Digitale Souveränität muss nicht an der eigenen Ungeschicklichkeit scheitern, viel fataler ist der Lethargiefaktor. Durch Prokrastinierung schaden wir uns selbst und unterstützen aktiv die positiven Quartalsbilanzen von Google und Microsoft, natürlich ohne jeglichen Benefit für uns. Nein, falsch, wir haben das Gefühl, es ist richtig billig, also richtig billig.
Der erste Schritt ist: den Labsal unserer intimsten Angelegenheiten nicht mehr zu verschleudern, der lagert zum Beispiel bei WhatsApp (SSKM) oder zwischen dem ganzen SPAM (Erklärung hier) in unseren Mails.
Es ist also höchste Zeit zum Aufbruch, dieses selbstmitleidige „Warum denn, es funktioniert doch…“ oder „Das ist nix mehr für mich in meinem Alter, sollen doch die Jugendlichen machen, die verstehen mehr davon!“ stimmt nicht. Diese „digital natives“ blicken bei Mails genauso wie ein Schwein ins Uhrwerk, wie der „Baby-Boomer“, der sich zum Rentenbeginn eine rollatorgerechte Kreuzfahrt gönnen möchte. Hat er bei Google gefunden – und die haben seine Gebrechlichkeit, seine finanziellen Möglichkeiten und seinen Hang zur Bewegungslosigkeit nicht nur aus seinen Suchanfragen, sondern ebenso aus seinen Mails. Sie wissen auch, wen er mitnimmt und schlagen gleich eine Großpackung Inkontinenzwindeln vor.
Die Kombination aus verschiedenen Quellen macht den Braten fett. Das Impressum von Webseiten zum Beispiel. Im Impressum muss eine Mailadresse stehen, das wird großflächig eingesammelt und herumprobiert, ob die Idioten auf Phishing-Mails hereinfallen. Da kommt aus heiterem Himmel von Klarna eine Mahnung für eine offene Rechnung, kann direkt aus der Mail heraus beglichen werden – das ist eine passive Methode. Ein passender SPAM-Filter vernichtet solche Nachrichten rechtzeitig.
Ärzte sind mit ihren Webseiten ebenfalls ein gefundenes Fressen, denn wenn die Sprechstundenhilfe wohlmeinend auf die Mail mit dem Betreff:
„Validierung Ihrer Einrichtung durch die ArztData AG“ reagiert (und noch weitere Angaben macht, wie die private Telefonnummer und Mailanschrift vom Chef), hat die ArztData AG die Einwilligung, auch diese Einträge zu vermarkten. Das steht natürlich nicht so in der Mail, aber die Eingabe arztdata.de als URL reicht und schon ist klar, warum der Medizingerätevertreter bei nächster Gelegenheit den brandneuen Letalisator – ein Bolzenschussgerät für Komapatienten – vorführen darf, nur um ein harmloses Beispiel zu nennen.
Bevor wir mit einem eigenen neuen Mailkonto starten, schlucken wir den Rest vom Schnitzel runter, wischen wir uns den Mund ab, die „digital natives“ legen ihr Smartphone bitte weg, denn wir nähern uns der eMail, die schätzungsweise 333 milliardenfach täglich durchs Netz rauscht.
An die erste Mail können sich vielleicht die Anarchisten unter den „Baby-Boomern“ noch grob erinnern, das war bereits 1971 in den Staaten und schwappte 1984 bis nach Deutschland. Lange bevor Google und Microsoft das pervertieren konnten, entstanden Protokolle, die uns diese Buchstaben auf den Bildschirm zaubern, als Nachricht.
An dieser Stelle ist es für den „Baby-Boomer“ ebenso spannend, wie für den „digital native“, beide Opfergruppen sind bar jedes Wissens, deshalb scheint es hilfreich in diesem Zusammenhang ein paar Buchstaben zu kennen, denn damit funktioniert Mail noch immer.
Eine Mail müssen wir uns vorstellen, wie eine Schreibmaschinenseite: Oben stehen ein paar technische Details, also wo sie hin soll und woher sie kommt und natürlich die Buchstaben, die wir loswerden wollen.
Wenn ich diesen Buchstabensalat versenden will, muss ich sie zum Transport fertig machen und das sollte möglich simpel sein. Hilfreich für Computer ist ein Protokoll, damit der Blechtrottel weiß, was er tun soll. Auf diese Weise entstand ein einfaches Nachrichtenübermittlungsprotokoll. Geboren wurde „SMTP“, „S“ steht für „Simpel“, „M“ steht für „Mail“, „T” steht für „Transport” und „P” steht für „Protokoll“, oder besser „Simple Mail Transfer Protocol“ – vulgo „SMTP“. Das taucht immer wieder auf und dient nur zum Versand der Nachricht.
Damit Mails nicht im digitalen Nirwana landen, gibt es Zwischenlager zur temporären Ablage, wie ein Schließfach bei der Post. Wenn ich weiß, wo das steht und den Schlüssel habe, kann ich meine Post abholen. Weil das Internet über viele Protokolle gesteuert wird, gibt es für die Post ebenfalls ein Protokoll, damit wären wir beim „Post Office Protocol“ in der Kürze „POP“.
Es fehlt noch ein Programm, mit dem ich meine Post abholen kann. Schlichte Geister, von Microsoft verwöhnt, rufen jetzt fröhlich: „Hab ich, mache ich immer mit Outlook!“ Tja, das wäre dann der erste Schritt, um mit Mails sachgerecht umzugehen, Outlook löschen, rückstandsfrei von der Platte putzen, damit wir mit Mails arbeiten können.
Aber Microsoft wünscht uns die Pest an den Hals, weil wir uns loslösen wollen nageln Sie dem Anfänger alle Türen zu. Geht aber trotzdem, hier eine Anleitung. (Das ist übrigens die mit Abstand kompliziertes Stelle, um zu wechseln – aber leider zwingend notwendig. Wir werden es sinnvoll ersetzen.) Heimlich hat Microsoft bei Win10 angefangen, die ganzen Mails über Outlook in die Cloud zu verlagern, praktisch für deren Weltwissen. Weil diese Übergriffigkeit nicht nur Microsoft-Konten verwaltet, sondern alle Mailaccounts, die angelegt wurden oder werden, wandern die Mails inklusive der Zugangsdaten zum Mutterschiff Microsoft. Unterm Strich bedeutet dies, wenn ich Outlook benutze, hat Microsoft trotzdem alles. Übrigens: auf einem Mac wird das nicht gemacht. Gibt aber die Vollpfosten, die einen Mac haben und ohne Not Outlook installieren.
Unser Mailprogramm (eben nicht Outlook) kann über das „Post Office Protcol“ (POP) die Nachrichten aus dem Zwischenlager auf den heimischen Rechner holen – in dem Fall wäre das Postfach geleert.
Deshalb gab es schon sehr früh die Idee, das Postfach gar nicht zu leeren, sondern alle Mails dort liegenzulassen. Praktisch, wenn ich nochmal dran will.
Neben einem Mailprogramm auf dem Rechner kann ich meine Nachrichten auch einsehen, wenn ich im Internet die Seite von Microsoft oder Google besuche. Das folgt – wie könnte es anders sein – ebenfalls einem Protokoll, so eine Art Internetzugangsprotokoll für Mails. So wurde es auch getauft: „Internet Message Access Protocol“ kurz „IMAP“.
Diese drei Kürzel begleiten uns, sie sollten grundsätzlich bekannt sein, wenn ich etwas ändern möchte. Wesentlich: „SMTP“ für den Versand und „IMAP“ für den Empfang von Nachrichten.
Meine Mailadresse, das zugehörige Passwort und die Server für Versand und Empfang der Nachrichten wird mir vom Anbieter genannt.
Ein Problem? Nöh, sobald ich ein neues Konto eingerichtet habe, reicht es, die neue Mailadresse zu kennen und das Passwort. Moderne Mailprogramme arbeiten mit „Auto-Discovery“ und füllen alles eigenständig richtig aus. Und sollte etwas fehlen, dann wissen wir uns natürlich zu helfen.
Es ist einfach einen neuen Mailaccount einzurichten, aber dann geht schon das Gejammer los: „Ich kann doch nicht allen meine neue Mailadresse schicken, wie soll das gehen? Und meine alten Nachrichten, die sind auch alle weg!”
Wer ein neues Leben anfangen möchte, für die oder den ist das ganz sicher praktisch. Muss aber nicht, geht viel einfacher, ohne Schmerzen. Ich brauch’ nur ein Mailprogramm und muss verstanden haben, wo meine Mails liegen, dann kann ich die auch sanft umbetten, ganz sanft.
Für alle Anbieter eine Anleitung zu schreiben, kratzt überall an der Oberfläche, alle möglichen Mailprogramme zu beschreiben und zu vergleichen, verwirrt mehr als es bringt. Deshalb für den Fortschritt zur digitalen Souveränität lieber ein konkretes Szenario, das Mailprogramm wird Thunderbird.
Wechseln sollten wir nicht nur von Google oder Microsoft weg, auch servicegebundene Mailaccounts erlöschen, wenn der Hauptvertrag seine Gültigkeit verliert. Eine gepflegte eigenständige Mailrepräsentanz ist in jedem Fall sinnvoll – und nicht erst, wenn die Mails weg sind.
Server und Personal kosten Geld, Mail ist nicht umsonst. Hilfreich ein kostenloser Account – mit Werbung und weniger Service – der aber aufgewertet werden kann. Das erleichtert den Umstieg! Unter den Premiumanbietern bevorzuge ich mail.de – wer nach dem Einstieg auf eine Bezahllösung umsteigt und sich als treuer Extradienstleser ausweist, bekommt sogar Rabatt. Das alles und noch viel mehr beim nächsten Mal.
Zum Schluss noch: die verspätete Ausgabe sei den rheinischen Feiertagen geschuldet.

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