Als ich neu nach Bonn kam, wurde es von zwei fast gleichberechtigten Bahnlinien durchzogen, auf jeder Rheinseite eine. Vom Bahnhof Beuel gabs ZĂŒge nach Ancona, Rijeka und Barcelona, noch bis in die 90er Jahre. Das GebĂ€ude war bis spĂ€t in die Nacht belebt von Publikumsverkehr. Wie es heute ist, muss ich hier nicht beschreiben, es dĂŒrfte selbst AuswĂ€rtigen bekannt sein. In Essen-Altenessen, Wanne-Eickel oder Mönchengladbach ist es Ă€hnlich verlaufen. In Beuel sind wir ja jetzt schon froh, wenn es einen Fahrkartenautomaten gibt, der auch funktioniert. Und demnĂ€chst kommt die S13.

Jetzt schimpfen sie auch in Bonn. Personenverkehr wird gestrichen zugunsten des GĂŒterverkehrs. Ach, habt Ihrs auch schon gemerkt? Das kennen wir in Beuel schon seit 30 Jahren. Die Empörung ist natĂŒrlich trotzdem berechtigt. Eine angemessene Vertaktung der Verbindungen zwischen Bonn und Köln hat es noch nie gegeben. Aktuell klafft bei 3 ZĂŒgen in der Stunde ein LĂŒcke von 30 Minuten, die drei fahren alle in der anderen halben Stunde. Weil sie nicht anders in den pulsierenden Verkehr auf der engen Rheinstrecke, zwischen Fern- und GĂŒterzĂŒgen hereinpassen. Nun hat die Bahn in Rastatt ein Desaster fĂŒr den europĂ€ischen GĂŒterverkehr selbst verursacht. Und gemerkt, ojeh, da mĂŒssen wir was Ă€ndern. Über Wochen haben sich GĂŒterzĂŒge gestaut. Jetzt wollen sie wieder alle durch. “Lösung”: Nahverkehrsverbindungen streichen, die “blockieren alles”, in der Vorstellungswelt des Bahnmanagements.

Dieses Denken des Bahnmanagements entspricht dem der EU-BĂŒrokratie und dem des Neoliberalismus: Freiheit, Bewegungsfreiheit fĂŒr Kapital, Waren und GĂŒter. Aber bloss nicht, das fehlte gerade noch, fĂŒr Menschen (seien es Bahnkunden oder FlĂŒchtlinge).
Die aktuelle Aufregung um zu streichende NahverkehrszĂŒge ist, soweit es Politiker*innen und Parteien (und Stadtspitzen) betrifft, die pure verĂ€ppelnde Heuchelei. Der “Vorrang des GĂŒterverkehrs” wurde vor fast 10 Jahren von der Mehrheit des Europaparlaments beschlossen. Gegen die Stimmen der deutschen Abgeordneten. Dahinter werden die sich bis heute verstecken. Weil die kompliziert zu beantwortende Frage ist: warum ist es so und nicht anders gekommen, in einer EU, in der die Deutschen doch immer auf den Tisch trommeln, die “Regeln” mĂŒssten eingehalten werden? WĂ€hrend die sich mit SchĂ€uble an der Spitze bei der BewĂ€ltigung der Bankenkrise panzerartig durchsetzten, deutsche Grossbanken wurden alle grosszĂŒgig beschĂŒtzt, mussten an NebenkriegsschauplĂ€tzen kleiner Niederlagen hingenommen werden, damit die politischen Verlierer sich ein bisschen beruhigen und ihr MĂŒtchen kĂŒhlen konnten. Was liegt fĂŒr Chauffeurs-Nutzer*innen und Inhaber*innen grosszĂŒgiger Reiseflugpauschalen nĂ€her, als dafĂŒr ein paar Bahnbröckchen hinzuwerfen?
Es ist die Logik aller politischen Verhandlungen, ob in BrĂŒssel, oder jetzt in Berlin. FĂŒr die Verhandler*innen und ihre Parteigremien ist das Gesamtpaket von Erfolgen, Kompromissen und Niederlagen entscheidend. Darin sind ĂŒber 100 verschiedene Sachfragen verschnĂŒrt. Eine davon ist irgendwas mit Bahn.

Was wĂ€re jetzt zu tun? In Berlin wird gerade eine Koalition verhandelt. Von der CSU abgesehen ist sie politisch sogar identisch mit der, die unsere Stadt gegenwĂ€rtig regiert. Ausserdem ist NRW-MinisterprĂ€sident Laschet ein wichtiger Merkel-Getreuer und fĂŒhrend mit dabei. Was will die Koalition also Ă€ndern am “Vorrang des GĂŒterverkehrs”? Wie wird sie die europĂ€ische Aufregung um Rastatt beruhigen und die Bedingungen fĂŒr den Personenverkehr, speziell im Rheintal, verbessern? Wie wirken die Bonner Parteien auf ihre Leute am Verhandlungstisch ein, damit sie dafĂŒr was tun?
In Oberhausen gibt es bereits Aufregung, weil sich nach EinfĂŒhrung des RRX dort die Verbindungen ins Rheinland verschlechtern werden. Und in Bonn? Wie werden wir angebunden? In welchem Takt? Und mit welcher Umsteigefreiheit? Meine BefĂŒrchtung: es bessert sich fast gar nichts. Der – sicher komfortablere und ein paar Minuten schnellere – RRX ersetzt schlicht einen Regional-Express. Mehr gibts nicht.
Zu mehr, lieber OB und liebe Rathauskoalition, bist Du nicht in der Lage? Wie arm wĂ€r’ das denn?