Die Filmemacherin Astrid Schult ist vielfach dekoriert. 3sat hat in dieser Woche einen Fünfteiler von ihr zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz vor fast genau 9 Jahren vorgelegt. Verfügbar ein halbes Jahr. Die Stärke des Films ist die Opferperspektive. Frau Schult hat Betroffene vor die Kamera bekommen, die über ihr erlittenes Trauma gut sprechen konnten. Sehr gut sogar. Aber hat sie zugunsten publikumsattraktiver Emotionalisierung das Verbrechen und seine skandalös-mangelhafte Aufklärung auch entpolitisiert?
Sehr sehr anstrengend ist mal wieder die Musik. Für dokumentarische Schärfe und Härte wäre schlichtes Weglassen dramaturgischer Untermalungen vielleicht eine viel bessere Alternative gewesen. Immerhin verzichtet die Regisseurin und ihr Sender auf das epidemisch verbreitete nervtötende “Presenter”-Format. Danke, danke dafür. Das tut gut. Leider verzichtet sie auch auf die Kennzeichnung nachgestellter/nachgedrehter Bildsequenzen. Immer wieder werden LKW-Fahrten auf dunklen Autobahnen bebildert, um die Spannung der Zuschauer*innen hochzujazzen. Das empfand ich ähnlich nervtötend (und in die Länge ziehend) wie die dräuende Musik. Statt knapp 3 Stunden hätten vielleicht auch 2 gereicht.
Angerissen werden zahlreiche der vielen offenen Ermittlungsfragen. Sie sind auch hier im Extradienst alle schon vorgekommen. Vertiefung oder gar Ergebnisse konnte ich weniger entdecken. Die hochpolitische Kritik der Attentatsopfer und ihrer Hinterbliebenen erscheint in diesem Dokumentaropus eingeschmolzen zu einem kollektiven Psychoproblem der Betroffenen. Das, darüber besteht dann Einigkeit, von der asozial gepolten Behördeninfrastruktur in Deutschland so behandelt wurde, wie es dem Selbst- und weltweiten Fremdbild von “Deutschland an sich” entspricht: furchterregend furchtbar. Dass das auch polizeiliche geheimdienstliche politische Absicht war, von Kräften, die identifizierbar waren und sind, das hätte ein Fünfteiler durchaus deutlicher ausleuchten können.
Der in dem Film als Interview- und Recherchepartner auftretende Thomas Moser hat sich hier spektakulär von seiner Mitarbeit distanziert:
Thomas Moser/overton: “Doku ‘Der Anschlag’: Unterwerfung unter das offizielle Täter-Narrativ – Kritische Anmerkungen eines Beteiligten zur TV-Serie auf 3sat über die LKW-Attacke auf den Weihnachtsmarkt in Berlin.”
Ein Kommunikationscrash zwischen ihm und Frau Schult ist das Mindeste, was hier vorliegt. Wer mehr inhaltliche Substanz in diese Kontroverse einbringt, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber mein Vertrauen in Seriosität und Geschäftsfähigkeit deutscher TV-Anstalten ist gering. Ich weiss zu viel. Ob Moser, dessen Recherchearbeit der letzten Jahre mich – und ja offenbar auch Frau Schult – sehr beeindruckt hat, mehr weiss? Das weiss ich nicht.

Schreibe einen Kommentar