Während bei den “Qualitäts-” und “Leitmedien” derzeit niemand arbeitet, jedenfalls nicht journalistisch, sondern Bekanntmachungen von Regierungen, Sicherheitsbehörden und Nachrichtenagenturen weiterleitet, gibt es einen Medienort, an dem journalistisch weitergearbeitet wird: das Onlinemagazin Telepolis und der Heise-Verlag. Sie müssen es auch, denn ihre Kernzielgruppe hat in dieser Woche ihr wichtigstes jährliches Event neben der re:publica, den Kongress des CCC, Chaos-Computer-Clubs. Edward Snowdon war dort auch zu Gast, allerdings leider wieder nur per Video, eine Schande für unsere Demokratie. Er strafte alle Propagandavorhaltungen Lügen, und kritisierte den russischen und chinesischen Überwachungswahn genauso, wie alle Anderen.
Dieter Deiseroth, pensionierter ehemaligen Richter am Bundesverwaltungsgericht, nimmt im Telepolis-Interview die aktuellen Versäumnisse der Sicherheitsbehörden sowie ihre öffentliche Darstellung standesgemäss auseinander. Für mich zeigt sich hier das gleiche Phänomen wie in der Flüchtlingsdebatte: unsere angeblich so perfekte Bürokratie, die gesamte Organisation von Herrschaft, je größer die Organisation – in diesem Falle der Staat – um so mehr, zerbröselt, implodiert, funktioniert nicht mehr im Angesicht aktueller An- und Herausforderungen. Den Führungskräften mangelt es an Sachkenntnis und Empathie in der Führung ihrer Mitarbeiter*innen, die Mittelebene ist nach oben und unten nur darauf bedacht, keinen Fehler zu machen, das klappt am besten, wenn mann nichts tut, möglichst wenig brisante Verantwortung zu übernehmen, was einem sowieso nie gedankt wird, und die ganz unten bzw. “an der Front”, Streetworker*innen, Lehrer*innen, Erzieher*innen, Pflegekräfte, Polizist*innen sowie die Armee der prekär beschäftigten Dienstleister*innen halten die da oben sowieso für bürokratische Arschlöcher, was ja leider in massenhaft vielen Fällen auch zutrifft.
So passieren dann die von Deiseroth analysierten “Pannen”, “Verschwörung” wäre als Analyse eindeutig schon zuviel der Ehre. Das setzt “Intelligence” an Stellen voraus, wo es vor allem Mangel an Intelligenz gibt. Schon “9/11” 2001 in New York konnte wahrscheinlich passieren, weil sich alle Geheimdienste und Sicherheitsbehörden der USA schon seit Jahrhunderten gegenseitig bis aufs Messer bekämpfen, im Konkurrenzkampf um dollarmilliardenschwere Ressourcen, statt zusammenzuarbeiten. Und selbstverständlich ist das hierzulande genauso. Lesen Sie im Deiseroth-Interview nur mal genüsslich die offiziellen Namen der diversen Zentren, Koordinationsstellen und Teams – die sagen in ihrer PR-Sprech-Angeberei mehr als lange Strukturanalysen.
Leider sieht es auf der “Gegenseite” nicht viel besser aus. Markus Kompa gibt bei Telepolis keinen kompakten Überblick über “Anonymus”, eine der scheinbar “modernsten” Widerstandsorganisationen der letzten Jahre. Im Kern ist diese Gruppe/Organisation nicht minder von neoliberal inspiriertem Konkurrenzkampf, Machtkämpfen, Intrigen und hyperindividualistischen Eitelkeiten zerfressen.
Meine These: “linke” Organisationsformen sind von diesem Symptom des eigentlich von ihnen bekämpften Neoliberalismus schlimmer zerfressen als Rechte, die auf reaktionären Kadavergehorsam, militaristisches Denken und Strukturen und Doofheit/Unwissen ihrer Massenbasis bauen können. Bei linken Organisationsformen hingegen triumphiert die Egomanie über Empathie und das Wissen über die Organisation von gelebter Solidarität. Steile These, ich weiss. Mir wäre der Nachweis lieb, dass sie falsch ist.