Die Lektüre der dekonstruktivistisch orientierten Studie „Der Westen“ der Althistorikerin Josephine Quinn lohnt. Pikant ist, dass die Veröffentlichung der Studie mitten hinein in eine praktische Selbstdekonstruktion des Westens fällt, die einen ja wie eine Fieberphantasie durch diese Monate treiben lässt.

Vor diesem Hintergrund sind v.a. zwei Dinge an diesem Buch festzuhalten. Einmal die Relativität des „West“-Konstrukts im Bogen von der Bronzezeit bis zu Kolumbus, der hier gespannt wird, was dann interessanterweise u.a. auch ein Bogen in der Entwicklung etwa von Schiffstechnologien ist, die zunächst das Mittelmeer schiffbar machten und dann auch die Weltmeere. Geschichte vollzieht als ein kulturelles Vermischungsgeschehen von technischen Neuerungen und handels- und wissensmäßigen Erweiterungen sowie gegenläufigen Schließungen und Abgrenzungen. Unsere „West“-Vorstellung wird im großen Kontext zu einem relativ kleinen und späten Licht im Gang der Weltgeschichte. Das ist ziemlich interessant, auch weil es die hehren Begriffe, mit denen wir uns die Welt von Griechentum, Römertum und Christentum her zurechtlegen, ziemlich an den Rand der Menschheitsgeschichte befördert.

Hier liegt dann auch der zweite Punkt, der anzumerken ist. Es tut „dem Westen“ (und dem Rest der Welt) zweifellos gut, wenn „der Westen“ sich etwas relativiert und dekonstruiert. Aber einiges möchte man dann doch festhalten von dem, was in Sachen Demokratie, Humanismus oder Menschen- und Völkerrecht westlich so angedacht worden ist. Quinns Buch liefert gute Argumente gegen eine überzogene Selbststilisierung des Westens, das ist erhellend. Doch die Arbeit daran, von diesem Westen zu retten, was einigermaßen dringend zu retten ist, muss sich von anderswoher munitionieren.

Über Reinhard Olschanski / Gastautor:

Avatar-FotoGeboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.