Hypermedialer Humor: Schlüsselfigur der politischen Kommunikation
In der Ära des hypermedialen Humors ist das Lachen nicht mehr nur reine Unterhaltung, sondern hat sich in ein mächtiges informatives, identitätsstiftendes und politisches Instrument verwandelt. Dieser Artikel untersucht, wie Memes Agenden verdichten, Zugehörigkeiten erschaffen, in Echtzeit parallel zu Ereignissen Bedeutung hinterfragen und damit Einfluss nehmen auf junge Menschen, politische Debatten und parteipolitische Strategien, insbesondere im heutigen Argentinien und in der digitalen Kultur.
Heutzutage spielt der hypermediale Humor eine fundamentale Rolle bei der Herausbildung der öffentlichen Meinung. So bestätigt eine aktuelle Studie, dass sich Jugendliche aus unterschiedlichen lateinamerikanischen Ländern über Memes informieren. Der hypermediale Humor entsteht aus der Interaktion zwischen Massenmedien und internetgestützten Medien. Humor verdichtet die Nachrichtenagenda. Angesichts der Komplexität eines Ereignisses fasst Humor zusammen, verweist auf das Wesentliche und liefert eine Interpretation, ausgehend von einer bestimmten moralischen Perspektive. Als die Massenmedien vorherrschten, bezog sich Humor auf Ereignisse, bevor oder nachdem sie stattgefunden hatten. Der hypermediale Humor hingegen wird fortlaufend erzeugt, sogar während ein Ereignis stattfindet, beispielsweise bei Fernsehdebatten, bei denen humoristische Memes verbreitet werden, die Kandidat*innen und Gegenkandidat*innen ins Lächerliche ziehen. Jede*r kann sie herstellen und dabei eine ähnliche oder sogar noch größere Reichweite erzielen als die klassischen Massenmedien.
Identitäre Konsolidierung
Die Produktion und Verbreitung von Humor in den sozialen Netzwerken bestätigt die Zugehörigkeit zu einem bestimmten identitären Kollektiv. Humor geht von Wissen und Werten aus, die in der Community geteilt werden. Über bestimmte Themen und auf eine gewisse Art zu lachen oder nicht zu lachen, bedeutet dazuzugehören – oder eben nicht. Humor wird häufiger geteilt und erhält mehr Likes als seriöse Beiträge. Professionelle Humorseiten haben in der Regel eine große Anzahl Follower. Warum? Sie sorgen für Vergnügen, bündeln Informationen und erfordern eine aktive Interpretation seitens der empfangenden Person sowie eine Bekräftigung der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Außerdem bringt Humor Menschen zusammen, die sich weder für Politik noch für Journalismus interessieren. Diese Eigenschaften machen den hypermedialen Humor zu einem wirkungsvollen Mittel mit hoher Durchschlagskraft im Streit um Deutungshoheit. Die politischen Parteien wissen das. Wir könnten sogar sagen, dass rechte und extrem rechte Parteien die ersten waren, die diese Kommunikationsform in ihre Öffentlichkeitsarbeit eingebunden haben und sie bislang am effektivsten nutzen.
Der hypermediale Humor von La Libertad Avanza
Die Präsidentschaftswahlen 2023 gewann Javier Milei, Vorsitzender der extrem rechten Parteiallianz La Libertad Avanza (LLA) und zu dem Zeitpunkt noch Außenseiter des politischen Systems.
Eine Studie, die wir zu den wichtigsten Accounts mit politischem Humor durchgeführt haben, zeigte, dass die Anhänger*innen von LLA einem hemmungslosen und kämpferischen Humor zugeneigter waren als die Unterstützer*innen der übrigen politischen Kräfte. Sie zeigten öffentlich das Vergnügen, das ihnen der Humor bereitete, und teilten es. Durch das Teilen bekräftigten sie nicht nur ihre parteipolitische Identifikation, sondern stärkten auch die Argumentation von LLA. In Abgrenzung zum Rest der politischen Kräfte hatte der Humor der LLA eine starke programmatische Komponente. Er sagte explizit, gegen wen man vorgehen und was man dafür tun solle: den Peronismus und Kirchnerismus für immer verdrängen, den Staat verkleinern, die Steuern senken, den Dollar einführen, die Zentralbank schließen, mit der politischen „Kaste“ aufräumen und Migrant*innen ihre Rechte entziehen.
Der Humor der politischen Linken verlief hauptsächlich in Richtung Verspottung des Kandidaten aufgrund seiner Art zu reden, Kleidung und seines Auftretens. Die politische Satire der Linken ging von einer defensiven Position aus: Errungene Rechte sollten verteidigt werden. Allerdings bot sie keine Einordnung der Welt in eindeutig „Gute“ und „Schlechte“ an, genauso wenig ein Programm, das Argentinien aus der tiefen Wirtschaftskrise hätte führen können.
Diese politischen Kräfte versäumten es, sich einer Maschinerie zu bedienen, die La Libertad Avanza im Gegensatz dazu sehr wohl zu nutzen wusste, das Fandom (die Macht der vielzähligen, online aktiven Fans). Die Logik der Aneignung, Intervention und Programmatik dieser kulturellen Praxis verstärkte den Gebrauch von Humor, indem sie den Gegner angriff und den eigenen Kandidaten verteidigte.
Milei das Schmusekätzchen
Ein Beispiel ereignete sich bei der ersten Debatte zu den Präsidentschaftswahlen. Dort versetzte die Kandidatin der Linken Arbeiterfront, Myriam Bregman, einer der zentralen Metaphern, die das Image von Javier Milei und die libertäre Erzählung stützten, der Figur des Löwen, einen gezielten Schlag. Milei stellt sich selbst als Löwe dar (der in verschiedenen Traditionen, beispielsweise im Juden- und Christentum, seit Jahrhunderten als Symbol für Stärke und Adel gilt).
Bregman griff ihn an und sagte: „Milei ist Angestellter der Großunternehmer, die in den letzten Jahren Millionen verdient haben. Einige davon leben vom Staat und mit Milei hoffen sie, noch viel mehr zu verdienen. Er ist kein Löwe. Er ist ein Schmusekätzchen der wirtschaftlichen Macht.“ Diese Abwertung führte schnell zu einer Flut an Memes, die Milei lächerlich machten.
Gleichzeitig veröffentlichte eine Milei-Gegnerin folgenden Tweet: „Milei ist kein Löwe, er ist ein … Schmusekätzchen, so Myriam. Javier erschrak. Er spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss, als wäre ein Elektroschock durch seinen Körper gefahren. Die Bilder der vorangegangenen Nacht kamen in seinen Kopf. Sie hatte es extra gemacht…“ (Lucrezia, 9:35 p.m., 1. Okt. 2023, 1,8 M Aufrufe).
Dem Tweet folgte ein Thread, der eine Liebesgeschichte zwischen Bregman und Milei entwickelte. Auf diese Veröffentlichung folgten weitere Memes, die in anderen Plattformen geteilt wurden, wo die Liebesgeschichte nun in mehreren Episoden erschien. Schließlich griffen auch journalistische Medien das Thema auf. Dieses Spiel, zwei entgegengesetzte Persönlichkeiten in einer Liebesgeschichte zu vereinen, ist typisch für ein Genre des Fandom, das sogenannte Shipping.
Was tat die Anhängerschaft von La Libertad Avanza? Weit davon entfernt, sich angegriffen zu fühlen, spielten sie das Spiel weiter, indem sie die Rollen umkehrten. Während Bregman in den ersten Versionen stark und aktiv und Milei zögerlich und verliebt erschien, trat Bregman in den Versionen der LLA-Anhängerschaft als die verschmähte Geliebte auf, die Milei nicht aus ideologischen Gründen angriff, sondern weil er ihre Liebe nicht erwiderte. So wurde die Kandidatin herabgewürdigt, bis sie schließlich zu einer Frau wurde, die sich Milei sexuell unterwarf.
Die Anhängerschaft der Linken Arbeiterfront wusste das spontane Shipping allerdings nicht zu nutzen, um den Angriff von Bregman auf Milei zu verstärken. So verpassten sie die Gelegenheit, ihre Schlagkraft zu erhöhen und ein neuartiges Interpretationsinstrument zu etablieren, das die Figur des Löwen untergraben hätte.
Dieser Unterschied in der Kommunikationsstrategie der politischen Kräfte ist keine Nebensache, wenn man bedenkt, wie sich Meinungsverschiedenheiten in der Öffentlichkeit abspielen. Wer Humor und Fandom in seine Kommunikationsstrategie integriert, wird über ein wertvolles Mittel zur Überzeugung verfügen. Im Moment hat, zumindest in Argentinien, die extreme Rechte gezeigt, dass sie dies zu nutzen weiß, während die Kräfte der Linken und von Mitte-Links Schwierigkeiten haben, sie sich komplett anzueignen.
Damián Fraticelli ist Doktor der Sozialwissenschaften und arbeitet für den argentinischen Forschungsverband CONICET. Autor u.a. von „El humor hipermediático. La nueva era de la mediatización reidera“. Mit Mara Burkart und Tomás Várnagy Herausgeber von „Arruinando chistes. Panorama de estudios del humor y lo cómico” sowie mit Mara Burkart und Cristian Palacios von „Dime de qué ríes y te diré quién eres. El humor en la conformación de colectivos“. Übersetzung: Valerie Systermans. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 492 Feb. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

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