Personalie des Tages: Jörg Schönenborn/WDR (61) will noch ein bisschen Spass an der Arbeit haben
Seit 2014 ist er Boss, in diversen Funktionen mit diversen Titeln. Als er aus einer selbstimaginisierten Favoritenposition heraus WDR-Intendant werden wollte, also Oberboss, schied er enttäuschend schon im ersten Wahlgang aus. Warum also im hohen Ü60-Alter noch mit Chefsein rumärgern? Ich habe ja selbst schon mit 59 aufgehört, aus gesundheitlichen Gründen, wie mein Infarkt im Vorjahr bewiesen hat. In meiner Medienerinnerung hat Jörg Schönenborn zwei Seiten, eine starke und eine schwache. Die schwache war/ist ebendieses Bosssein.
Seit 1990 arbeitete ich bei Roland Appel für die erstmals mit exakt 5,0% in den NRW-Landtag eingezogenen Grünen. Wir gewöhnten uns schnell daran, von den SPD-Kanalarbeitern in der WDR-Landesredaktion (Cornelius Bormann und Harald Brand als Chefs) unfair behandelt zu werden. Ende der 90er, die SPD unter Noch-Führung von Johannes Rau musste mit uns 1995 (auf 10% verdoppelt) eine Koalition eingehen, spitzten sich die Konflikte um den klimaschädlichen Braunkohletagebau immer weiter zu, so dass sie bundesweites Interesse wachriefen.
Das führte im WDR dazu, dass es keine ausschliessliche Sache der Landesprogramme blieb, sondern sich die bundesweite Tagesschau-Redaktion dafür interessieren musste. Die war damals mit Leuten wie Jörg Schönenborn, Anja Bröker (heute: Deutsche Bahn AG), Heribert Roth oder Udo Grätz weit weniger einseitig SPD-orientiert. Plötzlich wurden wir fair behandelt. Vom WDR. Das war neu. Und das verband ich mit Schönenborn. Eines Tages sagte ich es ihm in der Landtagskantine persönlich.
Der Mann machte dann im WDR seinen Weg. Was er dort machte und nicht machte, sehe ich heute weit kritischer. Als Intendanten hätte ich ihn auch nicht gewählt. Ob es unter Spar- und Kostendruck geschah, oder doch aus intellektueller Armut – im wahren Leben verbinden sich immer mehrere Faktoren zu dem, was unten rauskommt. Das war eine Verflachung aller WDR-Programme und -Wellen zur heutigen puren Langeweile.
Soeben ist Otto Köhler gestorben, mit 91 Jahren. Der Gute war, als er noch so jung war wie ich, häufiger Gast in vom WDR-Dritten veranstalteten Live-Diskussionen. Die waren so live, dass sie kein Programmdirektor vorher “abnehmen”, also zensieren konnte. Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich daran, wie er zusammen mit den zuständigen WDR-Redakteur*inn*en das Brockhaus-Lexikon zu einer Zeit, als Lexikonregale noch gesellschaftlich relevant waren (Internet kannten wir noch nicht), als rechtsreaktionären Schund auseinandernahm.
Solche Programme hätte der WDR in der Schönenborn-Ära niemals gewagt. Wobei der Backlash schon in den 90ern eingesetzt hatte, nachdem Johannes Rau enttarnt hatte, “die lieben ihr Land nicht”. Tatsächlich hatten kritische WDR-Redaktionen in den 80ern rausgefunden, was die SPD-Landesregierung hinter dem Rücken der Belegschaften und Betriebsräte an Stilllegungsstrategien mit dem Krupp-Konzern gekungelt hatte. Und auf dem Sender quotenstark weitererzählt. Ein legendärer Tatort hatte das ebenfalls schön (“fiktiv”) erfasst (Redaktion: Heidi Steinhaus; hier komplett auf YouTube). Ein gefährlicher Leberhaken für die damals noch starke und mächtige SPD war das. Rache musste sein, der WDR wurde durchgefegt.
Das war weit vor Schönenborn, dafür konnte er nichts. Als er aber was gekonnt hätte, wurde auch leider nichts mehr besser. Zu seinen Gunsten spekuliere ich, dass er das auch selbst erkannt hat. Und in den verbleibenden Berufsjahren das machen will, was er am besten kann. Das wäre für alle die beste Lösung.

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