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Eisenbahn ist sicher und gefährlich

von Rainer Bohnet

Eigentlich absurd, aber zutreffend: die Eisenbahn ist sicher und gefährlich. Sicher ist sie, weil sie ein spurgeführtes Verkehrsmittel ist, das komplett gesteuert wird. Auf dem deutschen Eisenbahnnetz fahren täglich rund 40.000 Züge mit Geschwindigkeiten zwischen 300 km/h und 60 km/h. Signale und Weichen weisen den Zügen ihren Weg und es gibt ein komplexes Vorschriftensystem, das ständig aktualisiert wird. Alle technischen Einrichtungen, egal ob sie stationär oder an Fahrzeugen installiert sind, unterliegen ständigen Kontrollen der Eisenbahninfrastruktur- und -verkehrsunternehmen. Und staatliche Institutionen wie das Eisenbahn-Bundesamt überwachen die gesamte Branche. Bei festgestellten Mängeln werden Geldstrafen und andere Sanktionen verhängt.

Die Gefährlichkeit der Eisenbahn geht von ihrer physischen Masse aus. Züge sind sehr schwer und haben einen langen Bremsweg. Güterzüge können bis zu 5.000 Tonnen wiegen, Reisezüge wie ein ICE oder IC bringen maximal 400 bis 500 Tonnen auf die Waage. Bei einer Vollbremsung werden die Zuglok und alle Wagen abgebremst. Dies geschieht mit einer Kraft, die über dem Gesamtgewicht des Zuges liegt. Diese sogenannten Bremshundertstel werden für jeden Zug vor seiner Abfahrt am Startbahnhof ermittelt und dokumentiert. Wird die im Fahrplan vorgegebene Bremskraft nicht erreicht, muss die zulässige Höchstgeschwindigkeit reduziert werden.

An Bahnübergängen besteht bei geschlossenen Schranken ein striktes Überquerungsverbot. Dieses hat der 13-jährige Schüler in Bad Godesberg gestern missachtet und mit seinem Leben bezahlt. Der Lokführer des ICEs, der den Schüler überfuhr und tötete, hatte keine Chance zu halten. An dieser Stelle zwischen Mehlem und Bad Godesberg fahren die ICEs mit 160 km/h. Die Schranken waren ordnungsgemäß geschlossen und dem Lokführer wurde freie Fahrt signalisiert. Das technische System war und ist sicher. Die Unvernunft der Menschen kennt allerdings keine Grenzen.

Da sich viele Kinder und Jugendlichen mit den Gefahren des Eisenbahnverkehrs nicht auskennen und sie deshalb unterschätzen, sollten sich die Schulen öffnen und in einer Unterrichtsstunde versuchen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Dazu biete ich mich gerne an.

Ich habe 40 Jahre Eisenbahnerfahrung hinter mir, war Fahrdienstleiter in Bonn Hbf und Bonn-Bad Godesberg und stellvertretender Eisenbahnbetriebsleiter einer Privatbahn.

Ein Kommentar

  1. Martin Böttger

    Ich war mal mit einem Bonner Stadtbahnfahrer gut bekannt, der mit Anfang 30 einen Menschen totgefahren hatte und für den Rest seines Lebens berufsunfähig war. Selbst in Fällen, in denen nichts Schlimmes passiert, leiden die Fahrer*innen unter hohem Stress, weil die meisten Passant*inn*en die physikalischen Zusammenhänge und langen Bremswege nicht kennen. Dieser Stress greift das vegetative Nervensystem so an, dass die meisten Fahrer*innen das Rentenalter nicht erreichen.

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