Laubbläser in Marl – eine Assoziationskette

Von , am Mittwoch, 15. November 2017, in Fußball, Genuss.

Gestern war ein schöner Abend für Fans von Borussia Mönchengladbach. Unser Mannschaftskapitän Lars Stindl schoss, wie es sich dramaturgisch gehört, nur 7 Minuten nach seiner Einwechslung in der letzten Sekunde der Nachspielzeit das 2:2, nach einer Özil-Götze-Stindl-Kombination mit exzellenter künstlerischer B-Note. Stindl lieferte einen weiteren durchschlagkräftigen Beleg für seine Bewegungsintelligenz und Teamfähigkeit. Er ist zu einem wirklich grossen Spieler gereift und dürfte, Verletzungsfreiheit und das Stattfinden des Turniers vorausgesetzt, bei der WM in Moskau sicher dabei sein. Danach wird sich dann eine Käuferschlange vor dem Büro von Max Eberl bilden.
Nach dem Spiel begrüßte der ARD-Sportschauclub (“Wir sind ja hier unter uns”) Borussias Vorstandsmitglied und einstigen Wundertrainer Hans Meyer (75). Er musste keine aktuellen Geschäftsgeheimnisse ausplaudern, weil sich seine Befragung auf sein epochales Wirken in Jena/DDR konzentrierte.
Was hat das mit der Überschrift zu tun?

Nur durch Borussia Mönchengladbach habe ich überhaupt von der Existenz der Stadt Marl erfahren. 1964/65, als ich die Borussia unter Anleitung meines Oppas, des RWE-Fans Karl Willems, der schon einen Fernseher hatte, ins Herz schloss, wurde ein gewisser “TSV Marl-Hüls” mit 5:1 (nach einem 1:0 Auswärtssieg in der Hinrunde) aus dem Bökelberg gefegt. Die besten Torschützen dieser Saison waren die Herren Bernd Rupp (25), Jupp Heynckes (24, nach einer Wechselsperre vom TuS Holt gekommen) und Günter Netzer (17). (Die Zahlen stehen für die erzielten Tore, nicht das Lebensalter; das war bei Netzer geringfügig höher, bei den andern beiden viel niedriger.)
Beim Gegner aus Marl sah es damals schon so aus und tut es mit geringfügiger Patina auch heute, als sei ein Raumschiff der 60er Jahre, aus dem Zeitalter der “Raumpatrouille Orion” (s/w, Hauptrolle Dietmar Schönherr, dessen Nachlass u.a. von Beuel aus geregelt wurde), auf den Südrand des Münsterlandes runtergefallen.

Dominik Graf hat zum Jubiläum des Grimme-Preises, des einzigen Ereignisses durch das Menschen ausserhalb des Ruhrgebietes überhaupt von der Stadt Marl Notiz nehmen, einen Film “Es werde Stadt -zum Zustand des Fernsehens” gedreht, der tatsächlich am besten mit dieser Stadt vertraut macht (und zum Glück auf Youtube verfügbar ist).

Wie komme ich auf Marl? Weil im Ruhrgebiet gerade das Filmfestival “Blicke” stattfindet. Die Festivalleiterin Hinderberger informierte darüber in der WDR3-Sendung “Mosaik” (leider keine Mitschrift, aber ein Audiomitschnitt verfügbar). Und das spektakulärste Sujet, das in dem Studiogespräch erwähnt wurde, war für mich “Mit dem Laubbläser durch Marl”. Was haben die eigentlich gemacht, als es diese terroristischen Waffen noch nicht gab? Frau Hinderberger erklärte anschaulich, wie sich die kleine aber feine Filmgemeinde des Ruhrgebietes versucht, weiterhin “analog” – also so richtig mit richtigen Menschen – zu vernetzen, nachdem nur noch wenig dazu geeignete Strukturen übrig geblieben sind.
Bis heute ist das Ruhrgebiet an Spannungsreichtum dem idyllischen und sich selbst langsam kulturpolitisch abwrackenden Rheinland überlegen. Ein weiteres Indiz: eine Jelinek-Inszenierung in Mülheim.

Wenn Sie sich näher mit Marl beschäftigen wollen, lesen Sie dazu auch diesen FAZ-Bericht über Barbican, eine brutalismusartige, schweineteuer gewordene Wohnsiedlung in London. Dort haben die Architekt*inn*en schon in den 50er und 60er Jahren verstanden, und auch die in Marl taten das, was ich mit meiner Kritik am Beueler Bonava-Projekt meinte. Naja, ich muss zugeben, die hatten in London auch mehr Platz: der von den Deutschen vom Zaun gebrochene Weltkrieg hatte dort grosse “bebaubare Grundstücke” geschaffen.

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