Das Schrillen der Wohnungsklingel am nächsten Vormittag durchbrach Claras mühsam aufgebaute „Tulpen-Gelassenheit“ wie ein rostiges Messer. Ein Blick auf die Küchenuhr: 10:30 Uhr. Ihre Mutter war auf die Sekunde pünktlich – was in Hannelores Welt bedeutete, dass sie bereits seit einer Viertelstunde im Treppenhaus gewartet haben musste, um Claras Zuverlässigkeit und die Sauberkeit des Flurs einer ersten Prüfung zu unterziehen.
„Kind, du siehst blass aus. Isst du genug? In Berlin gibt es ja nur noch dieses Zeug aus Schüsseln, von dem man nicht satt wird“, war der erste Satz, noch bevor die schwere Reisetasche den Dielenboden berührte. Hannelore brachte den Geruch von frischer Landluft, Kernseife und ungefragten Ratschlägen mit in den Flur. Sie trug ihren guten Wollmantel und einen Gesichtsausdruck, der signalisierte, dass sie gekommen war, um in Claras Leben nach dem Rechten zu sehen.
Clara versuchte ein Lächeln und drückte ihre Mutter kurz an sich. „Hallo Mama. Schön, dass du da bist.“
Hannelores Blick wanderte sofort an Clara vorbei, scannte die Wohnung nach Staubmäusen ab und blieb schließlich an der Vase auf dem Schreibtisch hängen. Sie kniff die Augen zusammen, als hätte sie ein illegales Beweismittel entdeckt. „Tulpen? Jetzt schon? Die sind doch hochgezüchtet, Clara. Die haben keine Kraft. Im Januar kauft man Primeln, wenn es unbedingt sein muss, aber eigentlich wartet man geduldig auf den März. Alles andere ist doch Selbstbetrug.“
Clara spürte den vertrauten Impuls, sich zu rechtfertigen, die soziologische Bedeutung von Ästhetik im grauen Alltag zu erklären, doch sie hielt inne. Sie dachte an den Moment im Blumenladen am Bahnhof Friedrichstraße. „Ich wollte nicht warten, Mama. Ich fand sie schön, genau jetzt.“
„Schönheit macht nicht satt“, entgegnete Hannelore und begann bereits, mitgebrachten, in Alufolie eingeschweißten Braten und ein Glas selbstgemachtes Sauerkraut in Claras fast leeren Kühlschrank zu räumen. „Apropos warten: Hast du eigentlich mal wieder mit diesem Markus gesprochen? Dem Architekten aus dem Nachbardorf? Deine Cousine Sabine sagt, er sei wieder Single. Ein Mann mit festem Standbein, Clara. Nicht so einer, der Wörter korrigiert, die kein Mensch braucht.“
Clara setzte Wasser in der Küche auf. Der Dampf des Wasserkochers vermischte sich mit dem schweren Aroma des Bratens. „Mama, ich brauche keinen Architekten, um festzustehen. Mein Drittmittelantrag ist fast fertig. Wenn die DFG zustimmt, habe ich für drei Jahre Sicherheit.“
„Ein Projekt wärmt dich nachts nicht“, murmelte Hannelore, während sie mit einem akribischen Blick ein Staubkorn vom Bücherregal wischte. Dann hielt sie inne und betrachtete die Tulpen aus der Nähe. Eines der gelben Blätter war bereits ein Stück weiter aufgegangen, fast so, als würde es sich provokant der trockenen Heizungsluft entgegenstrecken. Für einen kurzen Moment wurde der Blick der älteren Frau weicher, fast nostalgisch. „Sie sind hell“, gab sie widerwillig zu. „Fast wie die in deinem Kinderzimmer damals, weißt du noch? Die aus Plastik, die du unbedingt behalten wolltest, weil sie nicht verwelken konnten. Du hattest schon immer Angst vor dem Ende der Dinge.“
„Die hier werden verwelken“, sagte Clara ruhig und reichte ihrer Mutter eine Tasse Tee. „Aber bis dahin leuchten sie. Und ich auch. Ich will nichts mehr aus Plastik, Mama. Ich will das Echte, auch wenn es nicht ewig hält.“
Hannelore sah ihre Tochter lange an, skeptisch, aber mit einer neuen Nuance von Respekt in den Augenwinkeln. Sie schien zu spüren, dass die Frau vor ihr nicht mehr das verunsicherte Mädchen war, das sich für seine akademischen Ambitionen entschuldigte. „Na gut. Dann trinken wir eben Tee neben deinen verfrühten Blumen. Aber morgen gehen wir auf den Markt am Winterfeldtplatz. Wir brauchen ordentliches Gemüse, sonst fällst du mir beim nächsten Berliner Windstoß noch um. Man kann nicht nur von Luft, Liebe und Soziologie leben.“
Clara lächelte. Der Frost draußen klirrte gegen die Scheiben, und der Besuch würde anstrengend werden – ein Tanz zwischen zwei Welten. Aber zum ersten Mal fühlte es sich nicht so an, als müsste sie sich vor der Meinung ihrer Mutter verstecken. Sie war die Tulpe, und wenn Hannelore das für einen Fehler im System hielt, dann war das eben ein Fehler, den Clara nun mit Stolz trug. Sie beobachtete, wie ihre Mutter sich schließlich setzte und vorsichtig an ihrem Tee nippte, während die gelben Tulpen im Hintergrund das Zimmer in ein Licht tauchten, das der Januar eigentlich gar nicht verdient hatte.
Dies war Kapitel 2, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 3: Die Grammatik der Freiheit
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