Landtagswahl BaWü: Wahlforscher sehen Momentum bei Grün

Die starken Zuwächse bei den BaWü-Umfragen für Grün haben zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen im Landtagswahlkampf geführt. Sie zeugen auch von einem Momentum für Grün, das sich bis zum Wahltag noch verstärken könnte. Denn 30% der Wahlberechtigten sind noch unentschieden und entscheiden sich erst kurzfristig.

Ein wichtiger Punkt im Wahlkampf ist die relative Unbekanntheit des CDU-Kandidaten in Verbindung mit der bisherigen Unauffälligkeit und Passivität seiner Wahlkampfführung. Aufgrund des zeitweise großen demoskopischen Vorsprungs vor der grünen Konkurrenz hatten die CDU-Strategen offensichtlich auf einen „Schlafwagenwahlkampf“ gesetzt: bloß nicht auffallen, keine großen Konflikte, still und leise den erwarteten Erfolg in die Scheuer fahren – das war der Plan. Er hat Partei und Kandidaten weitgehend unvorbereitet in die nun eingetretene Kopf-an-Kopf-Situation gestürzt. Da politische Kommunikation meist Wochen, oft sogar Monate benötigt, um wirkungsvoll durchzudringen, könnte es deutlich zu spät sein, um das Ruder eine Woche vor der Wahl noch einmal herumzureißen.

Es wäre das zweite Mal hintereinander, dass die BW-CDU einen Wahlkampf gehörig versemmelt. 2021 hatte die damalige Kandidatin Eisenmann auf Angriff gesetzt und sich als „Macherin“ präsentiert, gegenüber einem beliebten Amtsinhaber, den sie als einen „Schöngeist“ zu labeln versuchte, der nur „herumphilosophiert“. Sie hatte vollkommen unterschätzt, dass das Zuhören zusammen mit dem Erklären und Kommunizieren von Politik eine besondere Fähigkeit von Ministerpräsident Kretschmann darstellt, die in Krisensituationen (Corona u.a.) besonders geschätzt und benötigt wird.

Ein zusätzlicher Punkt, der nun gegen die CDU ausschlägt, ist die große politische Erfahrung des grünen Kandidaten Özdemir und das Vertrauen, das er sich in BW erarbeitet hat. Der junge CDU-Kandidat wirkt dagegen unerfahren und kann auch das traditionell sehr wirksame Versprechen der Union, in schwierigen Zeiten für Sicherheit und Solidität zu stehen, nicht überzeugend in die Waagschale werfen. Dem Migrantensohn Özdemir gelingt es stattdessen, urschwäbische Anmutungen und Erwartungen wirkungsvoll mit Modernisierungsanliegen zu verbinden. Er wirkt bodenständig, vertrauenswürdig und modern. Damit hat er inzwischen gute Chancen, in die Villa Reitzenstein, dem Sitz der baden-württembergischen Ministerpräsidenten, einzuziehen.

Das letzte Wort haben am Sonntag die Wählerinnen und Wähler.

Über Reinhard Olschanski / Gastautor:

Avatar-FotoGeboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.