Auf die am Boden treten ist immer der Gipfel der Unfairness. Also rechts. So wünscht es sich der runtergekommene Spiegel. Der kann nur noch oberflächlich, sofern er sich nicht sowieso digital eingemauert hat. “Links ist vorbei!” wünscht sich ein Spezi von Jakob Augstein die Welt, wie sie ihm gefällt. Und ein anderer Schlaumeier weiss ganz genau: “Das schlechteste Ergebnis der Partei bei einer Landtagswahl ist eine schonungslose Abrechnung der Wähler. Wenn die SPD weiter Ausreden bemüht, droht ihr das Schicksal einer Regionalpartei.” Was würden wir nur ohne solche Bescheidwisser machen? Und die SPD erst? Die hat doch selbst genug davon.
Ich bin vorgeschädigt, weil im Ruhrpott aufgewachsen. Der Sohn des korruptionsverdächtigen SPD-OBs von Gladbeck (“Grundstücksaffären” gibt es nicht nur in Bonn) sass in der Mittelstufe (nur ein Jahr, er blieb sofort hängen) hinter mir. In meinem Wohnort (ab 1969 Essen-Karnap) erhielt die SPD immer ca. 75%. Und stand dort weit rechts von der CDU, die überwiegend aus frommen katholischen “Kolping-Söhnen” bestand. Da konnte ich nur oppositionell werden, trat in die Jungdemokraten und – mit strategischen Hintergedanken – in die FDP ein. Die war im Ruhrpott noch von alten Nazis beherrscht.
So kämpfte ich gegen die starrsinnig-desinteressierte kommunale SPD-Herrschaft um selbstverwaltete Jugendzentren (in Essen-Altenessen entstand daraus später die Zeche Carl) und organisierte alternative Medien und Druckwerke gegen das ignorant-brave Pressemonopol der WAZ. War eine schöne Zeit: je mehr ich mich engagierte, umso mehr mochten mich die schönen Frauen in der Oberstufe. Heute gibt es für Jungpolitiker ja eher Mitleid.
Wie kommichdrauf? Achso, die SPD. Es gibt sie noch. Mit Ratschlägen wird sie wie immer von rechts überschüttet. Muss aber mittlerweile froh sein wenn sich überhaupt noch jemand für sie interessiert. Und nicht alle Ratschläge sind schlecht. Klaus Dörre versucht es wissenschaftlich, also nicht einfach. Was die Frage aufwirft, ob die SPD es überhaupt intellektuell noch schafft, ihn zu verstehen.
Gareth Joswig (Interview)/taz: “Soziologe über AfD-Erfolg bei Arbeitern: ‘Die linken Arbeitenden in den Blick nehmen’ – Klaus Dörre forscht zu radikalen Rechten und Arbeiterschaft. Kann die SPD bei der Arbeiterschaft wieder Gewinne einfahren, oder fehlt ihr dafür das Profil?”
Wenn ich es mit einfachen Worten für die SPD, aber auch für meine eigene Partei, mal zusammenfassen darf: nur, wenn ihr denen, die längst engagiert sind, ein seriöses Angebot macht, werdet ihr noch eigene Mobilisierungskraft behalten. Wenn ihr das, wie jetzt mittlerweile meistens, unterlasst, seid ihr kein Subjekt politischer Willensbildung mehr – wie es euer Verfassungsauftrag ist – sondern werdet zu blossen Objekten und Instrumenten der Medien- und Aufmerksamkeitsökonomie. Wollt ihr das?
Meine Prognose: das schaffen sie intellektuell überwiegend nicht mehr. Die Grünen beruhigen sich mit Cem Özdemir und in der Tat bemerkenswerten Kommunalwahlergebnissen. Wahlbeteiligungen interessieren die Akteur*inn*e*n nicht – ein Frevel an der Demokratie und ein roter Teppich für die Faschisten.
Beweise oder auch nur Indizien des Gegenteils sind mir willkommen.

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