Vor einigen Tagen meldeten deutsche Wirtschaftsteile besorgt, der als jähzornig bekannte saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman habe angekündigt, deutsche Konzerne von saudischen Milliarden-Ausschreibungen und -Aufträgen auszuschliessen, weil wir hier alle zu saudikritisch und zu iranfreundlich sind. Liegt es vielleicht an den Lebens- und Machtverhältnissen in diesen Ländern? Die in beiden Fällen nicht mit Demokratie zu tun haben, aber im Iran mehr Widerspruchsgeist öffentlich werden lassen?
Ein weiterer Grund könnte die Liebe unseres Grosskapitals und unserer Regierung zu Katar sein. Darüber kann sich ein jähzorniger Feudalherrscher gewiss besonders aufregen. Der nahostkundige Korrespondent der FAZ Christoph Ehrhardt erlaubt sich einen informativen Katar-Bericht, der beim erlauchten Bin Salman garantiert die eine oder andere Ader anschwellen lässt, wenn er die Übersetzung erhält.
German-Foreign-Policy könnte es ausnahmsweise auch in die Tageslektüre seiner hochwohlgeborenen Billionärs-Exzellenz schaffen: die deutsch-katarischen Beziehungen wachsen organisch, nachhaltig, zum beiderseitigen Vorteil unter Superreichen, das gilt auch und besonders für den Fussball, der 2022 dort sein Welthauptquartier aufschlagen soll (der hier gesetzte Link verschwindet in einigen Tagen in einem Paywall-Archiv, für den Kronprinz kein Problem, aber für Sie und mich). Wenn bis dahin noch kein Krieg ist, mit all den schönen deutschen Waffen auf beiden Seiten. Das wäre mal ein Job für einen nahostkompetenten Bundesaussenminister: zu verhindern, dass es so weit kommt.
Während die deutsche Fussball-Nomenklatura es sich im Winter in Katar wohlsein lässt, kann sie sehr stutenbissig reagieren, wenn es um Marktanteile und internen Konkurrenzkampf geht. Michael Ballack ist einst rausgeflogen, weil sein Berater zielgerichtet die Mannschaftsharmonie mit homophoben Sticheleien stören wollte. Dabei ist die sexuelle Orientierung der Jungs eigentlich nebensächlich. Wenn es ihnen aber nicht gelingt, ein Supertalent wie Leroy Sane ins Mannschaftsspiel zu integrieren, der gewiss egomanisch selbstbesoffen von seiner grossen Fangemeinde sein dürfte (er ist 22), dann ist das für amtierende Weltmeister (inkl. dem Bundesfussballlehrer) kein Zeichen von Stärke sondern von Schwäche. Wer wie Herr Löw nicht nur seine Berater*innen mit Herrn Gündogan teilt und seine wichtigsten Geschäftsfreunde in den Konzernhauptquartieren von München und Leverkusen verortet – der braucht keine Feinde mehr. Bei uns als Fans sieht so ein Mangel an Sozialkompetenz fatal arm aus. Titelverteidigung haben solche Schwächlinge kaum verdient.
Aber wie wärs mit einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Beziehungen des DFB und seiner Mitglieder zu Katar, unter besonderer Berücksichtigung möglicher Korruptionstatbestände rund um den Kauf des “Sommermärchens 2006” bei der kriminellen Vereinigung Fifa, das uns doch angeblich so herrlich entkrampft hat, dass wir uns jetzt wieder trauen Faschisten zu wählen? Welche Rolle spielten die diversen Bundeskanzler und ihre Kanzleramtsleitungen, welche die diversen immer der CDU angehörenden DFB-Präsidenten?