Zum Tod von Jürgen Habermas
Nancy Fraser, die bekannte Sozialphilosophin, rekapituliert ihren Weg mit und gegen Habermas. Ich erkenne darin viele meiner eigenen Inspirationen durch und meiner Bedenken gegen den Ansatz dieses großen Vertreters der Frankfurter Schule wieder.
Auch für mich liegt eine grundlegende Übereinstimmung mit Habermas darin, dass philosophische und sozialwissenschaftliche Theorie einen kritischen Anspruch haben muss, der nicht zuletzt die Dimension von sozialer und politischer Praxis im Auge behält. Dieser Anspruch ist bei Habermas weithin zu finden und das macht ihn in meinen Augen zu einem sehr respektablen Vertreter seiner Zunft.
Die unübersehbare Verengung des Denkens der Frankfurter Schule auf den Versuch, eine weithin bloß normative Fundierung des Erforschens und Nachdenkens über unsere Welt zu liefern, ist dagegen ein großes Manko seines Ansatzes. Dass die Frankfurter Schule in einem emphatischen Sinne auch Sozialforschung betreiben wollte, versandete bei Habermas. Nancy Fraser listet die vielen blinden Flecken auf, die daraus resultierten und die durch andere Ansätze und durch andere Denkerinnen und Denker gefüllt werden mussten und müssen.
Für mich besonders schmerzlich ist die große Blindheit der neueren Frankfurter Schule gegenüber der ökologischen Frage. Während bei älteren Vertretern wie Adorno Zugänge zur Reflexion auch der natürlichen Grundlagen unseres Seins noch vorhanden sind, wurden sie bei Habermas durch die normativ-kommunikative Engführung seines Denkens weithin verbaut. Darin sehe ich eine fundamentale und ganz systematische Schwäche seines Ansatzes.
Politisch-praktische Defizite in seinem Denken wurden dann in seinen unklaren Stellungnahmen zum Ukrainekrieg überdeutlich. Als eine klare Stellungnahme gegen Putins Aggression und gegen die Gefahr einer Appeasementpolitik nach Münchner Vorbild das Vordringliche gewesen wäre, mäanderten Habermas‘ Stellungnahmen unklar dahin – ähnlich, wie bei anderen Sozialdemokraten, die gefangen blieben in den Ausläufern einer Entspannungspolitik, die in den 1970er Jahren und auch noch danach große und wichtige Beiträge leistete, aber spätestens seit der russischen Okkupation der Krim 2014 obsolet geworden war. Der Tod des Denkers könnte so auch das Ende eines langen Jahrhunderts sozialdemokratischen Philosophierens markieren.

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