Ein Unternehmen, das von sich behauptet Gemeinschaft zu stiften, zerstört sie. Diese Widersprüchlichkeit ist im Kapitalismus nichts Ungewöhnliches, das kannte schon George Orwell. Dagegen war Margret Thatcher mit ihrer These “There is no society” in den 80er Jahren (zu?) offen und ehrlich. Facebook ist wohl deswegen das “erfolgreichste”, also am teuersten bewertete Unternehmen, weil es der adäquateste Ausdruck des aktuellen digitalen Kapitalismus ist. Sein Unternehmenszweck ist, der Werbeindustrie zu ermöglichen, uns so nah auf die Pelle zu rücken, wie sie es zuvor nur erträumen konnte. Und wie wir es, wenn wir gefragt worden wären, vermutlich nicht erlaubt hätten.

Das können wir lernen aus dem Radioessay “Das Produkt bist Du. Über Facebook” von John Lanchester, den der Deutschlandfunk heute (2.Teil am nächsten Sonntag, 9.30 h) sendete.

Ich habe einzelne Einwände, die den Gesamtwert nur geringfügig schmälern. Die russische Einflussnahme im US-Wahlkampf wird, auch wenn es sie wahrscheinlich wirklich gegeben hat, überschätzt. Einflussnahmen von überall sind unvermeidlich, sie werden auch von überall unternommen. Die 16 US-Geheimdienste sind so wenig untätig, wie die drei deutschen oder unsere aufgerüsteten Cyberkriegsbehörden. Sollten sie zu doof und zu ineffizient sein, ist das keine russische Verantwortung.

Auch die Bewertung “gestohlener Inhalte”, insbesondere Videos, teile ich nicht. Der alte Eigentumsbegriff wird im digitalen Kapitalismus neu bestimmt werden müssen. Die politische Auseinandersetzung darum findet gerade statt. Die Ökonomie wartet nicht auf ein Ergebnis und schafft Fakten, der – mehr oder weniger demokratische – politische Prozess hinkt hinterher. Das war schon beim Buchdruck so.

Lanchesters Essay macht dennoch anschaulich, wie im digitalen Kapitalismus Monopole gebildet werden, die die Demokratie, wie wir sie kennen, gefährden. Wer sie erhalten will, muss die Monopole zerschlagen oder, dafür würde ich plädieren, vergesellschaften und dem demokratischen Rechtsstaat unterwerfen. Das ist bei allen Infrastrukturmonopolen die bessere Lösung.

Was die Chinesen können, mit ihren alternativen Plattformen, könnte Europa auch. Wenn es wollte. Hier gäbe es zweifellos politischen Widerstand gegen die chinesische Praxis, die Nutzer*innen zu kontrollieren (Facebook tut das auch, in China ist es eben der Staat und die Partei). Bei diesem Widerstand wäre ich dabei. Es wäre ein politischer Konflikt, der im Idealfall demokratisch auszutragen und auszuhalten wäre. Doch was sagt es uns, dass der kaum zu sehen ist? Ist die Chance dazu schon vorbei? Das glaube ich nicht; es gibt kein Ende der Geschichte.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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