Stellen sie sich vor, in Moskau würden junge Menschen gegen Putin auf die Straße gehen und die Regierung setzt gegen die Demonstranten Störsender ein. Sperrt das Internet und Metro-Stationen.  Dazu prügeln Polizisten brutal auf junge Demonstranten ein und drohen einzelnen von ihnen, dass sie bei ihrer nächsten Festnahme Drogen in ihren Rucksäcken gefunden werden .  Wenn dann noch junge Demonstranten in St. Peterburg auf die Straße gehen, in Solidarität mit den jungen Menschen in Moskau, und auf der Stelle verhaftet werden, hätten sie sofort Russland-Experten in allen deutschen Medien, die ihnen erklären, dass der Frust der russischen Jugend gegen das Putin-Regime schon lange gärt und nun ausbricht, wobei der Anlass – ein Skandal im Bildungsbereich – nur der Auslöser, aber nicht der Hauptgrund ist.

Das würde ich den Kollegen sogar abnehmen. Ich habe mich in den letzten drei Jahren mit dutzenden jungen Russen und Russinnen unterhalten, die den größten Teil des Jahres in Moskau oder St. Petersburg leben. Sie sind nicht anders als die progressiven jungen Menschen in Deutschland und halten auch ihren 73-jährigen Putin für einen geistigen Neandertaler.

Nun passieren aber all diese Dinge in Indien, der größten Demokratie der Erde, wie es so oft heißt. Seit mehreren Jahren thematisiere ich den tiefen Frust, der jungen Menschen in Indien. Und der besteht nicht nur aus dem Punkt, dass es trotz eines Masterabschlusses kaum Aussicht auf einen Job gibt und das Bildung immer mehr privatisiert wird . Im 21. Jahrhundert haben junge Inder, die sich an der Wissenschaft orientieren, einen 75-jährigen Premierminister, der öffentlich erklärt, dass in Indien vor 2000 Jahren die erste Kopftransplantation durchgeführt wurde.

Ihre alten Medien nennen die jungen Menschen schon lange nur noch verächtlich Godi-Medien. Da werden Superschnellzüge gefeiert, Flughäfen für die Oberschicht und eine neue Autobahn nach der anderen, dazu ihr Land als nächste Supermacht dargestellt. Dabei bekommt die Regierung, die seit 12 Jahren ununterbrochen an der Macht ist, nicht einmal eine halbwegs anständige Kanalisation hin. Indiens Müllentsorgung besteht von Delhi bis Kolkata  aus kokelnden Müllbergen. Zwei Millionen Inder sterben im Schnitt jedes Jahr an verpesteter Luft und so geht das schon seit Jahren.

Das wäre so, als würden in Deutschland jedes Jahr 120.000 Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung sterben, also beinahe doppelt so viele Opfer, wie bei uns von März 2021 bis März 2022 an Covid-19 verstorben sind.  70 Prozent des Oberflächen-Wassers in Indien sind verseucht und das auch schon seit langem . Nahezu allen indischen Großstädten geht das Trinkwasser aus.

 Bei den aktuellen Demonstrationen in Delhi und anderen indischen Städten, weisen auch unsere Medien nicht einmal darauf hin, dass die Innenstadt Delhis mit Kameras überwacht wird – wie alle anderen größeren Städte Indiens übrigens auch. Im südindischen Hyderabad gibt es im öffentlichen Raum pro Bürger vier Mal mehr Überwachungskameras als in Moskau oder St. Petersburg.

Israelische Überwachungstechnik gegen die Oppostion

 Dazu gibt es seit mindestens vier Jahren mehr als Indizien, dass die Modi-Regierung die israelische Spionagetechnik Pegasus gegen die politische Opposition im eigenen Land einsetzt und gegen kritische Medienvertreter und Aktivsten sowieso. 

Im indischen Bundesstaat Manipur herrschen seit 2023 bürgerkriegsähnliche Zustände:. Ausgelöst wurden sie von der ethnischen Bevölkerungsgruppe der Meitei. Sie sind anti-christlich eingestellt und voll auf der Hindutva -Linie von Narendra Modi. Bis jetzt wurden 60.000 Menschen vertrieben. Mindestens 258 Menschen ermordet und über 1000 zum Teil schwer verletzt. Dazu 400 Kirchen zerstört, oder beschädigt und 132 Tempel verwüstet  Wenn das in Russland passiert, wüssten sie das schon lange.

Der 60-Jährige Sonam Wanschuk, der die jungen Menschen in Delhi mit einem Hungerstreik in ihrem Protest unterstützte, ist für viele junge wie alte progressive Menschen in Indien ein Held. Er stammt aus der Bergregion Ladakh und engagierte sich früh für den besseren Zugang zu Bildungssystemen für die Menschen der Bergregion. Dazu entwickelte Sonam unter anderem ein solarbeheiztes Zelt, das er gemeinsam mit dem indischen Militär entwarf. Zudem entwarf er ein kostengünstiges Lehmhaus, das eine Temperatur von 15 Grad Celsius auch bei Außentemperaturen von minus 15 Grad Celsius aufrechterhalten kann.

.Als er im Jahr 2024 einen Protestmarsch für mehr Autonomie seiner Heimatregion anführte, wurde er das erste Mal verhaftet. Als im letzten Jahr in Ladakh Proteste vorwiegend junger Menschen ausbrachen, bei denen auch Demonstranten erschossen wurden, kam Sonam als Sündenbock wieder ins Gefängnis. Ohne Prozess nach dem Gesetz zur nationalen Sicherheit (NSA) zur „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“. Das macht es der Modi-Regierung möglich, eine verdächtige Person bis zu zwölf Monate ohne Anklage zu inhaftieren.

Auch über den Bildungsministers der indischen Regierung, dessen Rücktritt die jungen Demonstranten in Indien fordern, ist nicht nur in Deutschland unbekannt. Herr Dharmendra Pradhan ist nicht nur irgendein Minister, er ist der Mastermind hinter den Wahlerfolgen von Modis Bharatiya Janata Party (BJP). Bei indischen Wahlen geht es nicht um Programme. Es geht völlig nüchtern darum, mit welchen Ethnien und Kasten ein Wahlerfolg möglich ist. Nationalismus, Hindutva-Ideologie, Hass auf Minderheiten und Wahlgeschenke in Form direkten Geldzahlungen sind nur das Sahnehäubchen.

Indischer Fortschritt

In Indien geht also gerade ähnliches vor, wie in Nepal oder Bangladesch .Nur haben die jungen Menschen in Indien mehr zu verlieren, als die Jungen in ihren Nachbarländern. Als jemand, der seit 26 Jahren Indien und seine Nachbarländer bereist, habe ich mit Anerkennung und Freude die Fortschritte in Indien wahrgenommen. 

Schon 2002 wurde in Delhi die erste Metro eröffnet und dann rasant zu einem allumfassenden Transportsystem erweitert. Frauen traten mit einer Macht und Geschwindigkeit in den öffentlichen Raum, wie ich es mir im Jahr 2000 niemals hätte vorstellen können. Indien begann sich zu allen Seiten hin zu öffnen, trotzdem blieb es das bunte Indien, mit seinen hunderten von Sprachen und tausenden von verschiedenen Ethnien die überwiegend friedlich in einem unüberschaubaren Gewusel miteinander lebten.

Die Wahl von Narendra Modi 2014 war in der Theorie übrigens ein weiterer Schritt nach oben in der Entwicklung Indiens. Seit der Gründung 1947 hatte die Kongress Partei die indische Politik bestimmt.

Die Menschen hatten genug, von den üblichen und oft korrupten Gesichtern in der Politik. Nein, ich kann sie beruhigen. Nahezu jeder Indien-Experte wusste, welches trojanische Pferd mit Narendra Modi für die Demokratie Indiens kommt und sie erinnerten regelmässig daran.

Aber in Indiens Gesellschaft herrschte damals Aufbruchsstimmung. Es bildeten sich schon 2011 zivile Massenorganisation gegen Korruption, aus der dann eine neue politische Partei entstand, die sogar die Wahlen in Delhi gewann .

Zudem hatte Narendra Modi wie Donald Trump ein weltweites Phänomen auf seiner Seite. Als sie gewählt wurden, herrschte in ihren Ländern die größte finanzielle Ungleichheit jemals. Das half ihnen das „Establishment“ anzuklagen. Klar: Unter ihren Regierungen ging dieses „Phänomen“ weiter.

Dass die indischen Medien fast ohne Widerstand zu Narendra Modi überliefen überraschte übrigens nicht: In Indien finanzieren sich gerade Zeitungen zu einem großen Teil aus Werbeanzeigen der Regierung. So trauen junge Menschen in Indien schon lange nicht mehr den alten Medien und für sie war das Internet ein Geschenk.

Tatenlosigkeit traumatisiert

In Deutschland ist das für viele junge Menschen mittlerweile ähnlich. Ein Paradebeispiel liegt nur ein paar Wochen entfernt. Vor dem Parteitag der AfD in Erfurt malten vorwiegend die alten Medien über eine Woche lang ein Bild von den Demonstranten, als hätten diese vor, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Das hauptsächliche Ziel auch der vielen jungen unter den 17.000 Demonstranten, die sich an den Sitzblockaden beteiligten, war auch nicht den Parteitag zu verhindern: So naiv waren und sind sie nicht. Die jungen Menschen die an der Demo teilnahmen, und die ich sprechen dufte, sagten mir, dass es ihnen darum gegangen war, sich mit anderen Menschen zu vernetzen. Zu lernen sich auf der Straße zu organisieren, zu lernen mit den Aggressionen der Polizei umzugehen.  Am Ende musste selbst die Polizei zugeben, dass die Großdemo in Erfurt überwiegend friedlich abgelaufen ist . 

Ein paar Monate nach der Räumung von Lützerath hatte ich einen jungen Menschen 5 Tage in meinem Garten: Er war nicht nur von der Gewalt der Räumung traumatisiert, auch von der Tatenlosigkeit Deutschlands und der gesamten westlichen Welt in Sachen Klimakatastrophe. Da saß ein 23-Jähriger Mensch vor mir, der das Internet dazu benutzt hatte sich zu informieren, so dass er nur eins konnte: sich selbst aktiv zu engagieren und war nun nach einem Jahr völlig demoralisiert. 

Da bekommt eine Gesellschaft eine junge Generation, deren krasseste Vertreter sich auf die Straße kleben, um auf die Tatenlosigkeit in Sachen Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Und als Dank für ihre Friedfertigkeit werden sie beschimpft, angespuckt, verprügelt und kriminalisiert. Etwa 85 Prozent der Deutschen verurteilten in Umfragen die Protestform dieser jungen Menschen und die meisten Medien machten mit – weil es Zuspruch und Klicks gab. Mit dem üblichen Alzheimer-Syndrom verwiesen sie auf die netten Jungs und Mädels von „Fridays for Future“. Dabei waren es auch um 2019 vorwiegend die alten Medien, die gemeinsam mit Lindner und Co. arrogant erklärten, solch wichtige Dinge mal lieber den „Profis“ zu überlassen .

Fazit: Was in Indien passiert, passiert gerade fast überall auf der Erde. Mehr und mehr junge Menschen wissen, dass es nicht nur ein paar Reförmchen hier und da braucht. Ihnen ist völlig bewusst, dass ihre Regierungen, ihre Wirtschaft und die meisten ihrer älteren Mitbürger in einem System und Denken gefangen sind, deren Folgen nun auch in Europa angekommen sind. Hitze, Starkregen oder Trockenheit. Weiter ansteigende finanzielle Ungleichheit und immer höhere Mieten. Dabei warnten nicht nur die Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten vor der Klimakatastrophe, sondern 1989 sogar Margareth Thatcher, die eigentlich für ihre neoliberale Politik bekannt war.

Nicht intelligenter, aber besser informiert

Und nein, ich halte die jungen Menschen heute nicht für intelligenter. Es ist heute aber viel einfacher sich zu informieren und so ist der Anteil an informierten Menschen in ihren Generationen halt größer, als früher und immer noch weit von einer Mehrheit entfernt. 

In Indien musste sich Narendra Modi den Druck der jungen Menschen beugen, weil immer mehr von ihnen auf die Straße strömten. Der Bildungsminister trat am Samstag zurück. Überraschung? Null. Wie ich direkt am Anfang der Proteste vor einer Woche schrieb, hat die Revolution in Indien (erst) begonnen .

Und was die ökologische Katastrophe angeht, die in Indien stattfindet und die jetzt schon schweren Folgen des Klimawandels: Im östlichen Bundesstaat Assam mussten nach starken Regenfällen und Überschwemmungen schon 650.000 Menschen evakuiert werden – 66 Menschen verloren ihr Leben. In den Bergen Kaschmirs sorgten schwere Regenfälle zeitgleich für Erdrutsche, bei denen 28 Menschen starben . Das schlimmste: Für Indien sind das für diese Jahreszeit ganz normale Nachrichten, höchstens die Namen der verschütteten Orte sind andere. Sobald der Monsun ab Anfang Oktober abklingt, wird die Luftverschmutzung übernehmen. Ab Mitte März die Hitze und Dürre.

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.