wie er spielen fast alle Nationalspieler Haitis in Europa oder Nordamerika. Viele von ihnen besitzen eine doppelte Staatsbürgerschaft, da sie Kinder von Eltern sind, die aus Haiti in die USA, nach Kanada oder Frankreich migriert sind. Als Haiti 1974 in Deutschland erstmals an einem WM-Turnier teilnahm, waren bis auf wenige Ausnahmen alle Spieler bei haitianischen Vereinen aktiv.

In Südamerika wenig Überraschungen

Anders als in der mittelamerikanisch/karibischen Qualifikationsrunde verlief sie in Südamerika weitgehend wie erwartet. Wie immer haben sich die mehrfachen Weltmeister Argentinien, Brasilien und Uruguay qualifiziert. Dazu kommen Kolumbien, Ecuador und Paraguay, allesamt Teams, die schon bei mehreren WM-Turnieren dabei waren. Interessant war diesmal das Auftreten von Boliviens Fußballern. In der Vergangenheit gewannen sie ihre Heimspiele in der Höhenlage von La Paz (auf 3600 Metern Höhe) häufig , während sie auswärts wenig Chancen hatten. Diesmal waren sie nicht besonders heimstark, konnten aber bei den Partien in Chile, Peru und Venezuela punkten und sich damit den siebten Platz und die Teilnahme am Play-off-Turnier im März sichern.

Dieser Beitrag ist eine Vorab-Übernahme aus ila 491 Dez. 2025, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

Über Gert Eisenbürger - Informationsstelle Lateinamerika:

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