Für Ruhrgebietskinder verbindet sich mit der WAZ eine alte Hassliebe. Mit Dankwart Bumskopp hat man Lesen gelernt. Den Cartoon auf der Seite “Aus aller Welt” gibt es heute noch. Verschwunden sind Detektiv Rip Korby und irgendwas für Mädchen, das ich vergessen habe. Unvergessen sind die Sportressortchefs Wilhelm Herbert Koch (“Anton sachte Czerwinski für mich”) und Hans-Josef Justen. Und für mich mein Hassgegenstand Wulf Mämpel, Lokalchef erst in Gladbeck, dann in Essen, die Personifizierung des arroganten rechtssozialdemokratisch fixierten Pressemonopols.
Sozialdemokratisch ist an der WAZ und ihrem Konzern heute nichts mehr. Die einstmals sozialdemokratisch orientierte Verlegerfamilie Brost (Vater Erich starb 1995, Mutter Anneliese 2010) wurde von der anderen Familie “Funke”, in die der einstige Verlagsgeschäftsführer Grotkamp eingeheiratet hatte, mit knapp 1 Mrd. Euro rausgekauft. Anschliessend kaufte Grotkamp für einen ähnlich namhaften Betrag zahlreiche Papierveröffentlichungen des Axel-Springer-Verlages, der sich mehr auf Onlinegeschäfte verlegen wollte. Grotkamp war und ist im Verlagsgeschäft berüchtigt als Rationalisierer und Zusammenleger von Zeitungsredaktionen, die einen nennen das Synergieeffekte, die anderen Arbeitsplatzvernichtung.
Wie lange Grotkamps Geschäftsmodell noch funktionieren kann, weiss keiner. Nur, dass es nicht mehr lange gutgeht, auf Druckerzeugnisse zu setzen. Flaggschiff WAZ hat seine Druckauflage seit meiner Ruhrgebietsjugend glatt halbiert. Darum ist es sehr die Frage, ob der Neubau für den heute Funke-Gruppe genannten Verlag für die Stadt Essen eine gute oder eine schlechte Nachricht ist. Der Verlag baut nicht selbst, sondern mietet. So ist ein Verschwinden woanders hin leichter möglich.

Es muffelt in Essen alles sehr gestrig: Thyssen-Krupp kämpft um ein weltweites Stahlmonopol gemeinsam mit Tata, weil scheinbar nur als Monopol ein Überleben möglich ist. RWE – jetzt nicht der viertklassige Fußballverein, sondern die “Elektrizitätswerke” – wie lange wird es diesen Konzern noch geben? Ruhrkohle-Stiftung, die Finanzierer der “Ewigkeitskosten” des Bergbaus, und Evonik, der ehemalige Bergbaukonzern Ruhrkohle-AG, der jetzt in Chemie macht. Und die Karstadt-Zentrale bleibt, ogottogott, muss das sein?