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Bunte Bahn mit Schleudersitzen

Über meine – und die Erfahrungen anderer älterer Menschen habe ich hier schon mal geschrieben. Ich fahre ja weiterhin mit den Dingern, auch weil die Linie 66 noch immer nicht wieder fährt. Eine Tatsache, die die DB-App übrigens vollständig negiert. Bei “Bahn.de” ist die 66 weiterhin in Betrieb, die bekommen das nicht geregelt, auf den Ersatzverkehr zu verweisen. Laut SWB hat die DB damit “technische Probleme”.

Sei es drum, mich interessiert auch, wie in Bonn bei großen Anschaffungen wie diesen neuen Skoda-Bahnen die Behinderten und ihre Fürsprecher – also vor allem die Behindertenbeauftragte der Stadt Bonn einbezogen werden. In Bonn ist ein ganzes Gremium als “Behindertenbeauftragte der Stadt” tätig. Es heißt “Behinderten-Gemeinschaft”. Sie wurde einbezogen – aber nicht etwa bei der Auswahl auf Grundlage der Ausschreibung oder, was noch klüger gewesen wäre, bereits bei der Formulierung der Ausschreibung, auf deren Grundlage Skoda schließlich zum Zuge kam. Angeblich aufgrund der Klimaanlage und ein bisschen auch wegen des äußeren Eindrucks. Sie sehen ja wirklich gut aus, die neuen rot-weißen Straßenbahnen, die zwischen den Bonner Stadtteilen Oberkassel oder Auerberg und Dottendorf verkehren. Für das Design – rote Polstersitze auf hellem Holz – wurde der Hersteller Skoda gleich zweimal ausgezeichnet.
Bei der Jungfernfahrt zeigte sich auch die damalige Bonner Oberbürgermeisterin Katja Dörner ganz angetan vom frischen Eindruck der Bahn – helles Holz und rote Sitze. Ganz toll…

Doch zum eigentlichen Thema. Ich habe mit der Geschäftsführerin der Behinderten-Gemeinschaft Bonn, Marion Frohn, länger telefoniert. Ein besonderes Augenmerk legt Marion Frohn, natürlich auf die Barrierefreiheit. Sie sei aber leider erst einbezogen worden, nach dem die Verträge mit Skoda bereits geschlossen waren und es um einzelne Details des Fahrgastbereichs ging. Nicht etwa schon bei der Formulierung der Ausschreibung. Marion Frohn wurde von der SWB in einer Pressemitteilung anläßlich der Inbetriebnahme so zitiert: “Im Entwicklungsprozess der Bahn hat sich aus meiner Sicht gezeigt, dass es sinnvoll war, dass die Behinderten-Gemeinschaft Bonn und SWB kooperiert haben, um die größtmögliche Barrierefreiheit herzustellen”, lobt Frohn. So zu lesen in der Pressemitteilung der SWB zur Jungfernfahrt im Dezember 2024.

Nun DsStellt sich die Frage, wie schlecht der Entwurf der Bahn gewesen sein muß, wenn das, was letztlich tatsächlich fährt, auf der Grundlage einer Kooperation mit der Behinderen-Gemeinschaft fertiggestellt wurde und angeblich den Vorschlägen und Bitten der Behinderten-Gemeinschaft Rechnung getragen wurde.

Ich habe in den vergangenen Wochen mit vielen Fahrgästen gesprochen und dabei bewußt Menschen mit Behinderungen angesprochen. Deren Erfahrungen decken sich mit meinen Kritikpunkten.
Für die SWB ist die Welt dagegen in Ordnung. Siehe meinen Artikel aus dem Juni 26. Aber ich habe auch mit Kommunalpolitikern darüber korrespondiert, denn die SWB hatte mir ja mitgeteilt: “Der Bonner Stadtrat hat in seiner Sitzung am 6. Juli 2017 beschlossen die Fahrzeuge zu erwerben. Die Vorgängerfahrzeuge von DUEWAG/Siemens (seit 1994) waren in die Jahre gekommen und mussten ausgetauscht werden.”

Vom SPD-Fraktionsvorsitzenden und Mitglied des entsprechenden Ausschusses, Max Biniek, erhielt ich hingegen diese Antwort: “Zu Ihrer Frage, wer solche Fahrzeuge anschafft: Beschafft werden die Bahnen von den Stadtwerken Bonn (SWB Bus und Bahn) als Betreiberin, nicht durch den Rat oder die Fraktionen. Rechtlich zwingend ist eine europaweite Ausschreibung. Den Zuschlag erhielt Ende 2019 – nicht 2017 – die Firma Škoda mit dem wirtschaftlichsten Angebot. Der Auftrag umfasst 28 Niederflurbahnen, die die über 30 Jahre alten Fahrzeuge von 1994 auf den Linien 61 und 62 ersetzen. Die abschließende Entscheidung über eine solche Beschaffung trifft der Aufsichtsrat der Stadtwerke Bus und Bahn, auf Grundlage des zuvor erstellten Leistungsverzeichnisses und der eingegangenen Angebote.” Widersprüchliche Aussagen, die sich bestimmt noch klären lassen.

In meinen Gesprächen mit älteren Fahrgästen wussten einige von – mal mehr, mal weniger schmerzhaften – Stürzen in den neuen Bahnen zu berichten. Manche aus eigener Erfahrung, andere verwiesen auf NachbarInnen (es fahren offenbar wesentlich mehr ältere Frauen als Männer mit den Bahnen) oder berichteten über Unfälle, die sie selbst mit erlebt haben. Als Ursachen wurde oft das ruckhafte und sehr schnelle Anfahren der Bahnen genannt, sowie die Klappsitze, für deren Aufklappen zwischen Einstieg und Abfahrt der Bahnen zu wenig Zeit wäre. Die Bahnen führen los, bevor man Platz nehmen könne. Zwei meiner Gesprächspartnerinnen bezeichneten die Klappsitze – unabhängig von einander als “Schleudersitze” Das Argument, dass es in den neuen Bahnen zu wenig Möglichkeiten zum festhalten gäbe, weist die SWB zurück. Diesen Punkt versprach Stadtrat Biniek gegenüber der SWB nochmals zur Sprache zu bringen.

Liest man die PR-Erklärungen der SWB über die Einbeziehung der Bonner Behinderten-Gemeinschaft, so könnte man den Eindruck bekommen, die Behinderten wären frühzeitig einbezogen worden. Tatsächlich wurden sie erst nach dem Kauf der Bahnen bei Skoda einbezogen. Sie durften sich in einer Art Dummy umschauen und ihre Verbesserungsvorschläge machen. Sie wurden nicht in den Auswahlprozeß der konkurrierenden Angebote einbezogen und schon gar nicht in die Formulierung der Ausschreibungsunterlagen. Dies habe sich mittlerweile geändert, ist zu hören.

Man darf gespannt sein, wie sich das auswirkt. Die neuen Stadtbahnen jedenfalls sehen vor allem gut aus. Ich persönlich würde leuchtend roten Polstersitze jedenfalls unbequemere aber pflegeleichte Plastiksitze vorziehen.

Ein Kommentar

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    Martin Böttger

    Lieber Helmut, Deinem informativen Beitrag stimme ich in allen Punkten zu. Ausser im letzten. Als häufiger Nutzer der 16 und 18 zwischen Bonn und Köln hasse ich die industriell-reinigungsfreundlichen Hartschalensitze der Kölner Bahnen, auch wenn die derzeit gegenüber den Bonner Stoffbezügen den Vorteil anbieten, tatsächlich zu fahren. Nach 45-60 Minuten Fahrzeit sind Rückenschmerzen garantiert.
    Interessanterweise haben die in Köln ähnliche Probleme wie Bonn
    https://www1.wdr.de/nrw/koeln/sorgen-um-kvb-fuhrpark-koeln-100.html
    scheinen sie aber geringfügig besser zu managen.
    Heute lese ich,
    https://www1.wdr.de/nrw/rheinland/bonn/swb-aufsichtsratsitzung-bahnen-bonn-100.html
    dass die vom SWB-Aufsichtsrat beauftragte teure-multinationale-Juristen-Kanzlei, “inzwischen ihre Arbeit aufgenommen” habe, obwohl doch die “Geduld” des absolut unschuldigen SWB-Aufsichtsrates, dem ja keiner was gesagt hat und der deswegen keinesfalls bei irgendwas dabeigewesen ist, schon vor 15 Tagen “aufgebraucht” gewesen sein soll.
    https://www1.wdr.de/nrw/rheinland/bonn/aufsichtsrat-stadtwerke-bonn-100.html
    Nein, ich reg’ mich nicht auf. Mann ist ja dankbar, wenn mal wirklich was fährt … Insbesondere den SWB-Beschäftigten, auf deren Rücken das alles ausgetragen wird.

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