Gestern wurde mir aus der Bonner Stadtratssitzung von Donnerstag berichtet. Eine Teilnehmerin meiner Freitagsmittagsrunde hatte sie sich zuhause per Internetstream angetan. Allein das könnte ich gar nicht ertragen – diese wertvolle Lebenszeit. Sie wird doch immer knapper. Wie mag es der sitzungsleitende Oberbürgermeister empfunden haben, der die Leitung zeitweise wg. möglicher Befangenheit abgeben musste?

Er hat eine Grundstücksaffäre am Hals, während der er, bzw. seine Hintersassen versuchten, auf die Geschäftspolitik der Stadtwerke Einfluss zu nehmen, an den dafür zuständigen gewählten Gremien vorbei. Der Stadtwerkegeschäftsführer gab nun rechtzeitig vor der Stadtratssitzung bekannt, dass er die Nase davon voll habe, woraufhin eine klare Stadtratsmehrheit ihre Solidarität mit ihm per Resolution bekannte – er möge doch bitte bleiben. Und der Oberbürgermeister schwieg, beteiligte sich auch an keiner diesbezüglichen Abstimmung. “Ich sage nichts ohne meinen Anwalt”? Was für ein armer Wicht. Hätten die Kommunalwähler*innen mich vorher gefragt, ich hätte es ihnen vorausgesagt.

Denn Guido Deus ist gewiss tief in seinem Innern überzeugt, dass ihm übel mitgespielt wird. Erstens ist er gar nicht persönlich dabeigewesen (sondern nur seine Leute). Zweitens wurde das immer so gemacht (Parteispenden und Vergünstigungen). Und drittens machen das doch alle so. Warum also wird jetzt ausgerechnet auf ihm so rumgehackt? Geht es noch ungerechter?

Das denkt jetzt sicher auch der SPD-Oberbürgermeister von München. München hatte immer einen SPD-OB. Warum also könnte ausgerechnet er nun abgewählt werden? Repräsentiert er doch auch nur, was schon vor ihm immer alle so gemacht haben.

Unsere kleinen Kommunalpolitiker – sind sie nicht putzig?

Und vergleichsweise harmlos? Wie ist es mit dem Windbeutel im Kanzleramt? Ist er die Kulturabrissbirne, die mittlerweile die komplette Branche in ihm sieht? Oder wird er vom Kanzler nur als Popanz rausgehängt, um von Wichtigerem abzulenken? Kultur ist Sache von Ländern und Kommunen. Der Bund hat “nur” dadurch Einfluss, dass er die durch seine Steuerpolitik auswringt und bewegungsunfähig macht. Das macht nicht der Windbeutel, sondern dafür sind Merz und Klingbeil verantwortlich.

Die werden mit einigem Recht für mächtig gehalten. Aber mit “Kultur” nie in Verbindung gebracht. Sie wollen davon nichts wissen, nichts zu tun haben, sie haben ausreichend Stress.

Das Recht löst sich auf

Denn gegenwärtig löst sich die “regelbasierte Ordnung” global auf. Friedrich Merz ist das alles “zu komplex”. Zu Widerworten sieht er sich nicht in der Lage. Denn imgrunde wäre er jetzt gerne der, neben dem er da sitzt. Der Sauerländer ist nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Meinung, das er es besser könnte, wenn mann ihn nur liesse. Angeblich bestätigen ihm das seine Töchter.

Diese Woche korrespondierte ich mit einem Union-Fan über den vermaledeiten Video Assistant Referee (VAR, “Kölner Keller”) im Profifussball. Die geheimnisvollen Regelkommissionen der Fussballwelt-Mafia Fifa denken sich immer neue Ideen aus, wie sie dem Fussball seine unberechenbare Dynamik austreiben, und ihn zu einem Magneten für die überschüssigen Oligarchen-Milliarden dieser Welt weiterentwickeln können. Das Publikum und die Fans stören dabei nur. So wie die Beherrschten – gelegentlich – beim Herrschen stören.

Der Union-Fan, der in seinem Berufsleben ein erstklassiger Reporter und Journalist war, zieh mich der “Überhöhung”. Und ich hoffe, dass er Recht hat. Hat er? Sicher bin ich mir nicht.

Schauen Sie nur die hier. Die gab es wirklich. Und gibt es weiter, andere Nasen und Gesichter, aber die gleichen Typen, massenhaft. Bei Bedarf schicken sie Flugzeugträger und lassen Soldaten und Zivilist*inn*en verbrennen.

Wie viele putzige Kommunalpolitiker hätten gerne so posiert? Warum sollen sie nicht dürfen, was “alle” machen?

Am Tresen meiner Fussballkneipe gibt es dazu klare Meinungen. Wie machen “wir” daraus Demokratie?

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger