Selbst Indiens Kleinstädte versinken in Lärm, Müll und Luftverschmutzung
Irgendjemand schlägt mir aufs Hinterteil. Ich schlage die Augen auf und versuche mich zu orientieren. Es ist 4.30 Uhr am Morgen. Ich befinde mich im Chennai-Mail Express, in einem 8er-Abteil mit 14 Wanderarbeitern aus Kolkata. Drei von ihnen, die auf der untersten Liege mir gegenüber hocken, haben ihre Hände ausgestreckt, darin 10 und 20 Rupie Scheine. Ein Mann in Frauenkleidern nimmt sie entgegen.
Sie ist eine Hijra und wird in Indien als drittes Geschlecht anerkannt. Hijras haben für viele Menschen in Indien die Macht, jeden der jungen Männer hier zu verfluchen und damit unfruchtbar zu machen. Was passiert, wenn man ihr „Spendengesuch“ ablehnt, bekommt der Kerl auf der mittleren Liege zu spüren: Er wird heftig angekreischt. Doch dann macht die Hijra einen Fehler, vielleicht weil sie aus Mangel an anderen Verdienstmöglichkeiten ausschließlich im alten Indien lebt und wenig von der Aktualität mitbekommt: „Das hier ist Orissa (Bundesstaat Odisha)“, keift sie, worauf der junge Mann von der Liege springt und ebenfalls mit Beschimpfungen antwortet. Auch Westbengalen sind für ihr Temperament bekannt. Darauf greift die Hijra zum äußersten: Sie zieht kreischend ihr Kleid hoch. Dass auch ich jetzt keine Kinder mehr zeugen kann, ist zu verkraften, aber der Anblick des verunstalteten Schlitzes zwischen ihren schlüpferlosen Beinen, ist ein mieser Tagesbeginn. Nach einer halben Minute ist der Spuk vorbei, denn die zweite Hijra zieht die immer noch Keifende den Gang entlang zum nächsten Spendenbesuch.
Jagd auf Wanderarbeiter?
Als wäre er ein Superheld beglückwünschen die Wanderarbeiter den Kerl auf der mittleren Liege, aber erst, nachdem sie sich vergewissert haben, dass die beiden Geldeintreiberinnen außer Hörweite sind.
Seit mehreren Monaten kommt es in Odisha zu Angriffen auf bengalische Wanderarbeiter, da sie für Menschen aus Bangladesch gehalten werden. Dem jungen Mann auf der mittleren Liege ist dies bewusst, auch wenn er und seine Kollegen im Abteil 1700 Km weiter bis in die Hauptstaat des Bundesstaates Tamil Nadu müssen. In Indien gibt es nach Schätzungen 414 Millionen Wanderarbeiter, die sich in der Regel vom ärmeren Norden in den reicheren Süden aufmachen.
Gegen 10.00 Uhr stehe ich auf einem staubigen Bahnhofsvorplatz. In seiner Mitte ein Stadttor mit der Inschrift: Brahmapur, der frühere Name einer der ältesten Städte der Region. Ein Tempel, zwei Bettler und ein Lastenfahrer runden den ersten Eindruck ab. Selbst der Teestand hinter dem Tor steht an der gleichen Stelle wie vor 20 Jahren. Sollen sich die genügsamen Menschen hier so verändert haben, dass sie jetzt Wanderarbeiter aus West-Bengalen jagen?
Die Antwort nach vier Tagen zeigt ganz andere Probleme auf: Die Menschen sind weiterhin freundlich, genügsam und bescheiden, auch wenn die Religion in der Regel immer noch die Allgemeinbildung ersetzt. Aber vieles um sie herum hat sich verändert und das wird schon 500 Meter an der nächsten Kreuzung klar: Ein Inferno von hupenden Motorrädern jagt die nagelneue Hauptstraße entlang. Die Fußgänger müssen sich in den Abgasen am Straßenrand entlang bewegen, denn der Bürgersteig ist entweder aufgerissen, mit Müll übersät oder mit parkenden Motorrädern vollgestellt. So steht ein Alter mit Gehhilfe auf der anderen Straßenseite. Fünf Minuten wartet er, ohne dass eine Lücke entsteht. Dann schaut der Alte einmal auf den Boden und schleicht los – alles jagt mit unverminderter Geschwindigkeit an ihm vorbei. Dafür ist fast jede Mauer im Auftrag der Regierung mit einem bunten Kunstbild bemalt. Berhampur ist Teil der „Smart City Mission“ der Modi-Regierung.
So sieht es auf jeder Hauptstrasse aus, in dieser ehemaligen Kleinstadt in deren Innenstadtbereich mittlerweile 360.000 Einwohner leben. Der Tagesdurchschnitt der Feinstaubwerte betrug bis 296 mg (pm 2,5). Die Tages-Höchstwerte bis 460 mg konnten locker mit Kolkata und Delhi mithalten. Lärmmessungen im Jahr 2022 an 11 Orten in Berhampur hatten ergeben, dass zwischen 6 Uhr und 23 Uhr überall selbst die Lärmhöchstgrenze für Busbahnhöfe von 65 Dezibel durchgängig überschritten wurde – auch vor Krankenhäusern .
Seitdem ist der Verkehr weiter angestiegen, wie auch die Zahl der Verkehrstoten im gesamten Bundesstaat. Obwohl Odisha nur etwa die Hälfte der Einwohnerzahl Deutschlands hat, kam es im Jahr 2024 zu 6124 Verkehrstoten. Die veröffentlichen Zahlen für 2025 zeigen bis jetzt einen Anstieg von 7,5 Prozent der Todesopfer im Vergleich zum Vorjahr an.
Fast überall in der Stadt stehen bis zum späten Abend Menschen in Gruppen an Teeständen zusammen. Es sind vorwiegend Ladenbesitzer aus der Mittelschicht, für die ein eigenes Motorrad eine Selbstverständlichkeit ist, ein eigenes Auto ein Traum bleiben wird. Gemeinschaft und Plaudereien sind ihnen offensichtlich wichtiger als mehr Umsatz. Mit mehr als 20 solcher Gruppen kam ich ins Gespräch: Niemand hielt die Angriffe auf Wanderarbeiter für gut, niemand machte auch nur den Ansatz die Attacken zu verteidigen. In fast jeder Gruppe befand sich auch ein Tamil sprechender Geschäftsmann:.
Die Kopfarbeiter Indiens wandern von Süden nach Norden
Die Angriffe auf bengalische Wanderarbeiter in Odisha scheinen nur „Einzelfälle“ zu sein, aber sie haben etwas mit den „Einzelfällen“ an anderen Orten Indiens gemeinsam: Sie kommen fast nur in Bundesstaaten vor, in denen Narendra Modis hindunationalistische BJP regiert . Mittlerweile wurde auch ein junger Mann aus Indiens Nordosten in Uttarakhand totgeschlagen, weil er aussah wie ein Chinese. Auch dort regiert Modis BJP .
Die Hindunationalisten um Narendra Modi versuchen gerade das kriselnde Bangladesch zur Ablenkung der vielen ungelösten Probleme Indiens zu präsentieren. Modis rechte Hand, Innenminister Amith Shah, bezeichnete die Menschen Bangladeschs schon vor Jahren als Termiten.
Auch noch Wasserprobleme
Neben Lärm und Abgasen, ist auch der Wasserverbrauch in Berhampur auf 90 Millionen Liter pro Tag angestiegen – die Stadtverantwortlichen können jedoch nur 70 Millionen liefern. Es ist nicht so, dass sie nichts versuchen: Im Jahr 2019 hatte die alte Regierung die „Trink vom Hahn Mission“ gestartet – schon 54.000 Haushalte haben nun Leitungswasser. Doch das kommt teilweise nur 90 Minuten am Tag aus dem Hahn. Dazu sind die Hauptleitungen so alt, dass sie bis zu 70 Prozent des Wassers verlieren. Ebenso sickert auch das Abwasser immer wieder aus der alten Kanalisation und führt zu Verunreinigungen des Trinkwassers.
Ausgerechnet in Indiens Vorzeigestadt Indore, seit acht Jahren als die sauberste des Landes gekürt, führte aktuell so ein Leck in der Kanalisation dazu, dass tausende Menschen durch verunreinigtes Wasser krank wurden. Etwa 200 mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, 17 Menschen sollen bisher gestorben sein. Doch durch den Skandal, kommt auch in Indore langsam mehr ans Licht. Schon seit Jahren wiesen Aktivisten und Umweltgruppen darauf hin, dass es zu regelmäßigen Verunreinigungen des Trinkwassers kommt.
In Berhampur kommen noch die Überschwemmungen dazu, die schon leichter Regen verursacht: Auch diese Stadt ist so verdichtet und die wenigen Gullys schnell mit Plastik verstopft. So oder schlimmer sieht es auch in allen Kleinstädten zwischen Delhi und Kolkata aus, die ich in den letzten Jahren besucht habe: Etwa 800 der 1,4 Millionen Inder leben in diesem 1500 Km langen Korridor, dem sogenannten Hindubelt. Hier haben Narendra Modi und seine BJP die meisten Anänger.
Nun kann besser nachvollzogen werden, warum auch die „Teestand Philosophen von Rishikesh“ aus solchen Kleinstädten geflüchtet sind.
Was machen die Frauen und die Jugend In Berhampur?
Die Frauen im Stadtbild lassen sich grob in zwei Bilder pressen. Die Ärmeren sitzen oder stehen in den Abgasen am Straßenrand und an Marktplätzen, wo sie mit dem Verkauf von Gemüse und Obst, über Ohrreiniger oder Esswaren versuchen, die zum Überleben nötigen Rupien zu verdienen. Die Frauen selbst der unteren Mittelklasse sind täglich in ihren bunten Saris bei den Pujas an den unzähligen großen und kleinen Tempeln der Stadt anzutreffen.
Doch auch in Berhampur wächst eine junge Generation heran, die sich von den Alten in vielem unterscheidet. Statt Sari tragen die jungen Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten Jeans und ärmellose T-Shirts. In den Tempel geht’s nur noch an Feiertagen mit der Familie. Abends schlendert „Junge und Mädchen“ auch mal Arm im Arm über den Basar, oder kichernd mit fünf Freundinnen und fünf Freunden. Das war vor 20 Jahren tabu. Auch um besonders ausgeschlafene „Exemplare“ der jungen Generation zu treffen, reicht ein Chai- oder Essensstand an der Straße.
Ein „Beispiel-Individuum“ sitz aus dem College kommend an einem Stand für das Reisgericht Biryani. Es ist der 19-Jährige Kumar. Das Benzingeld für die Ausflüge mit Vaters alten Scooter und das Biryani verdient er sich mit kleineren Onlinejobs. Obendrauf büffelt er schon jetzt für die Prüfung als IAS-Officer (Indian Administrative Service) in fünf Jahren. Für diesen lukrativen Staatsjob kommen über eine Millionen Bewerbungen auf 150-200 Stellen pro Jahr. Daher auch Kumars sehr gutes Englisch. Über Deutschland weiß er, das wir im Gegensatz zu Indien ein Land alter Menschen sind und Migration zum Überleben brauchen und das immer mehr Inder zu uns kommen.
Im Umgang mit jungen Menschen lobe ich erst einmal die Modi-Regierung. Das führt schnell zu folgenden Ergebnis: „Modi ist ein ungebildeter Mensch, der von Wirtschaft keine Ahnung hat. Der macht nur, was seine Konzern-Freunde wie (Gautam) Adani und (Mukesh) Ambani sagen. Die werden reicher und reicher, schaffen aber keine Arbeitsplätze.“ Dann lobt Kumar die Wirtschaftskompetenz von Manmohan Singh, Indiens Premierminister von 2004 bis 2014, setzt hinzu, dass Modis einzige Begabung die Religion sei und erklärt energisch, was er Donald Trump gesagt hätte, als der 50 Prozent Zoll auf Waren aus Indien draufgeschlagen hat: „Indien ist ein Markt von 1,4 Milliarden Kunden. Deswegen sind von Coca-Cola, über Google, Amazon und Tesla alle ihre Konzerne hier vertreten. Ohne unsere billigen Medikamente wärt ihr China ausgeliefert und unsere IT-Kräfte machen für euch billig die Drecksarbeit. Damit ist ab heute Schluss Herr Trump!“ Dann setzt Kumar urplötzlich ein unschuldiges Lächeln auf und fügt hinzu: „Das würde ich ihm natürlich erst einmal unter vier Augen sagen. Sozusagen als Auftakt für ein interessantes Gespräch“.
Ich hätte auch den zwei Jahre älteren Krishna für diesen Text auswählen können, den ich am Busbahnhof an einem Teestand traf. Während unseres Gespräches blickte er öfters gutmütig zu seiner zahlreichen Verwandtschaft. Die hantierte am Bus zum nächsten Tempel aufgeregt mit dem Gepäck, obwohl es noch 30 Minuten bis zur Abfahrt waren. Krishnas Blick war der eines Psychologen der weiß, dass seine Patienten mit einem IQ von 65 keine großen Sprünge mehr machen werden, dass sie aber trotzdem liebenswürdig sind. “Wir Inder denken mit den Emotionen“, sagte er entschuldigend, mit der gleichen gelassenen Gutmütigkeit.

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