Wie Brasiliens extreme Rechte einen Kommentar Lulas zu Meme-Munition machte
Digitaler Humor ist eine gefährliche politische Waffe. Die extreme Rechte in Brasilien weiß das nur zu gut. Im Jahr 2025 machte sie aus einem unangemessenen Kommentar Lulas ein Meme gegen die Politikerin Gleisi Hoffmann. Innerhalb weniger Stunden ging es viral. Dieser Artikel zeigt, wie Spott politische Debatten ersetzt und die frauenfeindlichen, gewalttätigen Diskurse der extremen Rechten festigt.
Triggerwarnung: Das Meme oben ist frauenfeindlich und beleidigend. Es diskreditiert die gestandene PT-Politikerin Gleisi Hoffmann moralisch (als korrupt) und körperlich (wegen ihres Aussehens und als Frau). Dennoch wird es in Brasilien tausendfach geteilt, viele finden es lustig. Eine genaue Analyse steht im Artikel.
Am 12. März 2025 ernannte Präsident Lula Gleisi Hoffmann zur Ministerin des Sekretariats für institutionelle Beziehungen; dieses Amt ist wesentlich für die Verhandlungen mit dem Kongress. Dabei erklärte er, er habe eine „schöne Frau“ gewählt, um die Kommunikation mit dem Parlament zu verbessern. Reaktionen auf diese Bemerkung folgten prompt. Innerhalb weniger Stunden war die Debatte nicht mehr allein politischer Natur. Im sozialen Netzwerk X füllten sich die Kommentarfelder mit Memes und Spott gegen Hoffmann.
Am nächsten Tag veröffentlichte Gleisi auf derselben Plattform einen Beitrag, in dem sie politische und geschlechtsspezifische Gewalt anprangerte. Zugleich verteidigte sie Lula für seine Politik zugunsten von Frauen und erinnerte an sexistische Kommentare von Ex-Präsident Bolsonaro. Ihr Post wirkte wie ein Auslöser. Die Kommentarspalte wurde zu einer Bühne für rechte Angriffe. Innerhalb weniger Minuten tauchten Gelächter-Emojis und Bildmontagen auf, die den Ausdruck „schöne Frau“ aufgriffen, um Hoffmann zu verspotten.
Gleisi Hoffmann ist alles andere als eine Nebenfigur in der Politik Brasiliens. Sie ist eine langjährige Aktivistin der Arbeiterpartei, ehemalige Ministerin und Parteivorsitzende. Ihre Ernennung zielte darauf ab, Brücken zu einem fragmentierten und der Regierung äußerst feindlich gesinnten Kongress wiederaufzubauen. Vor diesem Hintergrund gewann Lulas Kommentar besondere symbolische Bedeutung. Der Fokus verschob sich von der politischen Strategie zum Körper und Aussehen einer Frau in einer Machtposition. Die Opposition nutzte dies, um Hoffmann auf persönlicher Ebene hinsichtlich Alter, Aussehen und Moral zu diskreditieren.
Demütigung statt Dialog
Das Meme wirkt wie ein Witz, ist aber eine geschlossene Antwort, ohne Raum für Auseinandersetzung. In der Praxis bestätigt es, was Hoffmann in ihrem Post anprangerte: Zielscheibe waren weder ihr Amt noch ihr Werdegang, sondern ihr Geschlecht. Kommentarspalten erweisen sich dabei als Schauplatz politischer Konfrontation. Anders als auf offiziellen Profilen, wo Beiträge stärker kontrolliert werden, können Nutzer*innen hier aggressiver agieren. Angriffe kommen nicht direkt von Politiker*innen, sondern von der Masse, die den aggressiven Diskurs unter dem Deckmantel des Humors reproduziert, verstärkt und normalisiert. Memes funktionieren nicht als unschuldige Witze, sondern als schnelle Gegenargumente. Ihr Ziel ist nicht Dialog, sondern Demütigung; sie starten keine Diskussion, sondern würgen sie ab. Humor verliert seine verbindende Wirkung und dient dazu, Zugehörigkeit und Ausschluss zu markieren. Wie Damián Fraticelli in seinem Buch „El humor hipermediático“ betont, gibt es ein lächerlich gemachtes Objekt, mit dem sich niemand identifiziert. Es ist kein Lachen „mit“, sondern ein Lachen „über“ jemanden. So verstärkt Humor Hierarchien und verwandelt Vorurteile in Spottmaterial.
Eines der am häufigsten geteilten Hoffmann-Memes zeigt ein „Vorher-Nachher-Bild“. Es suggerierte, Hoffmann habe ihr Aussehen dank der „Odebrecht-Produkte“ „verbessert“ (Anspielung auf das Unternehmen, das zum Symbol für die Korruptionsskandale des letzten Jahrzehnts in Brasilien wurde). Der Humor stützt sich auf diese syntagmatische Konstruktion: Sie unterstellt, Hoffmann habe persönlich von korrupten Praktiken profitiert, was sich angeblich in ästhetischen Verbesserungen niederschlage. Dieses sexistische Narrativ diskreditiert die politische Akteurin moralisch und körperlich. Die Wirkung des Memes funktioniert aber nicht nur über den Text, sondern auch über den visuellen Vergleich. Eine körperliche Transformation wird dargestellt, die durch Geld und Korruption ermöglicht wurde, und verstärkt so die Idee, weiblicher politischer Erfolg sei nur durch Gefälligkeiten oder „erkaufte“ Schönheit erklärbar. Der Körper der Frau wird zur Projektionsfläche moralischer Auseinandersetzung.
Der zentrale Satz des Memes „Es gibt keine hässliche Frau …“ knüpft an einen bekannten brasilianischen Spruch an – „Es gibt keine hässliche Frau, du hast nur zu wenig getrunken“ – sowie an einen bekannten Werbeslogan, der vom Unternehmer und Fernsehmoderator Silvio Santos bekannt gemacht wurde, seines Zeichens langjähriger politischer Gegner Lulas. In seiner Sendung wiederholte Silvio: „Es gibt keine hässliche Frau, nur Frauen, die die Jequiti-Produkte nicht kennen“ (Produkte seiner Kosmetikmarke). Dass dieser Slogan ins politische Feld verschoben und mit Korruption verknüpft wird, zeigt, wie der Meme-Humor der brasilianischen Rechten nationale Medienreferenzen und Elemente der Popkultur zusammenbringt, um auf symbolischer Ebene Angriffe zu starten.
Hämisches Lachen unter Gleichgesinnten
Dabei geht es nicht nur um das Meme selbst, sondern auch darum, wie es präsentiert und verbreitet wird. Der Beitrag nutzte ein für Bolsonaros Anhänger*innen erkennbares Sprach- und Symbolrepertoire. Spitznamen wie „Mito“ (Mythos), der Bolsonaro zugeschrieben wird und im Nutzernamen des Meme-Verbreiters auftauchte, verstärken die Logik eines politischen Götzendienstes. Beleidigungen wie „cachaceiro“ (gegen Lula gerichtet) aktivieren hingegen klassistische und regionale Stigmata. Der Zuckerrohrschnaps Cachaça, der mit den ärmsten Bevölkerungsschichten assoziiert wird, wird als sozialer Marker genutzt. Stereotype Bilder über die Arbeiterklasse und die Bevölkerung des brasilianischen Nordostens werden dabei reproduziert, um Lula zu diskreditieren. Diese Elemente stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern verbinden sich zu einer moralisierenden Erzählung über Politik und politische Gegner.
Das Beispiel zeigt, wie die brasilianische extreme Rechte Memes nicht nur als Witze verwendet, sondern als Instrument politischer Delegitimierung. Sie greifen Gegner*innen an und festigen ein diskursives Gedächtnis über „den Anderen“. Memes sind zu einem Schlüsselelement dafür geworden, wie radikale Diskurse heutzutage zirkulieren.
Gleichzeitig dient der Meme-Humor nicht nur als Angriffsstrategie, sondern erfüllt auch eine soziale Funktion. Beim Teilen eines Memes reproduzieren Nutzer*innen nicht nur einen Diskurs, sondern zeigen auch ihre Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft, die sich in Codes, kulturellen Referenzen und geteilten Emotionen ausdrückt. Die Logiken der sozialen Netzwerke begünstigen die Herausbildung solcher Gemeinschaften, in denen das Lachen vor allem unter Gleichgesinnten zirkuliert. Humor ist gemeinsamer Code, der Affinitäten organisiert, Identitäten stabilisiert und das Gefühl verstärkt, auf derselben Seite zu stehen. Diese Dynamik ist universell, in vielen Ländern nutzen rechtsextreme Bewegungen Humor als Werkzeug des Kulturkampfes. Als scheinbarer Witz vereinfacht der Spott komplexe Konflikte, beschleunigt die Verbreitung von Botschaften und neutralisiert Kritik.
Digitaler Humor wird so zu politischem Handeln. Dabei sind die Memes weit davon entfernt, Debatten zu fördern, sie funktionieren vielmehr als Sprache des Schützengrabens: Sie erzeugen Zusammenhalt nach innen und Feindseligkeit nach außen. Was als Lachen zirkuliert, ist nicht nur schlechter Geschmack, sondern auch Methode. In Brasilien und anderswo hat die extreme Rechte gelernt, Angriffe in Humor zu verpacken, um sie schneller zu verbreiten und der Diskussion zu entziehen. Das Ergebnis ist eine Politik, die zu permanentem Spott geworden ist, wo der Humor aufhört, Erleichterung zu sein, und zum Werkzeug wird: Er diszipliniert, bestraft und bestimmt, wer sprechen darf und wer schweigen muss. Weit entfernt vom Anekdotischen verdichten diese Memes Weltanschauungen, verstärken Vorurteile und normalisieren ausgrenzende Diskurse.
Márcio Antonio Gatti ist Literaturwissenschaftler und Linguist und lehrt an der Universität von São Carlos. Er erforscht Humor in den sozialen Netzwerken und im Internet. E-Mail: maggatti@ufscar.br. Tiago Augusto Rodrigues ist Publizist, Grafikdesigner und Sozialwissenschaftler. Er erforscht die Bedeutungsproduktion in Memes. E-Mail: tiagodranzel@gmail.com • Übersetzung: Anna Buhl. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 492 Feb. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

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