Bonns Lokalpresse – was wird bleiben?

Von , am Samstag, 24. Februar 2018, in Beuel & Umland, Medien.

In den Hochrechnungen über das Auflagen-Sterben der deutschen Lokalpresse schneidet der Bonner General-Anzeiger mit seinem Gebietsmonopol noch relativ vorteilhaft ab: erst in rund 30 Jahren soll er tot sein. Wohlweislich verhandelt sein Verlag schon mit anderen Verlagen über Modalitäten irgendwo zwischen “Kooperation” und Komplettverkauf.

Als ich im vorigen Jahrtausend nach Bonn kam, gab es zwar keine fortschrittliche Lokalpresse, aber für das Publikum eine gewisse Auswahl. Das damals schon führende Lokalblatt wurde in meinen Kreisen mit dem wenig liebevollen Kosenamen “General-Verschweiger” bedacht (so boshaft wäre ich heute nicht mehr, und das Blatt ist es auch nicht). Daneben gab es die – noch konservativere – Bonner Rundschau als Ableger der der CDU und Katholischen Kirche nahestehenden Kölnischen Rundschau. Die Lokalredaktion traute sich mitunter mehr, als der GA. Manche meiner Studienfreund*inn*e*n machten dort ein Praktikum.
Von grosser Bedeutung im Rheinland war damals noch der zu DuMont-Schauberg gehörende Express als regionale, und politisch gemässigte Konkurrenz zur Bild-sog.Zeitung. Er geht jedoch mit weit höherer Geschwindigkeit als der GA den Weg aller Boulevardzeitungen: der Auflagenexitus ist in Sichtweite.
Aus Sympathie hatte ich zeitweise den Rhein-Sieg-Anzeiger (Ableger des Kölner Stadtanzeiger) abonniert. Der hatte zwar nur zwei Bonner Lokalseiten, die aber oft von hoher Qualität – jedenfalls immer wenn Thomas Agthe der Autor war. Kein Lokaljournalist verstand die Bonner Kommunalpolitik besser als er. Diese beste Mini-Lokalredaktion war selbstverständlich die erste, die von ihrem Verleger dichtgemacht wurde.
Spätestens mit der Installierung der WDR-Regionalfenster im Dritten TV-Programm musste der GA seine Verschweiger-Mentalität ablegen. Heute kann er sie sich sowieso nicht mehr leisten. Mit der Digitalisierung steigt zwar der Lärmpegel und das Volumen des geworfenen Schmutzes; aber “Verschweigen” ist nicht mehr möglich. Alles kommt raus – wir müssen nur wissen, wo es zu finden ist ;-)
Über die Qualität des Bonner WDR-Regionalfensters könnten wir lange streiten. Ich kann mich gut an freie Mitarbeiter*innen erinnern, die nicht nur keine Ahnung von Kommunalpolitik hatten, sondern noch nicht mal wussten, wo das Rathaus ist. Zeitweilig regierte in Köln ein Redaktionsleiter, der sich in der Themensetzung an seiner Bild-Lektüre orientierte. Es gab und gibt aber auch immer informierte (die älteren) und engagierte (nicht wenige der jungen) Mitarbeiter*innen, die in der Regel keine feste Planstelle haben, sondern immer neue Aufträge baggern müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich gucke das Fensterprogramm meistens nicht – es ist aber im Dritten täglich der klare Einschaltquotenhammer vor der Tagesschau; und darum im WDR heilig.

Gegenwärtig ist zu beobachten, dass der Express, kaum dass er die Leitung endlich mit einer Frau (Marion Steeger) besetzt hat, nur noch sporadische Bonn-Seiten druckt. Ich kann mir bis heute nicht merken, an welchen Tagen. Meistens schaue ich bei Olivotti in dieses schnell durcharbeitbare – und im Sportteil hanebüchen FC-fixierte – Blatt hinein.
General-Anzeiger-Verleger Neusser hat seine zeitweilige Geschäftsfreundschaft mit dem Kölner Konzern DuMont-Schauberg, nach allem was ich gehört habe, aufgekündigt. Und spricht jetzt mit dem Verlag der Rheinischen “Pest”, was sie ihm zu welchen Bedingungen und Preisen abzukaufen bereit sind. Vermutlich sitzen die Justiziariate beider Seiten auch intensiv mit dem Kartellamt zusammen. Ärger mit Staatsanwälten gab es ja schon. So ist das beim Generationswechsel in Familienunternehmen.
Die Beschäftigten werden nervöser und nervöser, die innerbetrieblichen Entwicklungen beruhigen sie schon lange nicht mehr. Sie haben mehr Mitleid und Solidarität verdient, als die ihnen die Arbeit wegnehmenden Millionärsfamilien.

Lokalberichterstattung wird von solchen Verlagen sicher nicht mehr ausgebaut. Sie wird sich neue Wege der Realisierung und Verbreitung suchen müssen. Andere Möglichkeiten gibt es genug. Immerhin dafür machen die Verlegerfamilien den Weg frei. Es wurde nur noch kein Weg gefunden, professionellen Lokaljournalismus auch zu finanzieren. Öffentlich-rechtlich, Crowdfunding, Stiftungsgründungen etc. – wird alles zur Zeit ausprobiert, aber läuft noch nicht richtig. Vielleicht müssen wir als Bürger*innen mehr selbstmachen.

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