Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 39. Jg., Heft 3/2026, erscheint: Ende September 2026
Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Konflikte führen immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen, in Europa findet ein Krieg statt, innenpolitisch wird die „Zeitenwende“ auch als polarisierende Zuspitzung gesellschaftspolitischer Entwicklungen wahrgenommen – aber von einer selbstbewussten, attraktiven und breiten Friedensbewegung kann hierzulande dennoch nicht die Rede sein.
Überlegungen zu einer Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland, Diskussionen über „Wehrtüchtigkeit“ und nicht zuletzt die Wiederbelebung der Wehrdienstfrage bilden eigentlich „günstige“ Rahmenbedingungen für ein breites friedenspolitisches Engagement. Vergleicht man die geringen Mobilisierungsaktivitäten vor dem Hintergrund der heutigen sicherheitspolitischen Lage und der „Kriege der Jetzt-Zeit“ etwa mit den Mobilisierungserfolgen der „Anti-Nachrüstungsbewegung“ Anfang der 1980er Jahre, so könnten die Unterschiede allerdings kaum größer sein. Das Thema „Friedensbewegung“ ist für eine breite innenpolitische Diskussionen gegenwärtig, so eine allgemeine Einschätzung, von nur geringer Relevanz. Andererseits ist festzustellen, dass Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen bemüht bleiben, vielfältige Aspekte und Gesichtspunkte als hemmende Rahmenbedingungen herauszuarbeiten – aber auch mit ihren kritischen Analysen und zeitdiagnostischen Betrachtungen der friedenspolitischen Auseinandersetzung neuen Schwung und Sichtbarkeit zu geben. Die Autor*innen der Ausgabe 3/2026 des Forschungsjournal Soziale Bewegungen, das zu dem Schwerpunkt „Quo vadis Friedensbewegung?“ in den nächsten Tagen erscheinen wird, wagen mit ihren Beiträgen eine „Standortbestimmung“. Unterm Strich gelingt es, ein differenziertes und buntes Bild zu zeichnen.
Den Themenschwerpunkt eröffnet Andreas Zumach mit seinen Überlegungen zu den Voraussetzungen für ein Wiedererstarken der Friedensbewegung. Deutschland erlebt die größte und gefährlichste Aufrüstung sowie die stärkste innergesellschaftliche Militarisierung seit 1945 mit gigantischen Kosten und Folgen für die Zukunft des Landes. Ähnliches geschieht in den meisten Mitgliedsstaaten der EU. Gegen diese gefährliche Entwicklung müssten viele Menschen demonstrieren und Widerstand leisten. Doch die deutsche Friedensbewegung brachte bei Demonstrationen der letzten Jahre nur wenige zehntausend Menschen auf die Straße. Was sind die Ursachen für diese Mobilisierungspleiten? Wie kann es der Friedensbewegung gelingen, erneut die Mitte der Gesellschaft zu erreichen? Andreas Zumach war Anfang der 1980er Jahre ein prägender Kopf und einflussreicher Stratege der Friedensbewegung – nicht zuletzt auch als wichtiger Organisator und erfolgreicher Akteur im Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung. Die schonungslose „Defizitbeschreibung“ seiner fundierten Analyse bietet Anlass und gibt wichtige Anstöße, um über die Zukunft der Friedensbewegung in unsicheren Zeiten problemorientiert zu diskutieren und produktiv zu streiten.
Pascal Beucker, Redakteur bei der taz, wirft einen Blick auf die Friedensbewegung zwischen nostalgischer Erinnerung, trostloser Gegenwart und dem Bangen um ihre Zukunft. Die Friedensbewegung in Deutschland befindet sich, so der Autor, in einem bedauernswerten Zustand. Das liegt zum einen daran, dass der Krieg Russlands zu gravierenden Verschiebungen im gesellschaftlichen Bewusstsein geführt hat. Weltbilder und lange gehegte Sicherheiten wurden zerstört, das Denken in den Kategorien militärischer Stärke erlebt eine Renaissance. Das allein erklärt jedoch nicht die Schwäche der Friedensbewegung. Vielmehr ist es ihr bis heute nicht gelungen, eine einheitliche und überzeugende Haltung zum russischen Angriffskrieg zu entwickeln. Das liegt daran, dass ein nicht unrelevanter Teil ein eher taktisches Verständnis von Pazifismus und Antimilitarismus hat. Wer jedoch einst – zurecht – „Amis raus aus Vietnam“ oder „Amis raus aus Irak“ gerufen hat, aber heute nicht bereit ist, auch „Russland raus aus der Ukraine“ zu fordern, verliert seine moralische Glaubwürdigkeit. Das wirkt sich negativ und damit demobilisierend auf die gesamte Friedensbewegung aus, schlussfolgert der Autor, dessen Publikation über „Pazifismus“ im aktuellen Heft des Forschungsjournal besprochen wird.
Aktuelle Fragen und kontroverse Gesichtspunkte rücken weitere Autoren in den Mittelpunkt ihrer Analysen. Klaus Moegling untersucht Appelle, Erklärungen und Aufrufe der Friedensbewegung. Im Rahmen seiner Pilotstudie werden ausgewählte friedenspolitische Texte, die sich auf den Krieg in der Ukraine beziehen, inhaltsanalytisch bearbeitet und verglichen. In der innovativen Studie geht er der Frage nach, inwieweit diese Texte einseitig formuliert sind bzw. einen unabhängigen und mehrperspektivischen Standpunkt einnehmen.
Phillip Bektas Kremser beobachtet eine Delegitimierung pazifistischer Akteure im deutschen sicherheitspolitischen Diskurs seit 2022. Zentrales Argument ist, dass die Delegitimierung zwar formal an prorussische oder gewaltrelativierende Erscheinungsformen des Friedensdiskurses adressiert ist, ihre diskursive Wirkung jedoch gerade jene pazifistischen Strömungen mittrifft, deren Funktion im Offenhalten politischer Denkräume besteht.
Martin Singe befasst sich mit der neuen Wehrpflicht im alten Gewand. Milliarden Euro Schulden wurden aufgenommen, um materielle Aufrüstung in allen Bereichen zu erzielen. Mit Zwang zur Erfassung und Musterung der Wehrpflichtigen wird die Wehrpflicht in vollem Umfang wieder vorbereitet. Dass eine Wehrpflicht und die Grundrechte auf Leben und Freiheit nicht zu vereinbaren sind, wird in der Debatte ausgeblendet.
Auch Peter Bürger gibt einen informativen Überblick zu einem wichtigen Diskussionsstrang. Er kritisiert die neue EKD-Denkschrift über Krieg und Frieden, die im November 2025 vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland vorgelegt worden ist. „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick: Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen“ wurde in der Berichterstattung der meisten Medien als notwendige Anpassung an die gewandelte Lage seit dem russischen Angriff auf die Ukraine begrüßt. „Bruch mit der Tradition der Friedensbewegung“ hieß es einerseits, aber andererseits folgte alsbald auch eine nicht abreißende Kette von Widerworten aus dem friedensbewegten Spektrum. Der Beitrag hilft, Schneisen der Erkenntnis durch das Dickicht der Meinungsbeiträge zu schlagen und motiviert für die weitere Beschäftigung mit der Denkschrift und deren Kritiker*innen.
Zwei weitgehend noch wenig untersuchte Aspekte beleuchten Greta Middendorf und Sophia Stanger mit ihren Beiträgen. Staaten sind längst nicht mehr die einzigen relevanten internationalen Akteure. Greta Middendorf lenkt den Blick darauf, dass Städte sich in Netzwerken zu Themen wie Klimawandel und Migration äußern. Auch zu anderen sicherheitspolitischen Themen melden sich Städte zu Wort und setzen sie sich weltweit für nukleare Abrüstung ein. Aufgrund der besonders hohen Mitgliederzahlen im Ruhrgebiet schaut diese Studie auf deren Handlungsfähigkeit als Friedensakteure für nukleare Abrüstung. Sophia Stanger analysiert das Verhältnis von Klimabewegung und Friedensbewegung. Obwohl die Themenbereiche Klima und Frieden eng verwoben sind, bleibt auf der Ebene sozialer Bewegungen diese Verknüpfung ein Randthema. Der Essay nimmt diese Lücke zum Ausgangspunkt und diskutiert – aus der Perspektive einer Forschenden, die sich beruflich wie zivilgesellschaftlich in beiden Bereichen engagiert – sechs Lernfelder für eine produktive Annäherung beider Bewegungen.
Abgerundet wird der Themenschwerpunkt mit zwei Beiträgen, in deren Mittelpunkt langjährig bestehende aktivistische Organisationen der feministischen Friedensbewegung stehen. Clara Jöster-Morisse, Heidi Meinzolt und Nina Nissen untersuchen feministische Friedensarbeit am Beispiel der Women’s International League for Peace and Freedom / Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (WILPF/IFFF). Angesichts neuer und eskalierender Kriege und Konflikte sowie tiefgreifender politischer Verschiebungen und zunehmenden Drucks auf feministische (Friedens-)Arbeit werden aktuelle Dynamiken und Herausforderungen in den Blick genommen. Der Beitrag arbeitet zentrale Strukturen und thematische Schwerpunktsetzungen heraus und zeigt, wie diese Analyse in konkrete politische Praxis übersetzt wird.
Anna Theresa Schreiber untersucht den Diskurs über Abrüstung und Demilitarisierung in feministischen Friedensbewegungen am Beispiel der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) als der ältesten noch bestehenden feministischen Friedensorganisation. Die globale Organisation hat auch eine deutsche Sektion, in der sich Mitglieder verschiedener Generationen im Friedensaktivismus engagieren und mit Friedensforschung aus intersektional-feministischer Perspektive befassen. Die Mitglieder sind typischerweise akademisch gebildet und international vernetzt. Die IFFF kann daher als Schnittstelle zwischen feministischer Friedensforschung, systemkritischem Aktivismus und internationaler Politik betrachtet werden.
In der Rubrik „Aktuelle Analyse“ analysieren Jens Struck, Maren Wegner, Daniela Hunold, Stefanie Kemme, Aaron Reudenbach und Kai E. Schubert das Thema „Polizei und Protest“ – Sie verstehen ihren Text als „Plädoyer für einen integrativen Mixed-Methods-Ansatz in der Protest Policing-Forschung“.
In der Rubrik „IPB beobachtet“ behandelt Myriam Ahmed die „Protestforschung zu Westasien und Nordafrika“. In dem Beitrag geht es um „Temporale, thematische und geografische Erweiterungen“.
Und in der Literaturrubrik bespricht Karin Urich eine Trilogie zu Krieg und Frieden – alle Bände sind im Kohlhammer Verlag erschienen: Hippler, Jochen 2024: Logik und Schrecken des Kriegs; Beucker, Pascal 2024: Pazifismus – ein Irrweg? sowie von Schubert, Hartwig 2024: Den Frieden verteidigen.
Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Analysen zu Demokratie und Zivilgesellschaft, 39. Jahrgang, Heft 3, September 2026, Schwerpunkt: „Quo vadis Friedensbewegung?“, Herausgeber Ansgar Klein & Jupp Legrand, 168 Seiten, Abonnementoptionen für 4 Ausgaben pro Jahr: Print Einzelkunden 60,00 €; Elektronisch Einzelkunden 49,00 €; Print + Elektronisch Einzelkunden 63,00 €. Kontakt zur Redaktion: ansgar.klein@snafu.de oder info@forschungsjournal.de. Zur Homepage hier entlang. Dieser Beitrag ist die Übernahme des Editorials der vorgestellten Veröffentlichung, mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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