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Umfragen – Grüner Rekordwert

Fragen Sie mich nicht warum.
Vor dem Verdauen von “Meinungsumfragen” sollte man folgendes wissen: das Brot-und-Butter-Geschäft von “Meinungsforschungsinstituten” ist die Marktforschung für Konzerne. Damit verdienen sie ihr Geld. Veröffentlicht werden die Ergebnisse in der Regel nicht, sie sind Geschäftsgeheimnisse der Auftraggeber. Die politische Meinungsforschung, also insbesondere die “Sonntagsfrage” sind das Marketing dieser Firmen – damit erzielen sie kostenlose Erwähnung und Werbung in den redaktionellen Teilen der Medien.
Ferner hat fast jedes Institut gewachsene diplomatische Beziehungen zu Politik, Parteien und Medien für die sie arbeiten. Allensbach und Emnid stehen der CDU nahe, die “Forschungsgruppe Wahlen” dem ZDF (also sowas Ähnliches), infratest-dimap der ARD, und Forsa-Chef Güllner ist zeitlebens nebenbei SPD-Mitglied, hauptamtlich aber Freund von Gerhard Schröder. Eine Aussenseiterrolle spielt Insa, dem AfD-Nähe unterstellt wird.

Soweit das Vorwort. Güllners Forsa ist jeden Mittwoch, wenn seine Sonntagsfrage veröffentlicht wird, immer gerne für eine Schlagzeile gut. Heute sind es die 40% für die CDU; die hatte Allensbach aber letzte Woche auch schon. CDU und SPD sind beide wieder auf den Niveaus von vor Martin Schulz: 39-40% und 23-25%. Einen Rekord meldet Güllner für die Grünen: 9% hatten sie bei ihm seit Januar nicht mehr, und bisher bei keinem anderen Institut (7-8).

Bemerkenswert die Diskrepanz der Institute bei FDP und AfD: FDP 7 – 10,5 , eine Differenz grösser als die selbst bezeichnete “Fehlertoleranz” von 2%; AfD 6,5 – 8. Die Linke (8 – 9) dagegen wird sich selbstzufrieden “sicher” fühlen.

Das bedeutet: alle “Kleinen” sind bis zur Wahl im Risiko. Am meisten abgeschmolzen ist in den letzten Wochen die AfD, vor einem halben Jahr noch mit Werten von 13-16 % – die Hoffnung sie aus dem nächsten Bundestag rauszuhalten lebt also weiter; die Entmutigung ihres Anhangs ist möglich. Ihre demoskopisch am meisten kommunizierende Röhre scheint die FDP zu sein. Warum überrascht mich das nicht?

In einer sozial und kulturell immer weiter auseinanderdriftenden und sich individualisierenden Gesellschaft ist es immer schwieriger seriös repräsentative Daten zu erheben. Im Zweifelsfall nur glauben, was der/die Wahlleiter*in bekannt gibt.

2 Kommentare

  1. Klaus Böttger

    Interessantes Thema, Martin! Ich beschäftige mich seit dem letzten Jahr und der US-Präsidentenwahl ausführlicher mit dem Thema… ein Aufhänger für mich war dabei der Blog von Nate Silver (https://fivethirtyeight.com/) und seine Texte zur Wissenschaftlichkeit der Meinungsforschung und daraus abgeleiteter Prognosen. Ich habe in Statistik geschwänzt – bin da also keiner, der das in der Methodik hinterfragen kann… doch die jeweilige Nähe/Distanz zu politischen Akteuren ist auch im Ergebnis nicht zu unterschätzen! Entscheidend ist letztlich immer die Gewichtung der Antworten…

    In dem Zusammenhang meine Frage, was du denn zur jüngeren Konkurrenz der “alten” Institute denkst. Hier meine ich so Sachen wie YouGov oder Civey?

    • Martin Böttger

      Dass YouGov auf den deutschen Markt drängt, ist mir auch schon aufgefallen. Ein Qualitätsurteil dazu vermag ich aber nicht abzugeben. Ich weiss nur, dass alle Konkurrenten immer schlechter mit unserem immer stärker diversen Telefonverhalten klarkommen (ich z.B. lege immer sofort auf, weil mir zum Datenverschenken die Zeit und der Sinn fehlt). Und onlinebasierte Verfahren sind auch keine repräsentative Lösung, sondern allenfalls für Community-Building entsprechender Seiten geeignet.

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