Die indische Toleranz

Auf der obersten Liege mir gegenüber schnarcht ein Korpulenter, als könnte er sich nur dabei ausleben. Die Reisenachbarn auf den mittleren Liegen schauen mit voller Lautstärke Hindi Action-Filme: Entweder es gibt Gefechte mit Maschinengewähren, Massenschlägereien oder die Liebe wird feierlich besungen. Die Mutter auf der untersten Liege stellt ihr Kleinkind mit einer indischen Variante eines Zeichentrickfilms ruhig – ebenfalls mit voller Lautstärke, ansonsten schreit das Kind. Die beiden jungen Menschen, auf den Liegen am Gang, haben Besuch von 8 Freunden und Freundinnen: Das wird lauthals kreischend gefeiert. So oder nur in anderen Rollenverteilungen liefen auch die ersten 9 Stunden der Fahrt im Doon Express von Kolkata nach Rishikesh, als ich morgens von meiner Liege hinuntersteige. Einer der jungen Menschen bietet mir 30 Quadrat-Zentimeter Fläche auf meinem Sitzplatz an, die ich annehme und eine Zahlen-Meditation starte. Doch nach ein paar Minuten sind die Worte: Rats und Hospital, untermalt von Massengekicher, stärker, als inneren Frieden zu suchen.

Die Gruppe junger Menschen diskutiert das spezielle YouTube Video des indischen Journalistin Arnab Goswami. Eigentlich seit 11 Jahren ein Unterstützer der Hindutva und der Modi-Regierung, war ihm in dieser Sendung der Geduldsfaden geplatzt. „Was haben die Menschen Indiens vom Wachstum“, fragte er darin und zeigte dann eine Reihe von bewegten Bildern von den Realitäten Indiens, darunter Ratten, die in einem mit Patienten besetzten Krankenhaus Zimmer herumrennen

“Wir lassen uns von niemanden sagen, wie wir leben sollen”

Doch die Jungen Menschen hier im Zug, lachen eher amüsiert. Mein bisheriger Eindruck von ihnen ist, dass sie zu der Gruppe ihrer Generation zählen, die es natürlich auch in Indien gibt: Junge und Mädchen blüht unter Gleichgesinnten auf, alleine sind sie still wie Mäuschen. Das Internet ist dazu da, die neusten Trends zu verfolgen, damit ihnen niemand nachsagen kann, sie seien von gestern. Die Träume sind eine eigene Wohnung, erfolgreicher Mann oder schöne Frau. Dazu Karriere: worin wird nur neblig ausgedrückt. Gutes Smartphone ist vorhanden, ein besseres erwünscht. Familiärer Hintergrund Mittelklasse: Eltern Regierungsjob oder Inhaber eines kleinen Geschäftes. Solides Englisch bei fast allen vorhanden: „Wisst ihr woran das auch liegt, dass es Zustände wie im Video beschrieben gibt“, frage ich ruhig aber mit lauter Stimme, da mich sonst niemand wahrnehmen würde: „Auch an euch“, füge ich hinzu und zeige dann einmal durchs Abteil in dem insgesamt 16 Menschen im 8-Abteil sitzen und stehen. „Das ist Indien. Wir lassen uns von niemanden sagen, wie wir leben sollen“, sagt eine junge Frau aus der Gruppe laut und bestimmt, aber ohne Bösartigkeit. Nachdem das zustimmende Lachen abgeklungen ist, antworte ich nickend: „Natürlich, natürlich und ich werde ‘euch’ in einem Monat verlassen. Aber mit mir versucht gerade jedes junge, intelligente Gehirn in diesem Land ‘euch’ ebenfalls zu verlassen. Dann könnt ihr bald alleine Lärm, Luftverschmutzung, Müllberge und dreckige Flüsse genießen.“ Das: „Ja besser verschwinde aus Indien“, untermalt von Beifall-Gejaule nehme ich mit einer Verbeugung entgegen. Ohne auszuhalten und einstecken zu können, ist Indien auf Dauer unmöglich. Das jeder mal an seine Grenzen stößt, wird von jedem verstanden, da es jeden Mal selber trifft. 

So schweige ich die restliche Zeit und versuche es bei jedem Halt auf einem Bahnhof mit körperlichen Verrenkungen, auch wenn Yoga besser klingen würde. Als ich anschließend an einem Stand einen Chai kaufe und was zu Essen aussuche, schaut der Verkäufer andauernd hinter mich und als ich noch etwas bestellen will, fragt er ganz langsam: “Sir, ist das vielleicht ihr Zug?“ Dieser Zug rollt nicht nur schon, sondern hat den halben Bahnhof hinter sich gelassen. So komme ich nach 39 Stunden Fahrt mit nur einem Badelatschen in Rishikesh an.

36% Verständigungschance

Was 90 Prozent der indischen Bevölkerung jeden Tag toleriert, geht über die Vorstellungskraft der meisten Menschen in Deutschland. 28 Bundestaaten und 8 Unionsterritorien mit 700 verschiedenen indigenen Volksgruppen, die offiziell registriert sind: Insgesamt sollen es bis zu 2000 sein. Laut Volkszählung von 2011 hat Indien neben den 22 Amtssprachen, 112 weitere anerkannte Sprachen. Dazu 1369 anerkannte Dialekte, die neben weiteren 19.569 Dialekten gesprochen werden. Wenn sich zwei indische Männer oder Frauen auf der Straße zufällig treffen, besteht eine Chance von 36 Prozent, dass sie verbal miteinander kommunizieren können. Eine weitere Schwierigkeit erklärt der 27-Jährige Tyagi von den Teestand-Philosophen: „Als ich von Uttar Pradesh nach Rishikesh in Uttarakhand kam, erkannten die Menschen mich hier an meinem Dialekt und behandelten mich von oben herab. Genauso reagieren die Bewohner in meiner Heimat im Westen von Uttar Pradesh, wenn Menschen aus dem Osten unseres Bundestaat der Arbeit wegen zu uns kommen. Noch arroganter reagieren sie, wenn Menschen aus Bihar vorbeischauen, weil die noch rückständiger sind, als alle Bewohner unseres Bundestaates – erzählen ‘wir’ uns. Kommt jedoch ein Bewohner aus Südindien nach Nordindien hält er uns alle für zurückgebliebene Ureinwohner“.

130 krächzende Dezibel

Dagegen ist es trotz aufsteigenden Hindu-Nationalismus in den meisten indischen Bundesstaaten immer noch die Regel, dass sie weit vor Sonnenaufgang von einem Muezzin aus dem Bett geschrien werden, ob sie nun am Morgengebet teilnehmen wollen oder nicht. Dafür wird das gleiche krächzende Lautsprecher-Fabrikat benutzt, mit dem der hinduistische Priester mit 130 Dezibel alle die es nicht in den Tempel geschafft haben an der Puja-Zeremonie teilhaben lässt. 

Dazu müssen knapp 1000 religiösen- und kulturelle Feste in den Alltag mit eingebaut werden. Darunter auch solche wie die letztjährige Maha Kumbha Mela in Prayag, zu der 660 Millionen Menschen an den Ganges pilgerten, um ein rituelles Bad zu nehmen . Sechs Wochen lang herrschte nahezu auf jedem Bahnhof in Nord-Indien, Lebensraum von 900 Millionen Menschen, Ausnahmezustand. Alte und Kinder konnten die überfüllten Züge oft nur verlassen, in dem man sie aus dem Fenster schob. Auf einem Bahnhof in Delhi wurden am 15. Februar 18 Pilger von den Menschenmassen zu Tode getrampelt. Auf der Kumbh Mela selbst wurden am 29. Januar mindestens 30 Menschen zu Tode gequetscht, als 100 Millionen Pilger versuchten an diesem wichtigsten Mela-Tag ein Bad zu nehmen.

Missratenes “Crowd-Management”

Ich war an diesem Tag im Hauptcamp am Ganges. Das Unglück zeichnete sich schon Stunden vorher ab, denn wie durch einen Trichter sollten die Massen an nur wenige offizielle Badestellen gedrückt werden. Das war für jeden nicht Gläubigen erkennbar. So machte ich mich mit meinem Reisefreund Bernd um drei Uhr nachts gemütlich zuerst über die Felder und dann in einem Bus auf den Rückweg. Der Stau auf der anderen Fahrbahnseite, reichte von Prayag bis ins 120 Kilometer entfernte Varanasi. So erwischte uns das Chaos halt dort „lachend“ auf dem Bahnhof. Willkommen zurück, ihr beiden Oberschlauen!

In den letzten Jahrzehnten sind noch zwei Dinge dazu gekommen, die die indische Toleranz weiter in Anspruch nehmen: Noch vor 25 Jahren wurde nahezu jedes Gericht in den Restaurants und Straßenständen für die Massen in Bananenblättern serviert. Der Milchtee wurde in kleinen Tontassen gereicht, die Kekse dazu, wurden stückweise in großen Gläsern angeboten. Auf den Straßen fuhren mehr Fahrräder, als Mopeds – Autos waren bis auf die Großstädte rar.

Doch Anfang 1991 liberalisierte Indien seine Wirtschaft, da das Land wegen des Zusammenbruches ihres Partners UdSSR in eine Krise geraten war – was ohne Frage das Wirtschaftswachstum ankurbelte. 

20% des weltweiten Plastikmülls + multiplizierte Motorisierung

Auch wenn die ersten Plastikverpackungen für Softdrinks ab 1994 auf dem Markt erschienen: noch im Jahr 2000 wurden Cola und Co. in Glasflaschen serviert, die dem Verkäufer zurückgegeben wurden. Doch auf das, was dann kam, war das Land nicht vorbereitet. Mit 9,3 Millionen Tonnen pro Jahr produziert Indien heute 20 Prozent des weltweiten Plastikmülls. Davon landen durch Missmanagement 3,5  Millionen Tonnen in der Umwelt Indiens. 5,8 Millionen Tonnen werden zum größten Teil ohne jegliche Filterung verbrannt. Obwohl die Modi-Regierung im Juli 2022 die Benutzung von einmal Plastik verboten hat, macht es immer noch 43 Prozent des Plastikmülls in Indien aus . Dazu der ganze Elektromüll, mittlerweile haben auch die meisten Bettler in Indien ein günstiges chinesisches Smartphone.

Noch schlimmer trifft die indischen Städte der Boom des motorisierten Verkehrs. Im Jahr 2025 hat Indien pro 1000 Einwohner 185 Motorräder und 34 Autos. Das mag auf dem ersten Blick nach wenig klingen, doch im Jahr 2000 waren es nur 32 Motorräder und 6 Autos auf 1000 Einwohner. Dazu sammeln sich die motorisierten Gefährte vorwiegend in den Städten: Schon im Jahr 2021 besaßen 643 von 1000 Bewohnern in Delhi ein motorisiertes Gefährt .

Die politischen Verantwortlichen hängen mit einem Verkehrskonzept so weit hinterher, dass in Großstädten wie Kolkata aus Verzweiflung Hochstraßen über die eigentliche Straße gebaut werden. Zum Teil führen diese sogenannten flyovers 50 Zentimeter an Balkonen von Wohnhäusern vorbei und die Straßenverkäufer und Obdachlosen unter diesen Hochstraßen leben in einer Art Lärm-Tunnel. Obwohl es in Indien Gesetze auch gegen Lärmterror gibt, bestehen selbst Kleinstädte aus einem Lärm- und Abgasinferno.

Heute: Maha Shivarati

Heute am Sonntag den 15.Februar wird auch in Rishikesh das Fest Maha Shivarati gefeiert. Vor 20 Jahren zelebrierten die Gläubigen Hindus diesen Tag hier indem sie Wasser aus dem Ganges in eine Flasche füllten und zu Fuß durch die nahen Wälder zu einem der großen Shiva Tempel transportierten. Jetzt bestehen die Straßen seit gestern Abend aus Horden mit orangen Fahnen bestückter Motorädern, mit denen ihre Besitzer aus reinem Jux und Tollerei hupend wie grölend hin und her rasen.

Auch das ertragen die Bewohner mit ihrer Toleranz, die ihnen bisher geholfen hat, beeindruckend friedlich in einem kunterbunten kulturellen – wie religiösen Mix zu leben.

Wie sie jetzt weiterverfahren, müssen die Menschen Indiens alleine entscheiden. Von den politischen Verantwortlichen wie von der Opposition ist nichts zu erwarten, das beweisen sie seit mindestens 11 Jahren. Genauso wenig wie politischer oder wirtschaftlicher Druck aus dem Ausland. Im Gegenteil: von China bis Europa brauchen sie Indien um ihre irrsinnige (Über) Produktion von Gütern loszuwerden und um in Indien billig Güter für die heimischen Märkte herzustellen .

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.