Übers Fernsehen wird fast so gerne gemeckert, wie über die Deutsche Bahn. Versuchen wir es also mal konstruktiv. Im “Medienquartett” des Deutschlandfunks am letzten Freitag wies Lutz Hachmeister zutreffend darauf hin, dass der Informationsgehalt von Infomationssendungen fällt und damit unsere Demokratie gefährdet. In den USA ist besonders sichtbar, und bei uns dringt diese Erkenntnis nur langsam durch, dass dieses Vakuum durch die gesellschaftsdiagnostische Kraft der fiktionalen Angebote zunehmend gefüllt wird. Das serielle Erzählen, bei dem die Figurenentwicklung nicht auf wenige Sendeminuten und Drehtage gequetscht werden muss, erlaubt nicht nur mehr künstlerische Freiheit für die Macher*innen. Es kann auch Gewinn für uns Zuschauer*innen bringen, natürlich nur wenn es gut und geduldig gemacht ist, weil uns weniger Klischees verfüttert werden, und dafür mehr Charakterentwicklung und gesellschaftliche Wirklichkeit, bzw. eben ihre filmkünstlerische Interpretation.

So war es jüngst bei der ARD-Miniserie “Das Verschwinden” (nur bis 21.11. in der Mediathek) in der Regie von Hans Christian Schmid und mit einer formidablen Riege von grossartigen Schauspieler*inne*n. Zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte ich mich an meine Begeisterung über “Über Barbarossaplatz” erinnert, hinter dem das “Verschwinden” allerdings zurückbleibt, weil es bei mir weniger Fragen und Nachdenken hinterlässt, aber immer noch genug, z.B.: warum gibt es sowas nur so selten? Völlig unklar, das ist schon meine grösste Kritik, ist mir die Tonarbeit geblieben: Musik und andere Geräusche, z.B. eines sekundenlangen Motorradrennens, waren dreifach lauter ausgesteuert als die Dialoge. Natürlich ist leises Sprechen und Flüstern ebenso wie Nuscheln ein wichtiges dramaturgisches Element. Auf regionale Dialekte wurde sogar absichtsvoll verzichtet. Warum dann die nutzlose Spielerei mit dem Pegel? Soll nicht jede*r alles mitkriegen? Oder wurde am Schluss bei der Nachbearbeitung gespart?

Die letzte Folge hatte ca. 500.000 Zuschauer*innen weniger als die Charlotte-Link-Folge im gleichen Programm zuvor, aber sensationellerweise einen höheren Marktanteil, der sogar 2% über dem Tagesdurchschnitt der ARD lag. Normalmutige Programmmacher*innen würden daraus den Schluss ziehen, sich engagiert und ermutigt an das nächste “Experiment” zu wagen, statt sie immer weiter zu verringern. Der Tagsmarktanteil von 9%, den “Das Verschwinden” zum Glück nicht verschuldet hat, dürfte allerdings die real existierenden Programmdirektor*inn*en in Panik versetzt haben. Da dürfen wir gewiss sein, dass sowas lange Krisensitzungen der Senderführungsbürokrat*inn*en auslöst.

Mein Therapievorschlag und meine Fantasie, wenn ich die revolutionäre Macht in unserer Republik erobert hätte: alle Intendant*inn*en und Programmdirektor*inn*en von ARD und ZDF werden in einer Jugendherberge eingesperrt und gezwungen, sich das oben erwähnte DLF-Medienquartett (45 Minuten) anzuhören. Anschliessend werden sie genötigt, ein gemeinsames Diskussionsergebnis zu erarbeiten, was sie daraus gelernt haben und welche praktischen Konsequenzen sie daraus ziehen wollen. Lutz Hachmeister würde sich gewiss, gegen ein angemessenes Honorar, als Diskussionsleitung und Moderation zur Verfügung stellen. Keine Ahnung, wieviele Monate das dauern würde. Um das zu beschleunigen könnte die Veranstaltung arbeitsrechtlich als “unbezahlter Urlaub” gewertet werden. Erst danach dürften sie sich wieder ins Auto setzen.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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