War es Marx, der vor 150-200 Jahren vorausgesagt hat, der Kapitalismus werde sich selbst zerstören? Ich weises nicht, habe zuwenig von dem gelesen. Aber es kommt mir so vor. Hier hatte ich die Parallelen zwischen Regierung und DFB beschrieben, die nun auch dem Spiegel (Paywall) aufgefallen sind. Sie sind nicht feuilletonistisch herbeikonstruiert, weil die handelnden Personen aus ähnlichen Sozialisationsinstanzen entlaufen sind.

So, wie sich die Bundesregierung von Medienkonzernen einwickeln, einkochen und an der Nase herumführen lässt (wie es auch die deutschgeführte EU tut), so lässt sich jetzt der DFB eine personifizierte Ich-AG von den Medien ins Bundestrainer-Amt hereinschreiben. Weil der Tuppes nicht der beste Fussballlehrer, aber der beste Entertainer ist. Die Trainingsarbeit lässt der “seine Leute” machen, die er nach Belieben oligarchisch ein- und auswechselt. Dass der gleiche Tuppes seinen BVB 2015 auf den letzten Tabellenplatz gecoacht hat, daran will sich niemand erinnern.

Raum für Wichtigeres

Immerhin ist in der narkotisierten deutschen Medienöffentlichkeit jetzt wieder Raum für Wichtigeres frei geworden. Stichwort: “Toxische Männlichkeit”. Die schon länger durch Fachkompetenz verhaltansauffällige FAZ-Redakteurin Celine Chorus darf schreibend darüber nachdenken (Paywall): “Vorwürfe gegen WM-Spieler: Eine Branche schweigt – Der Fußball hat ein Systemproblem: Etliche Spieler, denen sexuelle Übergriffe gegen Frauen vorgeworfen werden, spielen auf der größten Bühne, die ihr Sport zu bieten hat. Wo bleibt der Kulturwandel?”

Zwei Einwände: erstens, klar, typisch deutsch, nach dem Ausscheiden lästern die Deutschen über die Andern. Denn zweitens, zählt die Autorin nur Skandale ausserhalb unseres Zwergstaates auf, obwohl es im Inland mehr als ausreichend “eigene” Skandale gibt. Aber es ist zweifellos ein (kleiner) Fortschritt, dass dieses Agendasetting überhaupt Eingang im Organ der herrschenden Klassen bekommt. Frau Chorus benennt Beispiele aus und in England, Frankreich, Ghana, Marokko, Kapverde, Neuseeland. Mit anderen Worten: sie sind überall. Und sie urteilt vollkommen richtig: “Aber die Unschuldsvermutung ist ein rechtliches Prinzip und entbindet die Verbände nicht davon, sich mit den Vorwürfen gegen ihre Spieler auseinanderzusetzen. Der Fußball hat längst ein Systemproblem. … Das ist das Ergebnis einer Kultur, die Leistung über alles stellt.” (steht in der FAZ!) Da sieht der DFB so schlecht aus, wie alle Genannten.

Besser das, als garnicht. Weitermachen.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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