Über viele Jahrzehnte war mein Lieblingsplatz hier in der Region auf der Insel Grafenwerth in Bad Honnef. Die absolut idyllische Lage mit direktem Blick auf den Rolandsbogen und Sonnenuntergängen über Bonn verband sich mit tadelloser Küche und einem tollen Weinangebot im Restaurantbereich. Dort habe ich unfassbar schöne Abende mit ebenso schönen Menschen verbracht. Vor einigen Jahren wurde das dauerhafte Restaurantangebot auf “on demand”, also nur noch auf Vorreservierung des ganzen Lokals umgestellt. Die Qualität war offensichtlich ganzjährig nicht wirtschaftlich aufrechtzuerhalten. Die Insel ist keine Lauf- sondern Randlage von Bad Honnef. Zuwenige fanden in kalten Jahreszeiten den Weg zu gutem Essen und Trinken. So geriet das Lokal aus meinem Blickfeld.

Seinen Platz in meinen Gewohnheiten hat die Terrasse des Bonner Hotels Königshof eingenommen. Das quaderförmige Gebäude der 60er Jahre ist keine architektonische Schönheit. Sein Inneres wurde aber, erinnernd an den Kölner Gürzenich, gestalterisch erhalten und hat heute einen originellen, fast einmaligen Charme. Von seiner Terrasse sieht man nicht den Rolandsbogen, aber das Siebengebirge, nur leider für die Sonne ist es die falsche Seite, eben kein Beuel.

Mit diesem Haus verbindet sich eine wichtige Etappe meiner politischen Biografie. 1977 war ich gerade ein Jahr in Bonn und musste aufgrund einer innerverbandlichen Krisensituation interimistisch Funktionen für den Bundesvorstand der Jungdemokraten wahrnehmen. 1977 fand im Hotel Königshof am Vorabend einer Abrüstungsdemonstration im Hofgarten eine letzte Vorbereitungssitzung statt. Hier erlebte ich zum ersten Mal persönlich Martin Niemöller, eine fortschrittliche Ikone der “Bekennenden Kirche” gegen den Faschismus und Leuchtfigur für die fortschrittlichen Teile der Evangelischen Kirche; ein unbeugsamer, optimistischer, neugieriger alter Mann.
Die Demonstration, die hier vorbereitet wurde, war selbst gewöhnlich, sie mobilisierte ca. 40.000 Menschen in den Hofgarten, vier Jahre später sollten es fast zehnmal so viele werden. Sie wühlte trotzdem die politische Landschaft der BRD auf. Der Juso-Bundesvorsitzende Benneter wurde vom SPD-Bundesgeschäftsführer Egon Bahr abgesetzt, weil er für eine Teilnahme der Jusos an der Demo werben wollte. Er wurde Monate später ersetzt durch einen gewissen Gerhard Schröder, der in drei Jahren Amtszeit die Jusos nach rechts verschob, eine Fachkraft für solche Aufgaben.
Bei uns Jungdemokraten lief es umgekehrt. Wir stürzten bei einem Bundeshauptausschuss in Bingen unseren Bundesvorstand, darunter meinen Extradienst-Gastautor und Freund Michael Kleff, weil der aus Furcht vor Repressionen durch die FDP und antikommunistischer Grundeinstellung diese Demo nicht mitveranstalten wollte. Es war die Weichenstellung, mit der die Jungdemokraten die Jusos “links überholten”. 1982 folgte die selbstbestimmte politische Trennung von der FDP.
Ausgerechnet hier auf der Terrasse sah ich im Spätsommer 2015 das letzte Mal Hans-Dietrich Genscher lebend. Seine Kolumne im Tagesspiegel hatte er bereits eingestellt, eine Herz-OP überstanden und ließ es sich, wie ich am Nebentisch, mit seiner Gattin und einem weiteren Paar Wohlsein. Wenige Monate später hat es ihn dann doch erwischt.
Diese Erinnerung verbindet sich für mich mit diesem Haus.

Jahrzehnte später brachte mich Olaf Behnk, seinerzeit Arbeitskollege in der NRW-Landtagsfraktion der Grünen, heute Mitarbeiter einer Rechtsanwaltskanzlei in Köln, auf die Idee, das Restaurant im Haus, das eine gute italienische Küche pflege, zu testen. Seitdem bin ich 2-3 mal im Jahr dort. Vor wenigen Tagen erneut.
Ich will es kurz machen: die Küchenqualität ist kontinuierlich exzellent, das 3-Gang-Menü für 49 Euro ist sein Geld wert. Positiv fällt mir immer der Service auf. Einerseits ist Fluktuation erkennbar, weil hier viele junge Kräfte ausgebildet werden. Ich weiss nicht, wie autoritär-militärisch oder kollegial-solidarisch es dabei zugeht, in der Branche gibt es da eine grosse Spannbreite. Was beim Gast davon ankommt, ist jedenfalls Spitzenklasse. Kleinere Fehler kommen eher als sympathischer Charme an. Wenn die (weibliche!) Sommeliere mich nicht perfekt-rhetorisch mit Gourmet-Sprech vollsülzt, mich aber zwei empfohlene Weine probieren lässt und am Ende der perfekte Rotwein zum Fleisch im Glas ist, kann kaum noch was schiefgehen.
Das Entscheidende zum Gelingen des Abends war meine dreifache Damenbegleitung und nicht enden wollende bereichernde Diskussion und Lästerei (natürlich nur über Abwesende). Alle äusseren Bedingungen des Restaurants haben das subtil unterstützt, ohne die Aufmerksamkeit von uns untereinander stören oder gar dominieren zu wollen. Besseres ist in professioneller Gastronomie kaum möglich.

Zwei meiner Begleiterinnen reservierten direkt für Heiligabend. Ein tolles Kompliment.