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“Bisher agiert das ganze System gegen die Opfer”

Gemäss dem strategischen Grundsatz “Flood the zone with shit” erfolgte die Veröffentlichung sog. “Epstein-Files” durch das Trump-Regime. Und gemäss den Gesetzmässigkeiten der Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren die Medien der freien und unfreien Welt, also alle. Genau so, wie das Trump-Regime es mit seiner Veröffentlichung vorgesehen hat. In fast jedem Land der Welt gab es Leute, die bei Epstein mitgemacht haben. Das machte ja seinen “Wert” aus. In fast jedem Land werden jetzt Sündenböcke “stürzen”, in Ausnahmefällen auch -ziegen. Haben Sie irgendwo in diesem Shit Systemkritik entdeckt? Ich nicht.

Der Kern von Epsteins Geschäftsmodell war Netzwerken, eine Schlüsselqualifikation all derer, die es im real existierenden Kapitalismus “zu was bringen” wollen. Zur Strecke brachte ihn, dass er irgendwann zu vielen Auftraggebern gleichzeitig zu dienen versuchte, und zu Mächtige von ihnen ihn fallen liessen. Die Veröffentlichung “Epstein-Files” durch das Trump-Regime dient ganz offensichtlich dazu, vom Kern des Skandals abzulenken. Epstein war nur der Repräsentant und leitender Dienstleister eines Herrschaftssystems, das nach seinem Fall (und Tod) weiterexistieren will, und mutmasslich auch wird.

Ein taz-Interview von Carolina Schwarz mit Epstein-Opfer Lisa Phillips macht das einerseits deutlich. Andererseits ist ein weiterer bewundernswerter Fakt erkennbar: die Opfer kapitulieren nicht, sie kämpfen.

Epstein-Überlebende über neue Akten: ‘Es hat nicht mit Epsteins Tod aufgehört’ – Lisa Phillips hat Jeffrey Epsteins Missbrauchssystem überlebt. Im Interview erzählt sie ihre Geschichte und kritisiert ausbleibende neue Ermittlungen.”

Ebenfalls erkennbar wird die perfekte Beherrschung spezifischer Kulturtechniken durch den Gangster Epstein, die nun wie ein Kollateralnutzen dem linken Noam Chomsky symbolisch den Hals brechen, bevor er diese Welt komplett verlässt. Männer.

Die herrschenden Männer lieben es, wenn sie die Verantwortung für ihr bisweilen irres Tun abspalten und verlagern können.

Ein besonders erfolgreicher Fall war die berühmt-berüchtigte Kölner Silvesternacht 2015/16, die die deutsche Juristin Dilken Çelebi hier mit 10 Jahren Abstand absolut treffend bewertet:

Patricia Hecht (Interview)/taz: Juristin über Kölner Silvesternacht: ‘Gewalt gegen Frauen ist kein importiertes Problem’ – Vor zehn Jahren schockierte die Kölner Silvesternacht das Land. Frauenrechte wurden danach rassistisch instrumentalisiert, sagt Juristin Dilken Çelebi.”

Und wer gibt ihr darin Recht? Die Bundesregierung und das Bundeskriminalamt. Sind die doch noch zu was nutze? Eine kompakte Zusammenfassung bringt die Funke-Mediengruppe mit einer paywallfreien dpa-Meldung: Erschreckende Zahlen: Neue Dunkelfeldstudie: Frauen zeigen nur drei Prozent der sexuellen Übergriffe an – Viele schweigen aus Angst oder Scham: Eine neue Dunkelfeldstudie deckt erschreckende Zahlen zu Gewalt in Familien und Partnerschaften auf.”

Noch eine Bemerkung zum begleitenden Journalismus: die clickbaitingsüchtigen Medien pflegen zu versuchen, mit der digitalen Vermauerung ihrer Sex&Crimne-Berichterstattung aus dem Leiden der Opfer noch reichlich Kapital zu schlagen. Mal abgesehen davon, dass das nicht gelingt, ist es besonders arm, und repräsentiert auf diese Weise exakt das System, in dem Mr. Epstein eine (fette) von den zahllosen Spinnen im Netz war. Darin macht die in den Online-Journalismus gewechselte taz eine Ausnahme. Sie kanns aber immer noch nicht. Zu den von Mrs. Phillips lobend erwähnten “Survivor Sisters” gelang es ihr nicht, einen Link zu setzen. Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

2 Kommentare

  1. Avatar-Foto
    Gerd_Brodowski

    @martin.boettger

    https://dorseteye.com/noam-chomskys-wife-responds-to-epstein-links/

    • Avatar-Foto
      Martin Böttger

      Danke vielmals für diese informative Ergänzung. Kannte ich noch nicht.

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