Der Morgen der Abreise war von einer Klarheit, die den Berliner Himmel wie geschliffenes Glas wirken ließ. Clara wartete vor ihrem Altbau in Schöneberg, ihre Reisetasche zu ihren Füßen, als ein tiefes, sonores Brummen die Straße erfüllte. Es war kein hektisches Nageln moderner Motoren, sondern ein sattes, fast beruhigendes Grollen, das von einer Maschine erzählte, die noch aus einer Zeit stammte, als Dinge gebaut wurden, um Generationen zu überdauern.
Erik bog um die Ecke. Er saß am Steuer eines Volvo 244 in einem tiefen, leicht verblichenen Marineblau. Der Wagen glänzte trotz des winterlichen Straßendrecks, und das Chrom der Stoßstangen blitzte in der Morgensonne. Als er vor ihr hielt, wirkte das Auto wie ein diplomatischer Gesandter aus einer untergegangenen Epoche.
„Guten Morgen, Clara“, sagte Erik, während er ausstieg und ihr mit jener diskreten Zuvorkommenheit entgegenkam, die inzwischen zu ihrem gemeinsamen Code geworden war. Er nahm ihr die Tasche ab und öffnete den schweren Kofferraum. „Ich hoffe, Sie haben nichts gegen ein Fahrzeug, das eine eigene Meinung zum Thema Beschleunigung hat.“
Clara strich ehrfürchtig über die kantige Karosserie. „Er ist wunderschön, Erik. Er sieht aus, als hätte er eine Geschichte zu erzählen.“
Erik lächelte, während er die Tasche verstaute. „Das hat er in der Tat. Ich habe ihn kurz nach dem Mauerfall bei einer Versteigerung aus ehemaligen DDR-Regierungsbeständen erworben. In der DDR war der Volvo die einzige West-Limousine, die als Staatskarosse akzeptiert wurde – ein Symbol für diskreten Luxus hinter dem eisernen Vorhang. Er ist mein persönliches Denkmal für die Beständigkeit. Er kennt kein ‚Schnell-Schnell‘. Er verlangt Respekt.“
Als sie sich in die tiefen, weichen Velourssitze sinken ließen, schlug ihnen der Geruch von altem Leder, Bohnerwachs und einem Hauch von Eriks dezentem Rasierwasser entgegen. Der Innenraum war ein geschützter Raum, eine bewohnbare Kapsel, die sie von der Berliner Hektik isolierte. Erik legte den ersten Gang ein, und der Volvo setzte sich mit einer majestätischen Ruhe in Bewegung.
„Wohin führen wir ihn heute aus?“, fragte Clara, während sie beobachtete, wie die vertrauten Fassaden der Humboldt-Universität an ihnen vorbeizogen.
„Ich dachte an die Uckermark“, antwortete Erik. Er hielt das Lenkrad mit einer Leichtigkeit, die verriet, wie gut er dieses Fahrzeug kannte. „Es gibt dort Orte, an denen die Zeit noch langsamer fließt als dieser Motor hier. Orte, die wie der weißbärtige Mann bei Rembrandt sind – gezeichnet, aber voller Würde.“
Sie verließen die Stadt über die B96 Richtung Norden. Je weiter sie sich von der Peripherie entfernten, desto kahler und weiter wurde die Landschaft. Die Felder waren mit einer dünnen Schicht aus Raureif überzogen, die in der Sonne wie Diamantenstaub funkelte.
„Wissen Sie, Erik“, begann Clara nach einer langen Zeit des angenehmen Schweigens, „mein ganzes Leben in Berlin besteht daraus, Zeit zu managen. Ich forsche über Prekarität, aber ich lebe sie auch. Alles ist auf Abruf, alles ist befristet. Aber dieser Wagen… und wie Sie ihn fahren… es fühlt sich an, als würden wir der Zeit ein Schnippchen schlagen.“
Erik neigte leicht den Kopf. „Vielleicht ist das die wahre Rebellion in unserer Zeit, Clara. Nicht das Mitrennen, sondern das bewusste Aussteigen aus dem Takt. Mein Herz zwingt mich dazu, aber mit Ihnen an meiner Seite fühlt es sich nicht mehr wie ein Defizit an. Es fühlt sich an wie eine Entdeckung.“
Sie erreichten eine kleine Allee, deren uralte Eichen einen Tunnel über die Straße bildeten. Das Licht fiel in rhythmischen Abständen durch die nackten Äste und tanzte auf dem Armaturenbrett. Erik drosselte das Tempo noch weiter. Er schien jede Kurve, jedes sanfte Schlagloch zu zelebrieren.
„Darf ich Sie etwas fragen, Clara?“, sagte er plötzlich, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. „Hatten Sie jemals Angst davor, dass die Stille, nach der wir suchen, am Ende nur Leere ist?“
Clara dachte nach. Sie sah auf ihre Hände, die ruhig in ihrem Schoß lagen. „Früher ja. Deshalb habe ich mich mit Arbeit betäubt, mit Apps, mit dem Lärm der Stadt. Aber seit ich die Tulpen gekauft habe… und seit wir uns vor dem Rembrandt-Bild begegnet sind, begreife ich etwas. Die Stille ist kein Loch. Sie ist der Boden, auf dem man erst anfangen kann, die wirklich wichtigen Dinge zu hören.“
In diesem Moment passierten sie ein verlassenes Gutshaus am Rande eines zugefrorenen Sees. Erik hielt den Wagen an. Es gab keinen Grund für diesen Stopp, außer dem Licht, das gerade in einem perfekten Winkel auf die bröckelnde Fassade fiel.
„Sehen Sie das?“, flüsterte er. „Das ist das ‚Sie‘ der Architektur. Es wahrt Distanz zu uns, es verstellt sich nicht. Es ist einfach da.“ Er stieg aus und hielt ihr die Tür offen. Der Wind war beißend kalt, aber die Luft war so rein, dass jeder Atemzug wie eine innere Reinigung wirkte. Sie standen nebeneinander vor dem Volvo, zwei Menschen, die in diesem alten schwedischen Blech ein Stück Heimat gefunden hatten.
„Wissen Sie, was das Beste an diesem Roadmovie ist, Erik?“, fragte Clara und sah ihn an. Ihre Augen leuchteten. „Sagen Sie es mir, Clara.“
„Dass es kein Drehbuch gibt. Wir fahren einfach, bis wir einen Raum finden, der uns bewohnbar erscheint.“
Erik lächelte, ein tiefes, ehrliches Lächeln, das seine ganze Erschöpfung für einen Moment vertrieb. Er bot ihr seinen Arm an, eine Geste von solch zeitloser Etikette, dass sie perfekt in diese stille, uckermärkische Landschaft passte. Gemeinsam gingen sie ein paar Schritte auf den See zu, während der Volvo im Hintergrund leise knackte, als würde er sich in der Kälte zur Ruhe setzen.
Sie waren noch weit von ihrem Ziel entfernt, aber sie hatten längst begriffen, dass die Reise selbst die Antwort auf alle ihre Fragen war. Das „Sie“, die Tulpen, der Rembrandt und dieser blaue Volvo – es waren die Bausteine einer neuen Welt, die sie gerade erst zu vermessen begannen.
Dies war Kapitel 8, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 9: Die Grammatik des Widerstands
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