“Quatsch oder Aufklärung?” – Analyse von TV-Satire

Von , am Mittwoch, 23. November 2016, in Medien.

von Prof. Bernd Gäbler

Medienpolitische Tagung der Otto Brenner Stiftung am 15. November

Kurzfassung der Keynote für das Podiumsgespräch

1. Das Lachen
Wenn Götz Hamann (Die Zeit) schreibt, die „heute show“ trage zum Glaubwürdigkeitsverlust des Qualitätsjournalismus bei, weil sie gegen Politiker, Bosse und Journalistenkollegen „ätze“, ständig „Skandal“ rufe und die Pointen stets „destruktiv“ seien, zeigt er wie dringend notwendig eine Verständigung über Satire ist. Vor allem in den neuen Bundesländern gibt es Wissenschaftler (so der Politikpsychologe Prof. Thomas Klische, Uni Magdeburg-Stendal), die die „heute show“ mitverantwortlich machen für den Aufstieg der AfD, weil diese Politiker „herabwürdige“.
Da liegt ein fundamentales Missverständnis vor: Wie kann es zu dieser Verwechselung, diesem Nicht-unterscheiden-können von „heute show“-Häme und Pegida-Hass, von Gernot Hassknecht und Lutz Bachmann kommen?
Da läuft etwas grundlegend falsch: Basis für eine solche Fehl-Wahrnehmung ist nicht ein unterschiedliches Gefühl für Humor, sondern für Demokratie. Der Demokratie, ihren Repräsentanten und Institutionen muss man sich nicht ehrfürchtig auf Knien nähern. Sie sind nicht sakrosankt. Sie dürfen und sollen kritisiert werden und Gegenstand des Spottes sein. Demokratie muss sich behaupten, sie kennt keine unhinterfragbaren Autoritäten.
Das versteht in der Regel besser, wer auch die Traditionen und verschiedenen Ausdrucksformen des antiautoritären Humors von Otto Waalkes über Gerhard Polt bis Rudi Carrell und Harald Schmidt kennt. Das versteht in der Regel besser, wer jedes obrigkeitsstaatliche Denken abgestreift hat. Das versteht, wer die Politiker und Kollegen nicht als seine Elite-Partner betrachtet.

2. Befunde
Hat man etwas geschrieben, ist es immer wieder schön zu beobachten, was davon Rezensenten wahrnehmen. Es steht schon etwas mehr in der Studie als: Die „heute show“ ist o.k., „extra 3“ etwas unübersichtlicher und „Die Anstalt“ sehr moralisch. Es wird versucht, die Unterschiede der Formate auf den Begriff zu bringen.
Alle klügeren Rezensenten haben bemerkt, dass der Untertitel: „Quatsch oder Aufklärung?“ gar kein Gegensatz ist. Das stimmt. Das eine ist aber auch nicht einfach das andere, es muss schon besonderer Quatsch sein, der Aufklärung ermöglicht. Die glatte Rückführung des einen auf das andere: „Aufklärung durch Quatsch“ geht nicht auf. Wenn der Rezensent der FAS allerdings die Studie so zusammenfasst: „Nach hundert Seiten lautet die Antwort: beides“, dann sei mir doch gestattet, dieses Resümee als etwas unterkomplex zu empfinden. Er hat recht, dass es gerade in der „heute show“ immer wieder auch ein sehr routiniertes Bewirtschaften des Naheliegenden gibt, aber ich habe ja einen konkreten Zeitraum analysiert.
An keiner Stelle der Studie steht, Satire sei der bessere Journalismus. Das ist sie nicht und das soll sie nicht sein – trotzdem kann dieser sich manchmal etwas von ihr abschauen. Satire kann Anstöße geben für die Kritik der politischen Verhältnisse und deren medialer Aufbereitung. In der Regel braucht sie dazu aber anschließende Vertiefung, Weiterführung, neue Kontextualisierung. Es ärgert mich, wie wenig diese Chance genutzt wird.

3. Wissenschaft
Die Studie ist begrenzt. Es gab keine selbständige Erhebung von Zahlen, keine Medien-Wirkungsanalyse. Gerne würde ich auch in Deutschland machen, was als Studie der Fairleigh-Dickinson-Universität in den USA zitiert wird: Überprüfen, welche Korrelation es zwischen bevorzugter Mediennutzung und politischem Wissen gibt. Meine Vermutung (das ist keine wissenschaftliche Kategorie) lautet, dass die Satire-Fans so schlecht nicht abschneiden würden. Trotz aller Beschränkungen haben wir uns darum bemüht, die von Max Weber als wissenschaftliche Tugenden identifizierten Werte wie Sachlichkeit, Klarheit, Ausdauer, Präzision des Begriffs, geistige Rechenschaftspflicht und Wahrheitsliebe zu praktizieren. Und wir haben den Mut zu urteilen. Das zeichnet alle Studien der OBS aus. Ihr Zweck ist kein anderer als Debatten anzustoßen.
An fast jeder Hochschule gibt es inzwischen Studiengänge für Kommunikationswissenschaft oder Journalistik, in Projekten und mit viel Geld wird über viel Fragen der Öffentlichkeit geforscht. Aber es gibt ein krasses Missverhältnis zwischen dem wissenschaftlichen Nachdenken über Öffentlichkeit und dem Bezug dieses Denkens auf die Öffentlichkeit. Das ist hier anders. Die Heimat der OBS – und das ist sehr verdienstvoll – ist nicht der Elfenbeinturm. Zur Kultur von Diskurs und Kritik gehört aber auch, dass alle Akteure (das gilt ganz besonders für die Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks) sich nicht nur jenen wissenschaftlichen Ergebnissen stellen, die sie selber in Auftrag gegeben oder finanziert haben. Interessanterweise gibt es da bei den Satirikern wenig Probleme. Wenn es um den „heiligen Gral“ der Politik-Berichterstattung geht, ist das regelmäßig anders.

4. Politikverdrossenheit
Liberale oder konservative Qualitäts-Journalisten werfen der Satire in erster Linie vor, sie fördere „Politikverdrossenheit“. Schon der Begriff ist unscharf. Sicher gibt es kaum das, was er suggeriert: gestern waren Menschen aufgeschlossen, interessiert, ja engagiert – heute wenden sie sich verdrossen ab. Eher gibt es ein Konglomerat an Motiven und Befindlichkeiten der Entfremdung – zur Politik, ihren Institutionen und zu den Politikern. Eine bestimmte Art des Journalismus trägt daran Mitschuld. Es gibt eine Begleitung des Politikbetriebs, die den vorgegebenen Themen-Taktungen und Sprachmustern nur folgt. Es gibt die permanente Unterschätzung des Publikums, das auch über Details aufgeklärt werden möchte. Und es gibt ein Erklären der Politik, das nur um die Performance einzelner Politiker kreist, deren Tonlage, deren Bereitschaft zu Streit oder Versöhnung – mit einem Wort: mit großer Geste des Durchblickens alle Politik reduziert auf pure, von jedem Inhalt befreite Machttaktik. Der Satiriker darf das, für den politischen Analytiker aber ist das zu wenig.
Satire kann die Probleme des Journalismus nicht lösen. Der Boom der einen hat wie die Krise des anderen aber mit dem gleichen Grundphänomen zu tun: Das System der Massenmedien, wie wir es kennen, erodiert. Die Gutenberg-Galaxis war eben doch nur eine Paranthese. Massenmedien haben immer auch etwas dezent paternalistisches an sich. Das löst sich nun auf – hin zum individuellen Medienkonsum. Unklar ist noch, wo im globalen Dorf der Ort ist für die Reflexion der Gesellschaft über sich selber. Wir sind wie nie zuvor – mit allen Freiheitsmöglichkeiten und Vereinzelungsgefahren – auf uns selbst gestellt, wenn es gilt, unsere Kommunikation zu organisieren. Da ist es sehr schön, wenigstens gemeinsam zu lachen!

Wir danken der Otto-Brenner-Stiftung für die Genehmigung der Übernahme ihrer Veröffentlichungen.
Hier alles über die Studie von Bernd Gäbler.
Hier alles über die Medientagung am 15.11.2016 in Berlin.

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