Vor 70 Jahren traten die Heldinnen des Fussballs zum ersten Mal illegal (!) auf – vor 18.000 überwiegend Männern, bei mir umme Ecke

Ich war noch Embryo und konnte deswegen nicht kommen. 1969-76 wohnte ich umme Ecke, und habe auf dem Platz selbst gepölt. Wusste aber absolut nichts von seiner historischen Bedeutung. Er war Heimat der TSG Karnap 07. Ich pölte meistens auf dem Kleinfeld des konkurrierenden SG Karnap an der Lohwiese, weil der Rasenplatz im Matthias-Stinnes-Stadion streng behütet wurde. Heute ist sein nahezu spurloses Verschwinden eine Schande für die Pleitestadt Essen.

Doch lassen wir uns die Freude an einer würdevollen Erinnerung nicht verderben. Diese WDR-Veröffentlichung brachte mich darauf:

“70-jähriges Jubiläum: Trotz Verbots – Erstes Frauenfußball-Länderspiel in Essen – Der DFB behauptete, Fußball sei schlecht für den weiblichen Körper. Also organisierten Frauen ihre eigene WM, 18.000 schauten zu. Renate Breß klopfte das Herz vor dem Einlaufen bis zum Hals: ‘Wir sind rein, die Nationalhymne wurde gespielt und da hatte ich natürlich Gänsehaut pur’, erinnerte sich Breß im Interview mit der WDR Lokalzeit anlässlich des 50. Jubiläums im Jahre 2006.”

Noch mehr Mut als die “Illegalität” ihres Tuns verlangte von den Pionierinnen des Frauenfussballs, was sie sich von den Männern (und ebenso frauenfeindlichen Frauen!) aufm Platz, auffe Arbeit, inner Schule und zuhause anhören mussten. “Bodyshaming” kannte niemand als Wort. Aber umso mehr als alltägliche Praxis. Das war für diese Frauen die Hölle. Und das heldinnenhafte daran war, dass sie sich davon nicht niedermachen liessen, sondern daran wuchsen und immer stärker und selbstbewusster wurden. Grossartig. Ich wäre dafür zu feige gewesen.

Fragen Sie mal die Bonnerin Beverly Ranger, deutsche Meisterin 1975 und Torschützin des Monats Juni, was sie noch als “legale” Starspielerin und Titelträgerin ertragen musste. 46 Jahre benötigte die ARD-Sportschau, um sich bei ihr in Charlotte/North Carolina zu entschuldigen.

Und heute?

Gute Frage. Hier die Antwort aus meiner – mit weitem Abstand – Lieblings-Labersendung im deutschsprachigen TV, die bezeichnenderweise in der Schweiz entsteht:

“Dicke Körper, dünne Moral – Kate Manne über Fettfeindlichkeit, Fatshaming, Mansplaining – Zwischen Body Positivity und Ozempic-Boom: Philosophin Kate Manne zeigt, warum Fettfeindlichkeit mehr ist als eine Gesundheitsdebatte, und stellt verbreitete Vorurteile über Körper infrage.” 58 min. Verfügbar 1 Jahr.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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