Mein Lieblingstext des Tages ist, nicht zum ersten Mal, von Robert Misik/Blätter. Ein Österreicher. Die Blätter gaben ihn heute pawallfrei:

Die Verteidigung der Vernunft – Ein Plädoyer für einen radikalen Linksliberalismus”

Ich stimme in allem zu. Es gibt jedoch eine schwerwiegende Analyse- und Erkenntnislücke, die das ganze schöne Gebäude mit Einsturz bedroht.

Schon in meinem linksliberalen Jugendverband in den 70er Jahren habe ich gelernt, dass die Gesellschaft und ihre Machtverhältnisse nicht zu verstehen sind, ohne eine klare Analyse der ökonomischen Rahmenbedingungen (“Produktionsverhältnisse”) und materialistischen Klasseninteressen. Anders als damalige Marxist*inn*en dogmatisierten wir das nicht zur alles entscheidenden Hauptfrage, der sich Nebenwidersprüche, wie z.B. individuelle Grund- und Freiheitsrechte, unterzuordnen hätten. Aber Ignorieren geht gar nicht.

Und was macht der gute Misik? Er lässt die ökonomischen Machtverhältnisse in den öffentlichen Mediendiskursen des real existierenden Kapitalismus einfach weg. Medien und ihre lohnabhängig Beschäftigten produzieren, der Arbeiterklasse ähnlich und angehörend: Nachrichten, Informationen, Meinungen, Agendasettings (und sehr, sehr viele Weglassungen). “Wir” kaufen es ihnen ab. Oder nicht. Mit der Machteroberung durch die asozialen Konzernnetzwerke haben sich diese Machtverhältnisse in einer Weise radikalisiert, wie es die Göttin und der Gott des Neoliberalismus, Margret Thatcher und Ronald Reagan, nie zu träumen gewagt hätten.

Diese Radikalisierung hat schon seit Jahrzehnten dazu geführt, dass emanzipatorische Kräfte und Bewegungen auf den – mit einigem Recht geschmähten – “Populismus” gar nicht verzichten können, selbst wenn sie wollen. Denn die Zeit drängt, am meisten in der Klimapolitik – deren Voraussetzung übrigens die Beendigung von Kriegen und globale Kooperatation ist!

Der Vernunft von Misik und mir könnte siegen, ohne dass das sicher wäre, wenn der politische Diskurs halbwegs demokratisch und emanzipatorisch organisiert wäre. Er ist es nicht. Erst die Besitzverhältnisse an den Netzwerken vergesellschaften? Wo sind die medienrevolutionären Kräfte, die das durchsetzen? Schauen wir uns doch nur den jämmerlichen Zustand “unserer” – unbedingt gegen Vernichtung und Privatisierung verteidigenswerten – öffentlichen Medien an. Ein Bild des Jammers.

Eine Reihenfolgediskussion, was zuerst dran ist, ist müssig. Alles ist fällig. Der Crash kommt näher. Er droht vieles zu vernichten. Auch die Vernunft.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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