Vom 11. bis 13. Juni 2026 fand in Heiligenblut am Großglockner das 9. Forum Anthropozän statt. Dieser interdisziplinäre Kongress beleuchtete unter dem Leitthema „Nationalparks im Anthropozän“ das Zusammenspiel von Mensch, Natur und Innovation. Doch was verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff Anthropozän? Warum finden jährliche Fachtagungen statt? Welche Institutionen und Persönlichkeiten stehen hinter der Veranstaltung? Welche wissenschaftlichen Themen werden dort vorgetragen und diskutiert?

Anlass ist die Überzeugung einer Reihe von Wissenschaftlern, dass ein neues Erdzeitalter angebrochen ist – eine vom Menschen geprägt Epoche der Erdgeschichte.  Das altgriechische Wort Anthropos bedeutet Mensch, die Endung ‘zän’ steht für „neu“ oder „ungewöhnlich“. Daraus leitet sich die Bezeichnung Anthropozän ab. Nach Ansicht der Anhänger dieser Sichtweise erleben wir eine erdgeschichtliche Revolution, in der der Mensch zum geologischen Akteur und zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde wird. Was wir auf, in und mit der Erde tun, sei so tiefgreifend und langfristig, dass eine neue Erdepoche ausgerufen werden muss.

Die jährlichen Tagungen sollen dazu dienen, sich der Wirkung der Menschen auf die Zukunft bewusst zu werden. Dabei geht es nicht um Weltuntergangsdenken, sondern um die aktive Erkundung von Zukunftsszenarien und neue Formen der Zukunftsverantwortung. Der Mensch müsse seiner Verantwortung gerecht werden und den von ihm selbst geschaffenen Risiken begegnen. Er müsse ein neues Verständnis von Natur- und Umweltpolitik entwickeln und klären, welche Art von Wachstum im Anthropozän überhaupt zulässig ist.

Seit 2009 ist das Anthropozän wissenschaftliches Forschungsobjekt. Damals wurde die Anthropocene Working Group gegründet, die sich dieser neuen geologischen Zeiteinheit widmet. Rund 40 Persönlichkeiten arbeiten dort zusammen. Der Begriff Anthropozän wurde 2000 von dem verstorbenen Nobelpreisträger Paul Crutzen geschaffen. Er hatte angeregt, der gegenwärtigen, in vielerlei Hinsicht vom Menschen dominierten geologischen Epoche den Begriff Anthropozän zuzuordnen

Die Gruppe will den Status, die hierarchische Ebene und die Definition des Anthropozäns als mögliche neue formale Unterteilung der geologischen Zeitskala untersuchen und dabei die gleichen Kriterien anwenden, die in der Vergangenheit zur Festlegung neuer Epochen verwendet wurden. So soll geklärt werden, ob es tatsächlich eine Rechtfertigung oder Notwendigkeit für einen neuen Begriff gibt und, falls ja, wo und wie dessen Grenzen gezogen werden könnten.

Ab 2009 haben die Wissenschaftler der “Anthropocene Working Group” Indizien gesammelt und abgewogen und 2023 eine mit großer Mehrheit beschlossene Empfehlung vorgelegt: Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend, global und vor allem langfristig, dass dies eine neue geologische Epoche darstellt, das …. bereits im Jahr 2000 vorgeschlagene “Anthropozän”. Die Liste der Gründe für diese Behauptung geht über den menschengemachten Klimawandel, der vielleicht geeignet ist, die nächste Eiszeit zu verhindern, weit hinaus. 

Hauptziel der Arbeitsgruppe ist es, unwiderlegbare wissenschaftliche Belege zu liefern, damit das Anthropozän von der Internationalen Union der Geologischen Wissenschaften (IUGS) formell als neue Epoche innerhalb der geologischen Zeitskala anerkannt werden kann. Den Beginn sahen die Initiatoren im späten 18. Jahrhundert, also zu Beginn der Industriellen Revolution. Sie listeten Merkmale auf wie Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch, Bergbau, Wasserverbrauch, Luft- und Gewässerverschmutzung, Treibhauseffekt, FCKW-Einsatz und Ausdünnung des Ozonschutzes, Kunstdüngereinsatz, Versteppung und Desertifikation, Pandemien, Einschleppung gebietsfremder invasiver Tiere und Pflanzen und in neuerer Zeit Plastikpartikel im Meer und in den Sedimenten. Die Internationale Naturschutzorganisation IUCN ermittelte 2007, dass rund 12% der Vögel, 20% der Säugetiere, 29% der Amphibien vom Aussterben bedroht seien. Laut World Wildlife Fund sank die Artenvielfalt von 1970 bis 2005 um 27%.

Schon bald begann jedoch eine Debatte über den Beginn zwischen Anhängern der Früh-Anthropozän-Hypothese, die den Beginn bis in die Jungsteinzeit zurückdatierte, und Befürwortern jüngerer Daten, die von der Kolonisation Amerikas über das später 18. Jahrhundert bis zur Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg reichen. Die Arbeitsgruppe schlug vor, den Beginn des Anthropozäns anhand von Plutonium-Nachweisen festzulegen, die aus radioaktiven Niederschlägen von Atomwaffentests Mitte des 20. Jahrhunderts stammen und weltweit nachweisbar sind.

Die Bemühungen der Arbeitsgruppe, Anthropozän offiziell als neue Zeitepoche anerkennen zu lassen, schlugen bislang fehl. Der 2023 eingereichte Antrag zur Aufnahme des Anthropozäns in die Internationalen Chronostrategischen Tabellen, ermittelt anhand der Plutoniumwerte ab 1952, wurde 2024 von der Internationalen Kommission für Stratigrafie mit 12 zu 4 Stimmen abgelehnt. Dieses Gremium – eine Unterorganisation der International Union of Geological Sciences – ist zuständig für die Standardisierung der geologischen Zeitskala und der Erdgeschichte. Grund für das negative Votum war, dass die vorgelegten Daten es nicht zulassen, den gesamten menschlichen Einfluss auf die Erde zu erfassen.

Das ursächlich spezifische geologische Thema ist mittlerweile auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen angekommen. Dort wird  bemängelt, dass die Schaffung eines Anthropozän die Rolle des Menschen als aus der Natur hervorgehobener Art betone und keine Alternative entwickle. Im Gegenteil würden die bisherigen Aktivitäten der Menschen als Anlass bzw. Rechtfertigung zur Schaffung einer neuen Zeitepoche gebraucht. Ein solches Zivilisationsmodell sei „vom Machbarkeits- und Perfektibilitätswahn“ geprägt. Die Menschheit definiere sich selbst als geologische Epoche, obwohl noch keinesfalls feststehe, wie dauerhaft und wirkmächtig der menschliche Einfluss sein wird.

Manche Wissenschaftler sehen in der Einführung des Begriffs ‘Anthropozän’ ohnehin keinen Fortschritt, da eine solche Entscheidung keinen Einfluss auf die geologischen Erkenntnisse und Arbeiten keinen hätte. Anhänger der Anthropozän-These betonen hingegen, dass die Menschheit zur Naturgewalt geworden sein und dass dem Rechnung getragen werden müsse. Sie listen fünf Gründe auf, warum wir uns im Anthropozän befinden:

# Die Erde erwärmt sich – schneller denn je. Seit der industriellen Revolution 1850 verbrennt der Mensch verstärkt fossile Brennstoffe, der Anteil an Treibhausgasen in der Atmosphäre wächst rasant. Die globale Durchschnittstemperatur stieg bis heute um 1 Grad Celsius. Dadurch verändern sich Klima und Klimazonen, Katastrophen und extreme Wetterereignisse nehmen zu.

# Gemeinsam mit der Erde erwärmen sich die Meere. Die Polkappen schmelzen, Gletscher und Eisschilde schrumpfen rund um den Globus. Die Ozeane versauern. Korallen verschwinden. Meeresströmungen ändern sich. Das schmelzende Eis lässt den Meeresspiegel derzeit mehr ansteigen als jemals zuvor in den letzten 25 Jahren. Verheerenden Folgen für Ozeane und Küstenregionen machen im Laufe dieses Jahrhunderts viele Küstenregionen unbewohnbar.

# Immer mehr Arten sterben aus. Der Mensch gefährdet die Artenvielfalt rund um den Globus. Regenwälder werden abgeholzt, Industrie und Landwirtschaft verseuchen Gewässer und Böden, massiver Fischfang bedroht  natürliche Ökosysteme. Der Weltbiodiversitätsrat sagt ein generelles menschenverursachtes Artensterben im großen Stil voraus: eine Million Arten könnten in den nächsten Jahrzehnten aussterben.

# Menschenräume lösen Naturräume ab: Luftaufnahmen verdeutlichen, dass der Mensch zunehmend in natürliche Landschaften eingreift. Rund 75 Prozent der bewohnbaren Erdoberfläche sind bereits vom Menschen geformte Natur – sogenannte Anthrome. Nur noch knapp ein Viertel der Erdoberfläche sind unberührte Natur. Zwischen 2001 und 2015 wurden mehr als drei Millionen Quadratkilometer Wald gerodet – eine Fläche, die mehr als acht Mal so groß ist wie Deutschland.

# Wir leben in einem Technotop. Geschätzte 30 Billionen Tonnen hat der Mensch bislang produziert. Laut internationalen Studien belastet dies die Erde mit 50 kg pro Quadratmeter. Viele dieser Materialien – vor allem jene, die es in der Natur nie gegeben hat –  werden auch in Millionen Jahren als Technofossilien vom Anthropozän zeugen.

Das Anthropozän würde das Holozän ablösen, die gegenwärtige erdgeschichtliche Epoche, die vor 11.700 Jahren begann. Als jüngste Warmzeit folgte sie direkt auf das Pleistozän (die letzte Eiszeit) und ist durch eine globale Erwärmung, den Anstieg der Meeresspiegels sowie die Entwicklung der menschlichen Zivilisation geprägt.

Die Erde ist inzwischen 4,6 Milliarden Jahre alt. In dieser Zeit hat sie sich von einem glühenden giftigen Klumpen in einen Planeten mit mildem Klima entwickelt, bevölkert von zahllosen Tier- und Pflanzenarten. Diese Naturgewalt ist inzwischen weitgehend durch die  Kulturgewalt der Menschheit abgelöst worden. Diese bewegt für den Bau von Straßen und Städten zehnmal mehr Erdmassen als alle Flüsse, Winde und sonstigen Naturkräfte zusammen. Sie legt Kanäle und künstliche Seen an, rodet Wälder und zerstört Naturflächen. Selbst die Tiefsee und die Polklappen werden erkundet, mit Ausnahme des Erdinnern ist nichts unerforscht und ungenutzt geblieben. Diese Auswirkungen sind bleibend, mit ihnen müssen künftige Generationen klarkommen.

Die Erdgeschichte wird in Zeitabschnitte, wie das Äon Phanerozoikum, die Ära Mesozoikum oder die Periode Jura unterteilt. Das Jura umfasst zum Beispiel die Zeit von 201 bis 145 Millionen Jahre. Grundlagen für die Gliederung der Erdgeschichte sind Gesteinsschichten der Erdkruste, Fossilien und Klimaveränderungen. Aus diese Grundlagen lässt sich also keine Berechtigung ableiten, eine Epoche Anthropozän zu schaffen.

Ein Erdzeitalter ist ein geologischer Zeitabschnitt, der die Entwicklungsgeschichte der Erde unterteilt. Diese Einteilungen helfen dabei, die Entwicklung unseres Planeten und der Evolution zu verstehen. Sie erfolgen anhand von Fossilien, Klimaveränderungen und Gesteinsschichten und helfen dabei, die Entwicklung unseres Planeten und der Evolution nachzuvollziehen. Die gesamte Erdgeschichte wird in vier Hauptabschnitte (Ären) unterteilt, die jeweils weitere Unterperioden umfassen:

Erdfrühzeit (Präkambrium): Dieser Zeitraum umfasst die Entstehung der Erde vor ca. 4,6 Milliarden Jahren bis vor 541 Millionen Jahren. In den Ozeanen entstehen die ersten einfachen Lebensformen wie Bakterien und Algen. 

Erdaltertum (Paläozoikum): Dieser Zeitraum beträgt 541 bis 251 Millionen Jahre. Er ist gekennzeichnet durch die kambrische Explosion, eine vielfältige Artenentstehung. Fische, Amphibien und erste Reptilien entwickelten sich.

Erdmittelalter (Mesozoikum): Vor 251 bis 66 Millionen Jahren. Es ist das Zeitalter der Dinosaurier, das in die Perioden Trias, Jura und Kreide unterteilt wird.

Erdneuzeit (Känozoikum): Sie begann vor 66 Millionen Jahren nach dem Aussterben der Dinosaurier und dauert bis heute. In dieser Ära entwickelten sich die Säugetiere zur beherrschenden Lebensform und der moderne Mensch entstand. Die Kontinente verschoben sich in ihre heutige Lage. Geologisch wird die Erdneuzeit in drei wesentliche Perioden unterteilt:

~ Paläogen (vor 66 bis 23 Millionen Jahren): Nach dem Untergang der Dinosaurier breiteten sich die Säugetiere und Vögel massiv aus. Die Kontinente drifteten weiter auseinander und der Atlantik vergrößerte sich.

~ Neogen (vor 23 bis 2,6 Millionen Jahren): Erste menschenähnliche Vorfahren (Hominiden) entwickelten sich. Durch die Schließung der mittelamerikanischen Landbrücke und Kontinentalverschiebungen kühlte sich das globale Klima ab und die Vorläufer der heutigen Eiszeiten begannen.

~ Quartär (vor 2,6 Millionen Jahren bis heute): Diese jüngste Periode umfasst das Zeitalter der Eiszeiten und die Entstehung und Entwicklung des modernen Menschen (Homo sapiens). Diese Epoche wird in zwei Zeitabschnitte unterteilt: Erstens das Pleistozän, das eigentliche Eiszeitalter mit dem zyklischen Wechsel von Kaltzeiten (Glaziale) und Warmzeiten (Interglaziale); zweitens das Holozän, die nacheiszeitliche Warmzeit, in der sich die Menschheit seit etwa 11.700 Jahren befindet und die die heutige Zivilisation umfasst.

Über Heiner Jüttner:

Avatar-FotoDer Autor war von 1972 bis 1982 FDP-Mitglied, 1980 Bundestagskandidat, 1981-1982 Vorsitzender in Aachen, 1982-1983 Landesvorsitzender der Liberalen Demokraten NRW, 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.