Sachsen-Anhalt: Ein Sieg der AfD – oder eine Niederlage der Demokratie?
Niemand kann heute noch sagen: „Wir wussten das nicht.“ Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 wurde die AfD mit 43,8 Prozent der Stimmen mit großem Abstand stärkste Partei. Die CDU fiel auf 17,2 Prozent zurück und erlitt damit eine ihrer schwersten Wahlniederlagen in ihrer Geschichte. Die AfD verfehlte zwar die absolute Mehrheit, gewann jedoch 39 der 83 Sitze und ist damit zu einer entscheidenden politischen Kraft im Landtag geworden.
Dieses Ergebnis ist nicht über Nacht entstanden.
Der Aufstieg der AfD in den ostdeutschen Bundesländern – von Thüringen und Sachsen bis Sachsen-Anhalt – ist seit Langem zu beobachten. Die nun in Sachsen-Anhalt erreichten 43,8 Prozent zeigen, dass wir längst nicht mehr nur von einer Protestwahl sprechen können. Die AfD hat gesellschaftliche Unzufriedenheit in eine dauerhafte politische Kraft verwandelt.
Doch die entscheidende Frage lautet: Ist dies allein ein Erfolg der AfD – oder zugleich auch eine Folge des Versagens der anderen Parteien?
Ich denke, Letzteres ist mindestens genauso wichtig wie Ersteres. Die Sorge der Menschen um ihre wirtschaftliche Zukunft, die steigenden Lebenshaltungskosten, hohe Wohn- und Energiekosten, Bürokratie, der Wandel in der Industrie, unsichere Arbeitsplätze, die strukturellen Probleme Ostdeutschlands sowie die Probleme im Zusammenhang mit Migration verstärken das Gefühl von Unsicherheit und Misstrauen in der Gesellschaft.
Die AfD gibt auf diese realen Probleme jedoch häufig eine einfache Antwort: Ausländer, Geflüchtete, Migranten und „das System“ seien schuld. Indem gesellschaftliche Wut auf Migrantinnen und Migranten gelenkt wird, wird für komplexe Probleme ein einfacher Feind geschaffen. So wird die Wut der Menschen über ihre tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Probleme auf ein anderes Ziel gelenkt.
Doch hier stellt sich eine weitere Frage: Warum gelingt es der AfD, so viele Menschen für sich zu gewinnen?
Die Antwort darauf allein in den Parolen und politischen Botschaften der AfD zu suchen, reicht nicht aus. Auch die Parteien der politischen Mitte, die in den vergangenen zwanzig Jahren Regierungsverantwortung getragen haben, müssen ihre eigene Politik kritisch hinterfragen.
SPD, CDU, Grüne und Linkspartei haben es nicht ausreichend geschafft, auf die wirtschaftlichen und sozialen Sorgen großer Teile der Bevölkerung überzeugende und starke Antworten zu geben. Der durch Digitalisierung und wirtschaftlichen Strukturwandel verursachte Verlust von Arbeitsplätzen, die Verlagerung von Produktion in Länder mit niedrigeren Lohnkosten, soziale Ungleichheit, Probleme bei Migration und Integration sowie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Belastungen infolge des Russland-Ukraine-Krieges haben die Zukunftsängste vieler Menschen verstärkt.
Diese politische Lücke hat die AfD gefüllt. Demokratien werden nicht allein dadurch geschützt, dass Menschen an die Wahlurne gehen. Demokratie lebt auch davon, dass Menschen sich als Teil dieser Gesellschaft fühlen, dass sie Gerechtigkeit erfahren, soziale Sicherheit haben und mit Hoffnung in die Zukunft blicken können.
Angesichts des Wahlerfolgs der AfD reicht es deshalb heute nicht aus, nur zu fragen: „Warum hat die AfD so viele Stimmen bekommen?“
Die eigentlichen Fragen lauten:
Warum haben die Menschen das Vertrauen in die bestehenden Parteien verloren?
Warum richtet sich die gesellschaftliche Wut zunehmend auf den Rechtspopulismus?
Und wie wollen die demokratischen Parteien auf diese Entwicklung reagieren und eine neue gesellschaftliche und soziale Politik entwickeln?
Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist eine Warnung.
Diese Warnung zu ignorieren bedeutet, die Ergebnisse von morgen bereits heute hinzunehmen. Niemand soll morgen sagen: „Wir wussten es nicht.“ Denn jetzt wissen wir es. Die Schritte des Faschismus werden immer lauter – auf den Straßen, in der Politik, in den Adern unserer Gesellschaft.
Wenn wir heute schweigen, werden wir morgen nicht nur über die Wahlergebnisse sprechen müssen, sondern auch über die Folgen unseres Schweigens. Wir werden dann nicht mehr sagen können: Wir haben es nicht gesehen. Wir haben es nicht gehört.

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