Die Luft im Seminarraum 302a der Humboldt-Universität war von jener besonderen Zähigkeit, die nur in Gebäuden entstehen kann, in denen seit Jahrzehnten über die Welt nachgedacht wird, ohne die Fenster weit genug zu öffnen. Es war eine Mischung aus abgestandenem Filterkaffee, dem metallischen Geruch von dreißig gleichzeitig arbeitenden Laptops und der stickigen Wärme, die von der alten Gussheizung ausging. Früher hätte Clara diese Atmosphäre als bedrückend empfunden – ein Spiegelbild ihres eigenen Wartestatus, gefangen zwischen Befristungsverträgen und der ständigen Sorge, den hohen Erwartungen der Fakultät nicht zu genügen.
Doch heute war etwas anders.
Clara trug einen dunkelblauen Blazer, den sie sonst nur für offizielle Termine mit der Institutsleitung reservierte. Unter dem Arm klemmte ihr Notizbuch, und darauf lag, fast wie eine Provokation, eine einzelne gelbe Tulpe, die sie morgens vorsichtig aus der Vase zu Hause entnommen und in Pergamentpapier gewickelt hatte. Es war ihr privater Talisman gegen den grauen Beton der Garystraße.
Sie trat vor das Pult und wartete. Sie wartete nicht unruhig, sondern mit einer neuen, fast majestätischen Stille, bis das letzte Murmeln der Studenten verstummte. Sie suchte keinen Blickkontakt, um Bestätigung zu finden; sie stand einfach da, als fester Punkt in einem Raum voller Suchender.
„Heute sprechen wir über Pierre Bourdieus Konzept des Habitus“, begann sie, und ihre Stimme klang tiefer und fester, als sie es von sich selbst gewohnt war. „Wir sprechen über die Art und Weise, wie unsere soziale Herkunft uns in ein Korsett aus Gesten, Sprache und Erwartungen zwängt. Aber wir sprechen auch darüber, was passiert, wenn wir anfangen, die Nähte dieses Korsetts aufzutrennen.“
In der zweiten Reihe meldete sich Julian. Er war der Typ Student, der in jedem Seminar saß: schwarzer Rollkragenpullover, eine Vorliebe für französische Philosophen und das Talent, Dozenten mit Vorliebe in theoretische Sackgassen zu locken, um die eigene Brillanz zu demonstrieren.
„Frau Dr. Jensen“, warf er ein, während er seinen Füller zwischen den Fingern kreisen ließ, „ist es nicht etwas reduktionistisch, den Habitus als Schicksal zu begreifen? In einer übermodernen Gesellschaft wie Berlin ist Identität doch eher ein bewusstes Designprojekt. Wir entscheiden doch selbst, wer wir sind, oder nicht?“
Früher hätte Clara nun eine defensive Kette von Zitaten abgefeuert, um ihre fachliche Souveränität zu beweisen und Julian in die Schranken zu weisen. Sie hätte sich hinter Adorno oder Foucault versteckt. Doch heute hielt sie inne. Sie dachte an die Tulpen in ihrer Vase, die einfach leuchteten, ohne um Erlaubnis zu fragen, und an ihre Mutter, deren „Designprojekt“ aus pragmatischem Sauerkraut und der Sorge um das tägliche Brot bestand.
Sie trat einen Schritt vor das Pult, mitten in den Raum, und verließ damit die schützende Barriere ihres Dozententisches. „Ein interessanter Punkt, Julian“, sagte sie ruhig. „Aber ist dieses ‚bewusste Design‘ nicht oft nur eine weitere, viel subtilere Form der Anpassung? Wir versuchen, die ‚Richtigen‘ zu sein – für den Arbeitsmarkt, für Dating-Algorithmen, sogar für unsere eigenen Ideale von Erfolg. Wahre Autonomie beginnt vielleicht erst dort, wo wir aufhören, uns als unfertiges Projekt zu betrachten, das ständig optimiert werden muss. Wo wir akzeptieren, dass wir im Januar blühen dürfen, auch wenn die Welt draußen Frost erwartet.“
Es wurde vollkommen still im Raum. Ein paar Studenten, die bisher geistesabwesend auf ihre Displays gestarrt hatten, blickten auf. Clara spürte, wie der gewohnte Druck, alles perfekt machen zu müssen, einer tiefen, ruhigen Präsenz wich. Sie korrigierte niemanden mehr wegen der Aussprache akademischer Fachbegriffe; sie eröffnete einen Raum für echtes Denken.
In der letzten Reihe bemerkte sie nun einen Mann, der ihr bisher nicht aufgefallen war. Er war älter als die anderen, vielleicht in ihrem Alter, und er schrieb nicht mit. Er beobachtete sie einfach nur. Sein Blick war weder kritisch noch fordernd; es war eine aufmerksame Neugier, die Clara für einen Moment aus dem Konzept brachte. Als sich ihre Augen trafen, senkte er nicht den Blick, sondern neigte leicht den Kopf, als würde er ein stummes Einverständnis signalisieren.
Nach dem Seminar, als das übliche Rascheln von Taschen und das Zuklappen von Laptops einsetzte, packte Clara ihre Sachen. Julian kam nach vorne, diesmal ohne seine gewohnte Überheblichkeit. „Gutes Seminar heute, Frau Jensen. Man hatte das Gefühl… dass Sie heute wirklich hier waren.“
Clara lächelte und nahm die Tulpe vom Tisch. „Ich fange gerade erst an, wirklich hier zu sein, Julian.“
Als der Raum fast leer war, blieb der Mann aus der letzten Reihe stehen. Er wartete diskret an der Tür, bis Julian gegangen war. Er trug einen dunklen Mantel und einen Schal aus grober Wolle.
„Verzeihen Sie die Störung, Frau Dr. Jensen“, sagte er, und seine Stimme hatte einen warmen, ruhigen Klang. „Ich bin Erik. Ich besuche das Seminar als Gasthörer. Ich wollte Ihnen nur danken. Ihre Bemerkung über das Blühen im Frost… das war keine Soziologie mehr. Das war eine Entscheidung.“
Clara hielt den Atem an. In seinen Augen lag etwas, das sie in den Jahren an der Universität selten gefunden hatte: eine echte, unverstellte Resonanz. Er suchte keinen Habitus-Kampf, er suchte ein Gespräch.
„Manchmal muss man die Theorie verlassen, um die Wahrheit zu finden, Erik“, antwortete sie. Sie spürte, wie ihr neues Selbstbewusstsein durch seine Worte eine Form von Bestätigung erhielt, die tiefer ging als jedes Lob der Fakultät.
„Vielleicht“, sagte er und lächelte sanft, „braucht die Wahrheit manchmal einfach nur den Mut, zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Wie Ihre Tulpe.“
Als sie das Gebäude verließ und in den eisigen Berliner Wind trat, fühlte sich die Kälte nicht mehr wie ein Feind an. Sie schickte den Drittmittelantrag mit einem einzigen Klick von ihrem Handy aus ab – ohne die Formulierungen noch ein zehntes Mal zu prüfen. Sie war gut genug. Das Projekt war gut genug. Und während sie Richtung U-Bahn lief, wusste sie, dass dies erst der Anfang einer ganz neuen Grammatik ihres Lebens war.
Dies war Kapitel 3, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 4: Der digitale Kahlschlag und die Freiheit der Geister
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