In den Hochrechnungen ĂŒber das Auflagen-Sterben der deutschen Lokalpresse schneidet der Bonner General-Anzeiger mit seinem Gebietsmonopol noch relativ vorteilhaft ab: erst in rund 30 Jahren soll er tot sein. Wohlweislich verhandelt sein Verlag schon mit anderen Verlagen ĂŒber ModalitĂ€ten irgendwo zwischen “Kooperation” und Komplettverkauf.

Als ich im vorigen Jahrtausend nach Bonn kam, gab es zwar keine fortschrittliche Lokalpresse, aber fĂŒr das Publikum eine gewisse Auswahl. Das damals schon fĂŒhrende Lokalblatt wurde in meinen Kreisen mit dem wenig liebevollen Kosenamen “General-Verschweiger” bedacht (so boshaft wĂ€re ich heute nicht mehr, und das Blatt ist es auch nicht). Daneben gab es die – noch konservativere – Bonner Rundschau als Ableger der der CDU und Katholischen Kirche nahestehenden Kölnischen Rundschau. Die Lokalredaktion traute sich mitunter mehr, als der GA. Manche meiner Studienfreund*inn*e*n machten dort ein Praktikum.
Von grosser Bedeutung im Rheinland war damals noch der zu DuMont-Schauberg gehörende Express als regionale, und politisch gemÀssigte Konkurrenz zur Bild-sog.Zeitung. Er geht jedoch mit weit höherer Geschwindigkeit als der GA den Weg aller Boulevardzeitungen: der Auflagenexitus ist in Sichtweite.
Aus Sympathie hatte ich zeitweise den Rhein-Sieg-Anzeiger (Ableger des Kölner Stadtanzeiger) abonniert. Der hatte zwar nur zwei Bonner Lokalseiten, die aber oft von hoher QualitĂ€t – jedenfalls immer wenn Thomas Agthe der Autor war. Kein Lokaljournalist verstand die Bonner Kommunalpolitik besser als er. Diese beste Mini-Lokalredaktion war selbstverstĂ€ndlich die erste, die von ihrem Verleger dichtgemacht wurde.
SpĂ€testens mit der Installierung der WDR-Regionalfenster im Dritten TV-Programm musste der GA seine Verschweiger-MentalitĂ€t ablegen. Heute kann er sie sich sowieso nicht mehr leisten. Mit der Digitalisierung steigt zwar der LĂ€rmpegel und das Volumen des geworfenen Schmutzes; aber “Verschweigen” ist nicht mehr möglich. Alles kommt raus – wir mĂŒssen nur wissen, wo es zu finden ist ;-)
Über die QualitĂ€t des Bonner WDR-Regionalfensters könnten wir lange streiten. Ich kann mich gut an freie Mitarbeiter*innen erinnern, die nicht nur keine Ahnung von Kommunalpolitik hatten, sondern noch nicht mal wussten, wo das Rathaus ist. Zeitweilig regierte in Köln ein Redaktionsleiter, der sich in der Themensetzung an seiner Bild-LektĂŒre orientierte. Es gab und gibt aber auch immer informierte (die Ă€lteren) und engagierte (nicht wenige der jungen) Mitarbeiter*innen, die in der Regel keine feste Planstelle haben, sondern immer neue AuftrĂ€ge baggern mĂŒssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich gucke das Fensterprogramm meistens nicht – es ist aber im Dritten tĂ€glich der klare Einschaltquotenhammer vor der Tagesschau; und darum im WDR heilig.

GegenwĂ€rtig ist zu beobachten, dass der Express, kaum dass er die Leitung endlich mit einer Frau (Marion Steeger) besetzt hat, nur noch sporadische Bonn-Seiten druckt. Ich kann mir bis heute nicht merken, an welchen Tagen. Meistens schaue ich bei Olivotti in dieses schnell durcharbeitbare – und im Sportteil hanebĂŒchen FC-fixierte – Blatt hinein.
General-Anzeiger-Verleger Neusser hat seine zeitweilige GeschĂ€ftsfreundschaft mit dem Kölner Konzern DuMont-Schauberg, nach allem was ich gehört habe, aufgekĂŒndigt. Und spricht jetzt mit dem Verlag der Rheinischen “Pest”, was sie ihm zu welchen Bedingungen und Preisen abzukaufen bereit sind. Vermutlich sitzen die Justiziariate beider Seiten auch intensiv mit dem Kartellamt zusammen. Ärger mit StaatsanwĂ€lten gab es ja schon. So ist das beim Generationswechsel in Familienunternehmen.
Die BeschÀftigten werden nervöser und nervöser, die innerbetrieblichen Entwicklungen beruhigen sie schon lange nicht mehr. Sie haben mehr Mitleid und SolidaritÀt verdient, als die ihnen die Arbeit wegnehmenden MillionÀrsfamilien.

Lokalberichterstattung wird von solchen Verlagen sicher nicht mehr ausgebaut. Sie wird sich neue Wege der Realisierung und Verbreitung suchen mĂŒssen. Andere Möglichkeiten gibt es genug. Immerhin dafĂŒr machen die Verlegerfamilien den Weg frei. Es wurde nur noch kein Weg gefunden, professionellen Lokaljournalismus auch zu finanzieren. Öffentlich-rechtlich, Crowdfunding, StiftungsgrĂŒndungen etc. – wird alles zur Zeit ausprobiert, aber lĂ€uft noch nicht richtig. Vielleicht mĂŒssen wir als BĂŒrger*innen mehr selbstmachen.