Wundersame Bahn (VI)

Von , am Samstag, 23. Juni 2018, in Beuel & Umland, Politik.

Die EU ist am Ende – Bahnfahrer*innen wissen das früher als Andere

Gestern auf dem Weg von Bonn nach Essen. “Beachten Sie bitte die geänderte Wagenreihung”, “ca. 70 Min. später”, “fällt heute aus” – diese Informationen wurden zur freien Wahl an den Überresten des Bonner Hauptbahnhofes angeboten. Das Ergebnis war immer gleich: der IC nach Essen fährt nicht. Wohlweislich hatte ich mir die Fahrkarte tags zuvor am Bahnhof Beuel geholt, bei einem echten Menschen am Schalter, 20 Min. Wartezeit, weil vor mir eine Dame ein Therapiegespräch benötigte. Die ganze Voraussicht – vergeblich.
Ersatzweise nutzte ich den RE 5, den ich noch von meinem Berufspendeln kenne, freitags kann das die bessere Wahl sein. Weil er eigentlich immer voll ist, ist der freitags nicht voller als sonst, im Gegensatz zu ICs und ICEs. Einen Preisnachlass für diesen Abstieg in eine untere Zugkategorie gibts natürlich nicht. In umgekehrter Richtung dagegen können Sie wie ein*e Schwarzfahrer*in behandelt werden. Immerhin fuhr er verspätungsfrei, “heute nur bis Oberhausen wegen Bauarbeiten“. Das betraf mich nicht. Die S-Bahn von Oberhausen nach Essen-Altenessen, der abgewrackteste ehemalige Fernbahnhof, den ich kenne – der Bahnsteig wurde abgerüstet, damit auch umgeleitete ICs dort nicht aus Versehen zum Ein- und Aussteigen halten können. Das Bahnhofsgebäude ist seit Jahrzehnten abgerissen, übrig blieb ein öffentlicher Angstraum.
Kurz zusammengefasst: ich bin angekommen.

Eine Verbesserung – das gibt es wirklich noch

Zur Rückfahrt nach Bonn guckte ich mir den 22 h-IC ab Essen aus. Bis vor kurzem kam der – gerne mit Verspätungen – aus Binz auf Rügen. Der Fahrplan wurde umgebaut, jetzt kommt er aus Hamburg-Altona, pünktlich. Weil ich zeitig am Essener Hbf. war, hatte ich Zeit für ein ausgedehnteres Abfahrtsplan-Studium. Dabei fiel mir positiv auf, dass die Fernzüge zur vollen Stunde ab Essen nach Süden über Bonn keine ICEs mehr sind. Viele Jahre regte ich mich immer wieder darüber auf, dass die, obwohl sie auf diesen Gleisen keine Minute schneller fuhren, einen erhöhten Fahrpreis erforderten. Ich habe den grundsätzlich immer erst in bar im Zug entrichtet; oft genug verzichtete das Zugbegleitpersonal entnervt und freiwillig kulant darauf. In NRW bringen ICEs 0 Komfortgewinn. Sie sind nicht schneller, der Sitzkonmfort war nur beim ICE-1 besser, die Gastronomie unterscheidet sich ebenfalls nicht vorteilhaft.
Das war die gute Erkenntnis.

EU existiert beim Bahnfahren nicht

Vom Bahnhof Essen-Altenessen bin ich zu BRD/DDR-Zeiten noch mit Interzonenzügen nach Westberlin gefahren, auch Potsdam und Görlitz waren erreichbar, trotz “Eisernem Vorhang”. Heute fährt selbst von Essen Hbf., umringt von den Bürotürmen mehrerer Dax-Konzerne, überhaupt kein Zug mehr ins Ausland. Ausnahmen: Paris (Thalys, fährt ohne DB-Beteiligung und ausserhalb des Takt- und Tarifsystems; dieser Zug schadet dem Ansehen Frankreichs im Ausland, in erster Linie wg. seiner skandalösen Gastronomie), Innsbruck und Basel. Hier fuhren früher Züge von Dortmund nach Athen oder Palermo durch. Prag und Budapest wurden umsteigefrei angefahren. Port Bou – kurz vor Barcelona – war mit Kurswagen erreichbar, übrigens mit Halt in Bonn-Beuel. ICs fuhren nach Venedig, Schlafwagen nach Florenz und Genua, TUI-Urlaubsexpress die ganze Adriaküste runter nach Lecce oder Rijeka, nördlich gings nach Kopenhagen (mit einem eigenen WDR-Tatort) mit Kurswagen nach Stockholm. Und der König des europäischen Fernverkehrs kam hier durch: der Paris-Moskau-Express (auch wenns am Schluss nur noch einen Kurswagen bis Moskau gab). Heute existiert nur noch ein Restaurant dieses Namens fussläufig vom Berliner Hbf. entfernt. Das Restaurant war eher da, ist jetzt eingemauert vom Schießscharten-Gebäude des Bundesinnenministeriums. Wenn Sie in Berlin stranden: Küche und Wein sind eine Genusspause wert.
Aber der Zug ist weg. Der europäische Bahnverkehr ist ein vorweggenommener Spiegel der Politik: Grenzen werden nicht überwunden, sondern errichtet. Statt einer gemeinsamen Infrastruktur gibts eine neoliberal aufgesplitterte Konzernwirtschaft, alle arbeiten nur für die Bilanz, nicht für uns. Wenn alles kaputt ist, kommen die Chines*inn*en und machens neu.

Und übrigens: ich kam verspätungs und komplikationsfrei zurück nach Bonn. Für einen Freitagabend ist das eine Nachricht wert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.