Beueler-Extradienst

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Blattkritik – taz

mit Update 19.2.

Täglich besuche ich ca. 30 Online-Portale. In loser Folge schreibe ich eine “Blattkritik”. Im normalen Leben, früher, als Journalismus noch ernstgenommen wurde von seinen Produzent*inn*en und Konsument*inn*en, war es eine gute Sitte, dass Redaktionen für die morgendliche Sitzung Kritiker*innen von aussen einluden, um ihre Selbstreferentialität konstruktiv zu bekämpfen. Kritik bedeutet: Lob und Tadel in einem ausgewogenen Verhältnis. Mein erster Versuch.

Als die taz Ende der 70er Jahre gegründet wurde, war ich bei der Konkurrenz: “Die Neue” hielt jedoch nur wenige Jahre betriebswirtschaftlich durch. Meine Autorenhonrare, die ich ihr irgendwann als Kredit gewährte, gingen verloren. Es müssen so um die 3-5.000 Mark gewesen sein. Als ich 2005/06 eine zeitlang Texte für die taz lieferte, hörte ich schnell wieder damit auf. Inkompetente Redakteure wollten meine Texte in ein konstruiertes Format zwängen, eine Nerverei, die in keinem Verhältnis zum Zeitaufwand und vor allem zum Zeilenhonorar stand.

Daraus ergab sich über Jahrzehnte, dass Journailst*inn*en ihre Berufslaufbahn gerne in der taz starteten, um sich dann zügig von besserzahlenden Medien abwerben zu lassen. Übrigens auch vom Springerkonzern, da sind viele ganz schmerzfrei.

Lange Vorrede, ich weiss.

Die taz-Startseite eröffnet heute morgen – Überraschung! – mit einem relevanten Thema:

Oxfam-Chef über Milliardäre: ‘Viele Demokratien entwickeln sich zu Oligarchien’ – Extreme Ungleichheit gefährdet Rechtsstaatlichkeit und Multilateralismus, sagt Oxfam-International-Chef Amitabh Behar. Aber es gebe Ansätze dagegen.”

Kompliment also an die interviewende Redakteurin Leila van Rinsum. Thema gut gesetzt. Danach sinkt die Relevanz schnell auf Lokalblattniveau, Berlin eben: eine chinesische Kaffeekette. Kennen wir hier in Beuel nicht. Und wir sind ein Kaffee-Hotspot.

Die Tratsch- und “Lebenshilfe”-Kolumnen haben im taz-Kosmos eine sehr anstrengende Überhand genommen: “To-do-Listen machen glücklich”. Herrjeh, haben wir nicht wichtigere Probleme? Doch haben wir. “Suchtmaschinen”, “Langlaufen”, “Ukraine”, “Berlinale” bis der Arzt kommt. Wen interessiert das hier im Westen, wo die meisten wohnen?

Eine Insel der Vernunft ist erreicht, wenn frau*mann sich zur Karikatur heruntergescrollt hat. Meine Lieblingszeichner: “Beck” und “BurkH”, Letzterer leidender Borussia-Fan wie ich, Ersterer Slowfood-Fan wie ich.

Unten angekommen forste ich die alten Ressorts der früheren Druckausgabe durch: Politik, Öko, Gesellschaft, Kultur, Sport – überspringe die Lokalausgaben Nord und Berlin um geradewegs endlich bei der Wahrheit zu landen, wo der Touché-Cartoon täglich meinen Unmut befriedet.

Heute bin ich auf diesem Weg nirgends lesend hängengeblieben. War das schön, als immer mittwochs die fabulöse Silke Burmester die “Kriegsreporterin” aus der was-mit-Medien-Branche gab. Ich vermisse die “Schlagloch”-Kolumne, die gewöhnlich ein intellektueller Höhepunkt im taz-Unkraut ist. Normal wäre heute Georg Seesslen dran, und nächste Woche Charlotte Wiedemann, die ich immer ungeduldig erwarte. Sind sie unter das Fallbeil der “Digitalisierungsstrategie” gefallen? Wie so vieles?

Das wäre von Übel. Von grossem. Aber die Onlineredaktion der taz arbeitet traditionell erratisch. Möglich, dass es noch kommt.

Vorschlag zur Güte an die digitale taz: Minimalstandard von Onlinepublizistik ist, verweisende informative Links nicht nur auf sich selbst zu setzen, sondern auf Originaltexte, -studien usw. Das wäre wertsteigernd.

Update 19.2.

Die neue Kolumne von Georg Seesslen ist heute online:

Faschismus als Kampfbegriff: Goggelmoggels Sprachlektionen – Sprache ist nicht nur ein Mittel zur gegenseitigen Verständigung. Sie wird mehr denn je zum Machtinstrument und damit auch zur Waffe.”

Danke. Das ist wichtig.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

5 Kommentare

  1. Avatar-Foto
    Christian Wolf

    Hmm…
    “verweisende informative Links nicht nur auf sich selbst zu setzen, sondern auf Originaltexte,”
    … aber wenn die Texte von der eigenen Seite wegführen, dann ist auch der Leser weg. Das haben sie alle bei Facebook, Instagram, Heise etc. gelernt. Das werden sie nicht tun, das verbietet das Geschäftsmodell – oder geht es um Information? Die gibt es so nicht. Besser sind die dran, die eine Suchmaschine bedienen können, also ohne KI und nicht von Google oder Bing.

  2. Avatar-Foto
    et al

    @martin.boettger seit die Setzer*innen-Kommentare weggefallen sind…

  3. Avatar-Foto
    Christoph Siefer

    Mann könnte externe Links auch mit dem “öffnen in einen neuen Fenster / Tab”-tag versehen, das geht heute (seit 1991) ganz einfach.
    Zusätzliche Anregungen:
    – gelegentlich gibt es frei verfügbares Bildmaterial, dann kann man mal zeigen, worum es geht
    – lasst jemand gegenlesen (die Redaktion?). Wenigstens die Überschriften.
    – und macht mal eine Ausnahme vom 2-Satz-Intro Gebot…

  4. Avatar-Foto
    wilfried nissing

    echt? du warst damals bei der “neuen” sozusagen bei den jurnalistischen polpot….. ich bin baff…… aber wenn ich lange überlege was hier so im blog abgezapft wird auch wieder nicht 🙂

    • Avatar-Foto
      Martin Böttger

      Von den maoistischen Sympathien für Pol Pot war “Die Neue” ganz sicher weiter entfernt, als die taz. Mir ist bei diesem Begriff auch nicht zum Scherzen zumute.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Pol_Pot
      Während des Überfalls der VR China auf Vietnam
      https://de.wikipedia.org/wiki/Pol_Pot
      dessen Legitimation mit diesem völkermörderischen Sujet zusammenhing, hielt ich mich in Paris auf einem Kongress der UNEF
      https://de.wikipedia.org/wiki/Union_nationale_des_étudiants_de_France
      auf, bei dem mir und meinen französischen Gastgeber*inne*n die Parteinahme – anders als der Mehrheit deutscher Medien – nicht schwerfiel.
      Nicht lustig. Nicht amüsant.

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