Der antiautoritäre Humor von Mafalda und unser Zeitalter
Quino ist ein Genie des Humors und Mafalda, seine Schöpfung, der unwiderlegbare Beweis dafür. Ganz Lateinamerika weiß das. Europa ebenso. Dieses Mädchen aus dem Argentinien der 60er-Jahre wurde geboren, um zu stören. Mit seinen klugen, ironischen Fragen war es für die ganze Gesellschaft unbequem, und vor allem für ihre Diktatoren. In diesem Artikel erläutert die Historikerin Isabella Cosse, wie sich Quino mit seinem Humor auf geschickte Weise gegen Repression und Autoritarismus stellte. Und warum dieser Humor bis heute dermaßen aktuell ist.
Das Lachen ist universell. Tatsächlich sind Menschen genau über ihre Fähigkeit zu lachen definiert worden. Wir lachen jedoch nicht überall über dieselben Dinge, und auch nicht in allen Gesellschaften auf die gleiche Weise. In unseren Gesellschaften schmiedet Humor Identitäten, und er bringt Unterdrücktes, Verbotenes und Destabilisierendes zum Ausdruck. Er erlaubt uns sogar, Zugang zu gesellschaftlichen Aspekten zu finden, die auf anderem Wege unerreichbar sind, wie Michail Bachtin und Sigmund Freud erkannt haben. Der Grund dafür: Humor ist von Kultur durchdrungen.
Alles, was mit Humor zu tun hat – der Anlass des Lachens, Strategien von Komiker*innen oder Zeichner*innen und das Lachen selbst –, setzt gemeinsame soziale Codes voraus, die auf gegenseitigem Verständnis beruhen zwischen allen, die an der Situation beteiligt sind. Humor entsteht nicht ohne diese aktive Mitwirkung. Wie Quino (Joaquín Salvador Lavado), der Schöpfer von Mafalda, des weltweit bekanntesten lateinamerikanischen Comics, einmal sagte, müssen die Leser*innen das letzte Panel eines Comicstrips selbst in ihrem Kopf schaffen. Genau diese Eigenschaften des Humors machen es möglich, anhand eines so populären Comics wie Mafalda nach der Welt zu fragen, in der er entstanden ist und weiterhin wirksam bleibt.
Das Mädchen mit den unbequemen Fragen
Mafalda erschien erstmals 1964 in Buenos Aires. Protagonistin war ein Mädchen, das unbequeme Fragen stellte und sich seinen Eltern widersetzte, sowie eine Gruppe seiner Freund*innen. Alle lebten in demselben Viertel, gingen auf dieselbe Schule und gehörten zur Mittelschicht. Sie unterschieden sich allerdings deutlich in ihren Persönlichkeitszügen und ideologischen Positionen, was ihrer Freundschaft jedoch keinen Abbruch tat. Wie ich in „Mafalda: A Social and Political History“ dargelegt habe, war die Figur Mafalda Ausdruck der intellektuellen, progressiven Mittelschicht. Der Strip vermittelte das heterogene Bild einer Mittelschicht und einer Gesellschaft, die trotz tiefgreifender Unterschiede eine gemeinsame Identität hatte.
Der Comic war zugleich Produkt seiner Zeit und Ausdruck der politischen und soziokulturellen Probleme der Epoche und der Region. Im Jahr 1966 putschte in Argentinien General Juan Carlos Onganía. Noch am selben Tag verkündete Mafalda ihre Bestürzung darüber. Von da an wuchs ihre Popularität noch weiter: Sie wurde zum Ausdruck der Reaktion auf die Diktatur. Als er dieses Phänomen erkannte, schlug ein Verleger, Jorge Álvarez, Quino vor, eine Sammlung der Strips zu veröffentlichen. Das Buch erschien Ende 1966. Innerhalb von zwei Tagen war es ausverkauft, und in nur einem Monat wurden 40000 Exemplare verkauft. Schnell überschritt Mafalda die Grenzen Lateinamerikas. Im Jahr 1968 kam sie mit „Il libro dei bambini terribili per adulti masochisti“ (Verlag Feltrinelli) nach Europa, ein Jahr später folgte „Mafalda la contestataria“ (Verlag Bompiani).
Auf dem Poster ist Mafalda zu sehen, die sagt: „Seht ihr? Das ist der Stock zum Verbeulen von Ideologien“, und dabei auf den Schlagstock zeigt. Ursprünglich wurde das Poster 1973 in Buenos Aires veröffentlicht. In diesem Jahr hatte Quino in einer Phase zunehmender Polarisierung und immer gewalttätigerer politischer Auseinandersetzungen beschlossen, keine neuen Folgen der Serie mehr zu zeichnen. In diesem Kontext wirkte Mafaldas Humor zunehmend anachronistisch. Es lag in der Luft, dass die Spaltungen der argentinischen Gesellschaft in einer Tragödie enden würden. Kurz darauf trat sie mit dem Militärputsch von 1976 und einer der grausamsten Diktaturen Lateinamerikas ein.
Quinos Comic als Anklage gegen Repression und Autoritarismus
Was war das Humoristische an diesem Poster? Viele Leser*innen erinnerten sich damals an den ursprünglichen Comic.
Der Comic erschien, als die Jugendproteste weltweit einen Höhepunkt erreicht hatten. In Argentinien hatten sich junge Studierende und Arbeiter*innen dem Militärregime entgegengestellt. Quinos Zeichnung war eine Anklage gegen die Repression, gegen den Einsatz des „Schlagstocks zum Verbeulen von Ideologien“ – ein Wortspiel, das auf ideologische Unterdrückung hinwies. Im Unterschied zum Poster erfährt man im Strip das, was Mafalda gesagt hat, aus dem Mund des Polizisten selbst, der ruft: „Das Stöckchen zum Verbeulen von Ideologien?“ Quino verdeckte Mafaldas Erklärung für das jüngste Mitglied der Bande von Freund*innen mit einem Baum. Das war kein Zufall, sondern ein Trick gegen die Zensur.
Gleichzeitig verstärkte er den humoristischen Effekt: Es ist der Polizist selbst, der Mafaldas Satz entsetzt wiederholt. Damit ist er es, der das Problem seiner eigenen gesellschaftlichen Funktion offenlegt.
Der Strip enthält eine scharfe Kritik am Autoritarismus, verkörpert durch die Polizei, also jener staatlichen Institution, die in modernen Gesellschaften angeblich das legitime Gewaltmonopol innehat. In Argentinien war das damals, wie auch anderswo, nicht der Fall. Nur wenige Wochen vor der Veröffentlichung dieses Strips hatten die massiven Proteste von Studierenden und Arbeiter*innen, die von der Polizei nicht mehr kontrolliert werden konnten, General Onganía in eine Krise gestürzt. Kurz darauf musste er zurücktreten.
Mafalda: zwischen Ironie, Einfallsreichtum und Paradox
Kehren wir zum Anfang zurück. Was sagt uns Mafaldas Humor über ihre Welt? Quino arbeitet mit einem konzeptuellen Humor. Er nutzt offene Konstruktionen, die seine Leser*innen entschlüsseln müssen – wie hier beim „Schlagstock zum Verbeulen von Ideologien“ – und schildert politische Probleme durch die Stimmen von Kindern. Damit griff Quino die neuen Vorstellungen von Kindheit und Jugend der 60er-Jahre auf. Die Figur Mafalda spielte mit dem Abstand zwischen ihrem biologischem Alter und ihrer intellektuellen Reife, mit einer Klugheit und Schärfe, die den Erwachsenen fehlte. Genau damit verkörperte sie die neuen Generationen von Protestbewegungen.
Der Intellekt ist immer am Humor beteiligt, aber es gibt unterschiedliche Wege, ihn anzusprechen. Mafalda bedient sich der Ironie, also des Mittels, das Gegenteil dessen zu sagen, was gemeint ist. Auf diese Weise setzt sie auf Einfallsreichtum und Paradox: Sie verbindet Aspekte der Realität miteinander, die im ernsthaften Denken getrennt erscheinen. Die Ironie diente dazu, die Frustrationen der Erwachsenen, soziale Ungleichheiten und die Widersprüche der menschlichen Existenz offenzulegen. Mit diesem Mittel wandte sich Quino an ein kritisches Publikum, das fähig war, über sich selbst zu lachen und verborgene Bedeutungen zu entschlüsseln, die scharfsinniges Nachdenken auslösten.
Obwohl keine neuen Folgen mehr erschienen, hatte Mafalda ein ständig wachsendes Publikum. Sie erschien in Büchern, in Zeitungen im In- und Ausland, sogar eine Animation für das Fernsehen war in Vorbereitung. Sie ist bis heute aktuell. Das liegt unter anderem daran, dass ihre Kritik universelle Fragen oder Probleme der 60er- und 70er-Jahre aufgriff, die leider weiterhin fortbestehen oder sich sogar verschärft haben. Zugleich leitet sich ihre Aktualität aus den offenen, vieldeutigen Konstruktionen ab, die immer neue Sinnzusammenhänge zulassen, von denen manche selbst ihr Schöpfer nicht vorausgesehen hätte.
Mafalda hat in jedem neuen Kontext vielfältige Bedeutungen. Ihr Publikum verändert sich zweifellos von Gesellschaft zu Gesellschaft, sie spricht diverse Gruppen und Generationen auf unterschiedliche Weise an. Jede Leserin, jeder Leser hat seine eigene „Mafalda“. Aber Quinos Humor fordert weiterhin Empathie mit den Schwachen ein, die Anerkennung eines „Wir“ in der Verschiedenheit, kritisches Denken sowie den Widerstand gegen den Autoritarismus.
Isabella Cosse lebt in Argentinien. Sie ist Professorin für Geschichte an der Universidad Nacional de San Martín und Forscherin beim Nationalen Rat für wissenschaftliche und technische Forschung (CONICET). Sie ist Autorin des Buches Mafalda: historia social y política, das ins Englische und Portugiesische übersetzt wurde. Übersetzung: Alix Arnold. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 492 Feb. 2026, hrsg. und mit freundliher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

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