Deutschland ist ein Autoland. Die Autoindustrie ist die deutsche Schlüsselindustrie und bindet rund 800.000 Arbeitsplätze. Sie steht seit dem Dieselskandal mit dem Rücken zur Wand. Andererseits ist das Auto fast das einzige Industrieprodukt, das noch das Prädikat “Made in Germany” trägt.

Die Automobilität ist das Synonym für Freiheit und Individualität. Im rollenden Wohnzimmer kann man ungezügelt seinen Lastern fröhnen. In Bussen oder Bahnen hingegen ist man Teil einer anonymen Masse. Die Mitfahrer*innen kann man sich nicht aussuchen und die Individualität ist aufgrund von Fahrplänen und komplizierten Tarifsystemen nicht auslebbar.

Zugegeben, ich schätze meine individuelle Mobilität per Fahrrad auch sehr. Es ist ein völlig anderes Gefühl, sich den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen als sich in einen total überfüllten Bus oder einen verspäteten Zug zu quetschen.

Trotzdem besteht kein Zweifel. Das Auto wird in Deutschland religiös weit überhöht. Denn warum erklimmen PS-starke SUV’s Rekordverkaufszahlen, warum gibt es zu jeder Wohnung mindestens zwei Pkw-Stellplätze, warum sind die meisten Parkplätze kostenlos, warum werden immer wieder Radwege und Straßenbahnen durch parkende PKWs blockiert und warum wird bei Gesprächsterminen stets gefragt: “Wo stehen Sie?”, obwohl das Auto gemeint ist und nicht die Person?. Genau das ist irrational und religiös überhöht.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich alle Verkehrsteilnehmer*innen als gleichberechtigt sehen würden. Selbst davon sind wir weit entfernt. Insofern nehme ich es durchaus mit einer gewissen Genugtuung wahr, dass die Automobilität nach dem Dieselurteil des Bundesverwaltungsgerichts mit dem Rücken zur Wand steht.

Über den/die Autor*in: Rainer Bohnet