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Trugbild: Im Bann des Banalen

In den sozialen Medien präsentieren Content Creator alte Nazi-Architektur. Die beliebten Videos dienen mehr der Propaganda als der Aufklärung.

Wer derzeit einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg besucht, hat derzeit gute Chancen, einem Content Creator in die Arme zu laufen. Alexander, Spitzname „Blitzwinkel“, ist einer von ihnen. Sein Logo, ein gelber Blitz, erinnert komischerweise an die Siegrune. Der Spiegel bezeichnet ihn als „Geschichtsjäger“ und „Geschichts-Influencer“.

Neben Blitzwinkel gibt es viele weitere „Geschichtskanäle“, die „Lost Places“ aus der Zeit des Nationalsozialismus zeigen und, gemessen an der Zahl ihrer Follower, außerordentlich erfolgreich sind. Beliebte Motive sind etwa die Wewelsburg, Bunker des Atlantikwalls, die Heidelberger Thingstätte oder das Nürnberger Reichsparteitagsgelände.

Die Macher dahinter betonen immer wieder, dass es sich bei ihren Videos um reine Dokumentationsformate handle. „Das ist historische Bildung, nicht Politik!“, heißt es etwa oder: „Dieser Beitrag dient ausschließlich Bildungszwecken“. In den sozialen Medien erfreuen sich die kurzen Videoclips der alten Nazibauten, häufig mit einem 🇩🇪-Emoji versehen, großer Beliebtheit.

Inszenierung, keine Ambivalenz

„Alles ist echt. Und es gibt keinen tendenziösen Kommentar, aus dem einfachen Grund, dass es überhaupt keinen Kommentar gibt. Es ist Geschichte: reine Geschichte“, sagte schon die Regisseurin Leni Riefenstahl zu „Triumph des Willens“, ihrem Propagandafilm über den sechsten Reichsparteitag der NSDAP im Jahr 1934.

Susan Sontag macht in ihrem Essay „Faszinierender Faschismus“ dagegen deutlich, dass ein Streifen wie „Triumph des Willens“ nicht als Dokumentarfilm verstanden werden kann. Die Veranstalter des Reichsparteitages von 1934 haben die Kamera bei der Organisation der Veranstaltung stets mitgedacht.

Der Reichsparteitag wurde so selbst zum Set für Riefenstahls Film, der später den Anschein einer authentischen Dokumentation erwecken sollte. Das filmische Bild ersetzt auf diese Weise die Realität, die es angeblich nur als „reine Geschichte“ festhält.

Die heutigen „Geschichtskanäle“ bewegen sich selbstverständlich in einer völlig anderen Größenordnung als Riefenstahls Staatspropaganda. Auch handwerklich erreichen sie nicht annähernd deren Niveau.

Unter der Lupe zeigt sich dennoch eine ähnliche Bildlogik: Sie setzen Nazi-Architektur, Kriegsschauplätze, Kasernen oder Kriegsdenkmäler pompös in Szene. Dafür nutzen sie gezielt Filter, reißerische Videoüberschriften und epische Hintergrundmusik wie „Hvitserk’s Choice“ aus der Serie „Vikings“. Angereichert mit Drohnenaufnahmen entstehen so pathetische Bilder, die kaum Ambivalenz zulassen.

Billige Texte, fragwürdige Kommentare

Mit Fragen wie “Kennst du die Wewelsburg?” fischen die Content Creator nach Interaktionen. Daneben erhalten die Zuschauer nur ein Mindestmaß an Informationen über die gezeigten Orte. Die Texte in der Videobeschreibung sind meistens von Chatbots geschrieben. Video-Captions lassen sich oft zweideutig lesen: „Albert Speer – Architektur der Macht“ oder etwas schlichter: „Eva Brauns Sommerhaus – zwischen Mythos und Verfall“.

Einige Content Creator bemühen sich offenbar auch um ein gewisses Maß an Moderation: „Wer beleidigende, unsinnige oder unangemessene Kommentare schreibt, wird blockiert, da ich nicht möchte, dass mein Kanal gesperrt wird“, sagt einer. Dabei geht es aber offensichtlich eher um die Absicherung des Kanals als um eine politische Haltung.

Fragwürdige Kommentare lassen sich dennoch ausnahmslos bei allen „Geschichtskanälen“ finden. Viele der Verfasser trauern einem vermeintlich großen Deutschland nach oder behaupten, früher sei alles besser gewesen.

Nazis als Publikumsschlager

Dass so ziemlich alles, was irgendwie mit den Nazis zu tun hat, Publikumsauf- bzw. ‑erreger bieten, ist keineswegs neu. Im Fernsehen und in den Mediatheken laufen schon seit langem „Dokumentationen“ mit schaurig-schönen Titeln rauf und runter: „Hitlers Hetzer“ (ZDF), „Hitler privat: Der Kriegsherr“ (Der Spiegel) oder „Hitlers Hauptquartiere: Kommandozentralen des Bösen“ (ZDF).

Aufgebauschte Gruselgeschichten über die Nazis sind somit längst deutsches Kulturgut. (Die popkulturelle Naziverherrlichung Hollywoods braucht hier keine weitere Erläuterung.) Die Nutzung und Rezeption faschistischer Ästhetik muss trotzdem nicht zwangsläufig schlecht sein. Selbst den grauen Betonresten des Atlantikwalls wohnt eine eigensinnige Schönheit inne, wie beispielsweise die Schwarz-Weiß-Fotografien von Stephan Vanfleteren zeigen.

Die subversive Zurschaustellung von Hakenkreuzen und Uniformen spielt auch in Subkulturen wie Punk eine Rolle. Bands wie Joy Division oder DAF provozierten mit einschlägigen Symbolen und Bildern, ohne sich ideologisch anzubiedern. „Wenn etwas eine Popikone wird wie die Nazis – in jedem dritten Science-Fiction-Film gibt’s Nazis –, dann dürfen sie auch als solche benutzt werden“, erklärte Gabi Delgado von DAF im Interview mit der taz.

Und in Jürgen Teipels Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ erzählt ein Punk-Urgestein davon, wie er im München der Siebzigerjahre ein herzumrahmtes „Mein Führer“ auf die zerrissene Jeans malte: „Damals war Deutschland vom Gefühl her so eine gepolsterte Wohnzimmerwelt mit dem fetten, Zigarre rauchenden Altnazichef drin.“

Nicht böse, sondern banal

In der Münchner Innenstadt mit Führerherz herumzulaufen, sollte gezielt provozieren. Diese Art der Provokation spielt mit der belasteten Vergangenheit und versucht die alte Propaganda ins Lächerliche zu ziehen. Die einseitigen „Geschichtskanäle“ auf den sozialen Medien reproduzieren diese dagegen vor allem.

Sowohl die unreflektierte Neuinszenierung von Bauwerken wie dem Reichsparteitagsgelände als auch die Inszenierung der Nazis als ultimative „Bösewichte“ von Hollywood oder im Journalismus sind unsinnig und gefährlich. Denn die schaurige Erzählung des abgründigen „Bösen“ – von Satan bis Hitler – verleiht ihren Protagonisten auch eine verrucht-anziehende Aura.

Die allzu menschlichen, niederen Peinlichkeiten der nationalsozialistischen Führung haben da in der Regel keinen Platz mehr: die Trunk- und Drogensucht von NS-Größen wie Robert „Reichstrunkenbold“ Ley, Ernst Udet oder Hermann „Lametta-Heini“ Göring, Heinrich Himmlers Lieblingsokkultist Kurt Wiligut oder das strategische Versagen des „Kriegsherren“ Hitler und seiner angeblich so elitären SS.

Wie Hannah Arendt in der Auseinandersetzung mit Adolf Eichmann beschreibt, erscheint das Böse nicht zwingend dämonisch oder tiefgründig, sondern ziemlich banal. Genau darin liegt das Problem der „Geschichtskanäle“. Sie zeigen die NS-Orte nicht als historische Zeugnisse eines letztlich abgrundtief banalen Regimes, sondern machen aus ihnen Kulissen für ein Propagandatheater des Bösen, zugeschnitten auf ein Publikum, das nach billigen Gruselgeschichten lechzt. Mit Geschichtsbildung hat das wenig zu tun. Gerade für diejenigen, denen ihr Land am Herzen liegt, ist das ein fatales Versäumnis.

Vincent Först arbeitet als Redakteur und Autor. An der Universität der Künste lehrt er Texttheorie- und Textgestaltung. Wenn er nicht gerade an seinem Schreibtisch sitzt, organisiert er Kulturveranstaltungen in Berlin. Kontakt: Instagram, Mastodon, Bluesky. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

Über Vincent Först - netzpolitik:

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Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Martin Böttger

    Nichts Neues. Einerseits. Andererseits droht in Vergessenheit zu geraten, dass das “nur” die Fortsetzung dessen ist, worauf schon der langjährige leitende ZDF-Angestellte Guido Knopp (1987-2013)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Guido_Knopp
    viel zu lange und viel zu erfolgreich gesurft ist. Und noch heute endlos im ZDFinfo-Kanal wiederholt wird.
    Ebenso der Spiegel lebenslänglich.
    https://www.wolfgangmichal.de/2016/08/01/lutz-hachmeister-ich-wollte-dem-spiegel-nicht-schaden/
    “Hitler geht immer” hiess es dort, wie auch beim stern. Dessen Reputation ist immerhin mit den “Hitler-Tagebüchern” in die zweite Liga abgestiegen und hat sich davon nie mehr erholt. Verantwortlich für alles: der Bertelsmann-Konzern
    https://uebermedien.de/83814/bertelsmanns-rolle-und-mitverantwortung-beim-skandal-um-die-gefaelschten-hitler-tagebuecher/
    Letzteres fiktional verfilmt von Helmut Dietl in “Schtonk”
    https://www.ardmediathek.de/tv-programm/69c2642340ae4377fcd62aeb
    Die angebliche Bösartigkeit der asozialen neokapitalistischen Medien hat also eine Entstehungs- und Vorgeschichte in der Welt der altkapitalistischen “Pressefreiheit”.
    Parole am Wochenende in Essen: “Faschismus? Hatten wir schon. War scheisse!”

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