Medienproduzent*inn*en lieben die Pausen: Sommerpausen, Winterpausen, Weihnachtspausen, Karnevalspausen, Osterpausen; und zwischendurch werden sie, gerne auf unsere Kosten, wenn sie öffentlich-rechtlich bezahlt werden, MillionÀr*inn*e*n. Also nur die Chefinnen und Chefs, nicht ihre vielen prekÀr BeschÀftigten.
Es gibt da ein Onlinemagazin, das arbeitet komplett verrĂŒckt im 24/7-Rhythmus, Tag und Nacht, und das ohne Ansehen von Sonn- und Feiertagen. Mit wenig Geld, wenig Personal und schlecht bezahlten Autor*inn*en. Es ist die Polit-Nische des Computerzeitschriftenverlages Heise: Telepolis. Reaktionell zusammengehalten wird es von einem, gemeinsame persönliche Bekannte bestĂ€tigten mir das ausdrĂŒcklich, komplett verrĂŒckten Chefredakteur namens Florian Rötzer. Der Mann beantwortet nicht wirklich wichtige E-Mail-Zuschriften auch an Feiertagen innerhalb von 2 StĂŒndchen.
Seine Mitarbeiter*innen und Autor*inn*en sind, vorsichtig formuliert, sehr unterschiedlich, wie die Themen seines Magazins. Einzelne halte ich fĂŒr durchgeknallt, andere lese ich regelmĂ€ssig. Das ist wohl das Beste, was man zur redaktionellen Meinungsvielfalt eines Magazins sagen kann. In Zeiten propagandistisch ĂŒberdrehter “Leit- und QualitĂ€tsmedien”, also z.B. zur Ukraine, zu Saudi-Arabien, zum Griechenland-Bashing oder zu Katalonien, wird Telepolis zu meinem persönlichen Leitmedium.

Da jetzt viele in Urlaub und/oder familiĂ€r unterwegs sind, hier ein paar positve Empfehlungen fĂŒr die Heimkommenden aus dieser Feiertagswoche:

Thomas Steinfeld (SZ, ehem. FAZ) “mag keine Bewegungen”, will also typisch Feuilleton politisch wirkungslos bleiben, hat aber trotzdem Bedenkenswertes zu Karl Marx zu sagen (im neuen Jahr droht das allgemein-geschwĂ€tzige Abfeiern seines 200. Geburtstages.

Birgit GĂ€rtner tritt fĂŒr eine offen-offensive Diskussion der massenhaften Frauenmorde ein, egal, von wem sie begangen wurden und werden: “Das unwerte Leben der Mia aus Kandel“.

Christopher Stark beschreibt, analysiert und kritisiert die Bertelsmann-GLS-Bank-Connection, ein fĂŒr mich persönlich als GLS-Bank-Kunde extrem informativer weil alleinstehender Beitrag, ohne plattes Bashing, auch mit Respekt fĂŒr lobenswerte AktivitĂ€ten.

Chefredakteur Rötzer persönlich hat immer ein offenes Auge fĂŒr auslĂ€ndische Studien und Publikationen, hier zu “Steigende Mietpreise und geringes Einkommen verĂ€ndern StĂ€dte und die Gesellschaft“.
Die “Washington Post beschwört die “russische Gefahr” der “Kreml-Trolle”“, und Rötzer ordnet das absolut treffend und realistisch ein.

Extradienst-Gastautor Helmut Lorscheid berichtet ĂŒber die Überschuldung kleiner Solo-SelbststĂ€ndiger durch ĂŒberhöhte KrankenkassenbeitrĂ€ge, ein Thema ohne mĂ€chtige Lobby, zu dem folgerichtig politisch in Berlin nichts passiert, kein Thema.

In einem dreiteiligen Interview von Reinhard Jellen mit dem Marxisten Werner Seppmann geht es um den “faschistischen Charakter” der “kalifornischen Ideologie”, etwas weniger ressentimentgeladen hĂ€tten sie auch formulieren können: “Die Risiken der aktuellen Technologieentwicklungen fĂŒr gesellschaftlichen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse und die bĂŒrgerliche Demokratie”. 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil.
Update 31.12.: eine reformistische Realoversion zum gleichen Thema Gans heute im DLF-GesprÀch mit dem SZ-Redakteur Dirk von Gehlen.

Zwei Texte von Robert Kaltenbrunner (BBR Bonn), fleissiger Autor zu Fragen der Stadtplanung zur “Architektur der Gesellschaft”: “Über die Wechselwirkung von LebensumstĂ€nden und gebauter Umwelt“; “Teilhabe in und Aneignung der gebauten Umwelt“.

Sehr lesenswert und aufschlussreich: Jörg RĂ€wel ĂŒber “Soziale Medien und Empathie: Erbarmungsloses Gaffen“.

Wolfgang Pomrehns “subjektive Betrachtungen eines Berliner Fahrradfahrers” zum “tĂ€glichen Kampf auf den Strassen“. Immer lesenswert auch seine “Energie- und Klima-Wochenschau“.

Ausserhalb von Telepolis noch folgende Hinweise:

Holger Gertz, der wirklich bundesweit beste Schreiber im Sold einer Tageszeitung, schreibt heute auf der Seite 3 der SZ ĂŒber Karl Marx. Gertz steht nie online. So machen ihn seine Verleger publizistisch unschĂ€dlich, und versuchen uns – verzweifelt – zu verfĂŒhren, ihr Blatt zu kaufen, wofĂŒr Gertz einer der wirklich wenigen GrĂŒnde wĂ€re – diese Ausgabe gibts am Bahnhof noch bis Montag.

Robert Misik hat eine schöne mir aus der Seele sprechende Kolumne in der taz zum Thema politischer Optimismus in pessimistischen Zeiten; bei der taz auch (noch) nicht online, aber netterweise bei ihm selbst. Misik kommt fĂŒr mich gleich nach Gertz.