Leider kommt der Wochenrückblick viel zu spät, das heißt aber nicht, dass es schon zu spät ist, etwas zu tun – also selbst etwas zu tun.

Die Abhängigkeit der bundesdeutschen Verwaltungsakrobaten von den Techgiganten aus Nordamerika hat sogar das ZDF aufgegriffen und berichtet unter der Überschrift „Die Achillesferse der deutschen Verwaltung”  über das Damoklesschwert, welches über uns kreist, wie russische Drohnen in der Ukraine.

Jedenfalls wird die Selbstherrlichkeit und Sprunghaftigkeit der nordamerikanischen Führung als latente Gefahr wahrgenommen, denn die Löcher, die nur ein gezielter Klick zum Beispiel bei Microsoft aufreißen kann, sind größer, als ein Bombenangriff auf unsere Infrastruktur. Den Befehl dazu gibt der Oberbefehlshaber.  Allenthalben bekannt die digitale Abschaltung von Karim Khan vom internationalen Gerichtshof durch Microsoft. Die Wirtschaftswoche titelte gnädig „Microsoft steckt in der Trump-Falle“ nachdem sie den Gerichtshof von Mail und Cloud abgeklemmt hatten.

Ob politisch oder wirtschaftlich Druck ausgeübt werden soll, spielt keine Rolle, wir stehen im Zweifel vor einem digitale Desaster, das tiefer greift, als wir es uns vorstellen, „Sieger sehen anders aus

Vor allem hat es sich via Google und Microsoft eingeschlichen, der Accountzwang bei Microsoft führt elegant zu einer Mailadresse mit „@outlook“ oder „@hotmail“ am Ende. Gleichzeitig greift natürlich auch Google bei jedem Android-Smartphone mit in den Topf. Nicht nur das, alle Dienste (zum Beispiel youtube) steigen erst mit einer Gmail-Adresse zur wahren Größe auf. Weil es funktioniert und scheinbar nichts kostet – wir lieben es tatsächlich, wenn es richtig billig wird – benutzen wir es, machen ja alle.

Die Mail-Datenhalden von uns sind ein inspirierender Quell intimster Details. All unsere Kommunikation liegt in Klartext zur Auswertung vor. Mit dem „neuen Outlook“ verschiebt Microsoft es in deren Cloud, auch die Mails der Konkurrenz landen inklusive aller Zugangsdaten und Passworte in deren Händen.

Mails sind so alt, wie das Internet. Geregelt über offene Protokolle, so, dass sie überall funktionieren könnten, wenn nicht Google und Microsoft über ihre eigenen Zugänge die Verarbeitung regeln – immer mit der Begründung, es sei sicherer. Sicher ist dabei nur deren Zugang zu unseren persönlichen Schätzen, die dauerhaft zur Auswertung in den Speichern lagern, einerseits einen profunden Blick auf Veränderungen ermöglichen und andererseits – wie praktisch – durchgehend aktualisiert werden. Nebenbei mit allen Verknüpfungen beruflich wie privat im Adressbuch und Kalender, dieser Service steht selbstredend ebenfalls den Konzernen zur Verfügung.

Was den privaten Nutzer vielleicht stört, sofern er ein digitales Bewusstsein hat, ist für Unternehmen und Verwaltungen sehr viel komplizierter. Denn – vor allem Microsoft – bündelt die unterschiedlichen Dienste, koppelt auch die Preisgestaltung daran. Das führt dazu, dass alle Angebote wunderbar mit den Lizenzkosten harmonieren. Benutze ich Komponente A, dann ist Komponente B günstiger, als es einzeln zu buchen. Wie fantastisch das als Geldquelle ohne Konkurrenz funktioniert, lesen wir an diesen Zahlen: 2023 hat nur die Bundesverwaltung 274 Millionen an Microsoft „gespendet“, 2024 eine kleine Steigerung auf 348 Millionen und 2025 über 480 Millionen. Es ist jetzt keine mathematische Höchstleistung erforderlich um sehen, welche Menge 2025 über den Teich geht. Nur zum Verständnis, das war nur die Bundesverwaltung, sie beinhalten nicht die Kosten für Länder und Kommunen! Was auch vor der Tür steht: bis 2029 stellt Microsoft konsequent alles auf Abo-Modelle um und die Subscription der Azure-Cloud wird obligatorisch.

Bestrebungen von Microsoft wegzukommen – sogar auf EU-Ebene – die gibt es. Aber es ist nicht ganz einfach und wird schwieriger, mit jedem Tag, an dem wir weitermachen, wie bislang.

Für Unternehmen und Behörden gibt es zwei breite Fronten: einmal die Mitarbeiter, die an die Schwächen von Microsoft gewöhnt sind, wie der Junkie an die Nadel. Ohne Entzugserscheinungen lässt sich dieser Punkt nicht bewältigen und zum anderen die Dienste, die im Hintergrund arbeiten und von Microsoft infiltriert sind, auch gerne mit Backend beschrieben.

Jede Änderung muss zuvörderst in den Backends erledigt werden, Exchange von Microsoft austauschen, freie Lösungen gibt es, die Cloudanbindungen auflösen, die stehen schon in Europa, und das Office-Paket tauschen: Der Punkt ist mit den größten Kollateralschäden behaftet, denn das trifft direkt das veränderungsunwillige Objekt vor dem Bildschirm, das zudem auf Outlook verzichten muss. Abgesehen von den speziellen Fachanwendungen, denen über andere Wege das digitale Überleben gesichert werden muss – Lösungen sind aber greifbar.

All das klingt hart, ist es nicht, wenn es zielgerichtet und beharrlich umgesetzt wird – danach ist der Wechsel von Windows zu einem anderen System ein Kinderspiel.

Überall lauern Fallen, nicht technischer Natur, das lässt sich mittelfristig steuern. Viel gefährlicher ist die effiziente Lobbyarbeit von Microsoft, gepaart mit den bunten Hochglanzbroschüren aus Redmond auf den Tischen der Chefetagen. Freie Alternativen haben weder Hochglanzbroschüren noch Lobbyisten, die sauber vorrechnen, wie günstig ein eigener Lizenzberater für Microsoftprodukte ist.

Sicherlich sind das alles Herausforderungen, die nur im großen Maßstab zu lösen sind. Dennoch kann jede und jeder sich selbst beweisen, dass es möglich ist. Der eine Schritt nach vorne stürzt uns nicht in den Abgrund, sondern verleiht uns Flügel! (ohne Koks in der Birne)

Wäre es nicht an der Zeit, dem eigenen Mail-Account bei Microsoft oder Google dieses umfängliche Wissen über uns abzuschnüren? Es geht nicht darum, was immer wieder kommt: „Ich hab doch nix zu verstecken“, und „...es kostet doch nix!“. Das sind schon zwei „nix“ zu viel. Einmal kostet es sehr wohl und wer bezahlt, bestimmt, wo die Reise hingeht – ob ich das dann will oder nicht. So wie sich unsere Behörden und Unternehmen im Würgegriff von Microsoft befinden, so sind wir auch privat geschädigt.

Dennoch: es gibt keinen Gottesauftrag all unsere Kommunikation im Klartext über Nordamerika zu führen.

Eine kleine Verschnaufpause bleibt noch bis zum nächsten Sonntag, dann starten wir enthemmt von Bedenken: Wer mitmacht, hat hernach einen neuen Mail-Account. Es ist an der Zeit, selbst anzupacken …

Über Christian Wolf:

Avatar-FotoChristian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geografie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digitalpurist)